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Dritter Jahrgang.
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HP' 75. Kassel, Sonnabend den 30. März 1850.
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Rußland, ein diplomatisches Ammenmärchen.
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Rußland ist keine Militärmacht. Im Jahre 1846 gaben die offiziellen Tabellen deS Kriegsministeriums den Bestand deS HeereS auf 600,000 Mann an. Wollen wir nun auch das Unmögliche für möglich halten und annchmen, daß eine kaiserlich russische Behörde einmal die Wahrheit gesagt habe, daß das Kriegöministerium selbst von den bei den statistischen Angaben sehr interessieren Regiments * und Compagnie -Chefs nicht belogen worden sei, daß die später einberufenen Reserven zur Ausfüllung der gesetzlichen und ungesetzlichen Lücken hinreichend gewesen; — alle diese unwahrscheinlichen Fälle vorausgesetzt, würde selbst ein Effectivbestand von 600,000 Mann Rußland noch nicht befähigen, einen auswärtigen Krieg zu führen. Wenigstens 200,000 Mann sind nö Hig zur Besetzung der weitläufigen kaukasischen FestungS- kette und zur Behauptung der Defensive, auch in friedlichen Zeiten verlangt die Niederhaltung deS polnischen Elements eine Macht von mindestens 100,