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Dritter Jahrgang.

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orNiss e.

Mr- 76

Kassel, Sonntag den 31. März

1830.

Reineke - Radowitz in Grfnrt

Was große Erfolge haben soll, muß der Gesinnung, der Auffassungswcise des Mit­telstands entsprechen und aus seiner eignen " Mitte sich erheben. Es darf nicht aus den Tiefen (des Irrthums ) emporsteigen, son­dern muß sich nach Form und Gehalt in der Region der außerstengeistigenMit- telMäßigkeit hallen!

Radowitz: Gespräche aus der Gegenwart über Staat und Kirche. (Erschien >846.)

Alâ Reincke Fuchs Zsegrimm den Wolf zu bezwingen gedachte, bewässerte er seinen Schwanz mit seinem Wasser, zog ihn durch den Sand und schlug ihn dem Wolf in die Augen. Und der Wolf war wüthend, waS von Jsegrimm allerdings zu erwarten war. Als Reineke Fuchs dagegen die besonnenen Gemüther der Schaafe überwäl­tigen wollte, ließ er den Sand weg und schlug ihnen nur lächelnd und zierlich mit dem nassen Schwanz in die Augen, daß ihnen die Thräne» an den Backen herabliefen. Und sie riefen: sehr gut! und riefen: Bravo! wie es von ihrembesonnenen Muth" und ihrer muthigen Besonnenheit nicht anders zu erwarten war. Denn cS war schon viel, daß er sich überhaupt herabließ, sie höchsteigenschwänzig zu bewässern, und so höflich mit so gutmüthigen Mienen und mit so gefälligen Manieren.

Sie riefen Bravo! und einige Stimmen von Gotha, worunter wahrscheinlich auch die Bierstimme des verkommenen ToastierS Soiron, bildeten die Klaque und gaben das Zeichen zum Beifall bei den zier­lichen aalglatten Streichen. Und wahrhaftig! Selbst mit einer Dio- gencölaterne wird man hinter diesen Fuchsstrcichcn und Redensarten keinen tröstlichen Inhalt entdecken, und hinter diesem diplomatischen Fuchspelz keinen aufrichtigen Charakter. Und dennoch dieser Jubel! Dieser Jubel Ertrinkender, denen ein hämischer Feind einen Stroh­halm zuwirft, den sie in ihrer Todesangst als Rettuugemittel umarmen, um mit ihm zu versinken. Fassen wir nur einige der Stellen der FuchSvede zusammen, welche daS größte Strohfcuer dcö Enthusiasmus bei unseren bekannten Gothaern hervorriefen, so werden wir leicht daö Stroh darin erkennen. Man höre!Wir schließen keinem unserer deutschen Bruderstämme die Thür, aber wir drängen auch Niemanden zu einem andern Entschluß, als den er für sich selbst als den dienlich­sten erkennt." (Bravo!)So verstehen wir die Freiheit und Selbstständigkeit." (Bravo!)Ein Verfahren des strengsten Rechts und beispielloser Selbstverleugnung sOktroyirung und Zwang ist strengstes Recht!)" (Bravo!)Besonnener Muth, muthige Besonnenheit sPhrase auö Gotha)" (Bravo!) Man betrachtet die Dinge nicht nach ihrem wirklichen Verlauf, sondern von einem selbstgewählten Standpunkt auS." (Bravo!)Welche innere und äußere Nothwendigkeit die preußische Regierung dahin führte, in der deutschen Frage die Initiative zu ergreifen, auch dies ist nach kurzer Frist für Viele innerhalb und außerhalb Preußens in bewußter und unbewußter Vergeßlichkeit untcrgegangen." (Lebhaftes Bravo!)" Ich setze nicht voraus, daß irgend Jemand (hier) an nie­drige Gewinnsucht denke." (Bravo!)Beide Forderungen Oesterreichs und Preußens konnten sich, richtig verstanden, die Hände bieten." (Sehr gut! Bravo!) BcklagenSwcrthe Schlußfolgerung, waS Preußen vorteilhaft sei, müsse Oesterreich nach­theilig sein." (Sehr gut! Lebhaftes Bravo!)Ebenso ein Trugschluß, was Preußen an Deutschland gebe, daS büße es selber ein." (Sehr gut! Bravo!)Aber nicht also!" (Lebhaftes Bravo!)Preußen wird Nichts verlieren rc., wenn Deutschland erstarkt." (Bravo!) _Die Mannichfaltigkeit staatlicher Körper vernichten wollen, hieße unsere ganze Geschichte verleugnen." (Bravo!) »Gott bewahre unS davor." (Sehr gut! Bravo!)Einmal

erweckt, ist der Geist nicht wieder zu bannen." (Bravo!)Die rückläufige Bewegung ist nur scheinbar, sie muß wieder rechtläufig wer­den." (Bravo!)Allerdings haben wir noch in jüngster Zeit Worte deS gehässigsten Angriffs auf diese Vorschläge vernehmen müssen." (Sehr gut! Bravo!)Preußen meint eS ehrlich", in verschie­denen Wendungen. (Bravo!)Nicht so die Könige!" (Bravo!) Preußen schlägt die Einigung sehr hoch an, aber die Ehre (deS Primats) und das Recht (sie zu verhindern) noch höher." (Bravo!) Will man dieses romantisch (nein, jesuitisch!) nennen; ich nenne eS ehrlich, und ehrlich währt am längsten (deshalb unbrauch­bar, wenn man kurz zum Ziel kommen will!)!" (Lebhaftes Bravo!)

Diese Phrasen entnehmen wir nur der ersten Hälfte der Rede, die zweite bietet ganz ähnliche. Dieser Radowitz bleibt der Ansicht getreu, die er in seinen Gesprächen über die Gegenwart aufstellt, die wir alS Motto unserem Artikel vorangesetzt. Dieser FuchS kennt seine Leute, seine Henkels und Soironö! Nur so nichtssagend alS möglich, so trivial, so gedankenlos als möglich, so mittelmäßig wenn nicht an Form doch an Gehalt, alS möglich, nur so wird man die Mittelklassen oder die Mittelmäßigkeit (waS bei ihm dasselbe) gewinnen; denn die Mittelklassen mit ihrer Mittelmäßigkeit beherrschen leider die Welt, schreibt er in demselben Buche (S. 328). In der ganzen Rede findet sich keine einzige Stelle, die eine Ver­heißung der Freiheit, auch nur konstitutioneller Freiheit, genannt wer­den könnte; eS findet sich im Gegentheil eine Deduktion, welche dem Erfurter Machwerk den Stempel der Reaktion aufdrückt. Nado- witz sagt: Oesterreich und die Königreiche halten das Erfurter Werk für revolutionär, rufen wir die Demokraten als unparteiische Richter auf, sie werden die Wahrheit sagen! Ja, sie sagen die Wahrheit! Alle diese Altlibcralcn, diese Vorkämpfer der Konstitutionen sind rettungslos nicht blos dem Absolutismus verfallen, seitdem sie mit einem B od elsch w i n gh die Linke eines Zwangsinstituts bilden, und dem Jesuitismus eines Radowitz Beifall zujauchzen, sondern der totalen Verrücktheit oder, was noch unendlich schlim­mer ! der bodenlosen Schamlosigkeit ä la Soiron! Und diese Armseligen deliriren von Haß und Furcht, von Seiten der extremen Parteien gegen sie! - Wer noch einen Gran von Gefühl in sich trägt, wird sie bedauern und bemitleiden; er wird trauern über bad Geschick der Nation und beS Vaterlandes, daS einstmals in die Hände von solch jammervollen Knochen- und inarklosen Gestalten gelegt war. WaS Reineke - Radowitz betrifft, so braucht man nur einen Blick in jenes obenerwähnte Buch zu thun, und man wird mit jenen Armse­ligen ein tiefeS Mitleid fühlen, die sich im Augenblickin und außer­halb Preußen, bewußt oder unbewußt" von seinen Netzen umgarnen lassen. DaS erwähnte Buch schließt mit dem Wunsche, daß gläubige Protestanten und gläubige Katholiken im Angriff Zusammenhalten müßtenin dem guten Streit gegen die zerstörenden Schaarcn, die aus den Sümpfen dcö Rationalismus und aus den Abgründen gottesfeindlichcr Spekulation hervorgebrochcn sind (S. 368)". In diesen wenigen Worten liegt die Uebereinstimmung der Kabinette Oe- sterrcichS und Preußens, beS pietistisch - protestantischen und dcö ultra* montanen Absolutismus, und der Bund derselben gegen die Rationa­listen und Spekulanten der Politik, gegen die konstitutionellen Sumpf­vögel und gegen die gottlosen Radikalen. Denn Rationalismus und PscudolibcraüömuS sind nach Radowitz Doppelgänger, ebensoder or­dinäre Atheismus in seiner brutalen Consequenz (S. 376)" und der Radikalismus. Damit man aber nicht zweifle, wie er über bad Königthum devke, läßt er den Obersten Arneburg, der der Schrift- sicllcr Radowitz selbst ist, (S. 236) sagen:Ich verehre in der Person beS Königs Gottes gesalbten Stellvertreter, der die Geschicke der Völker lenkt, und nur dem ewi-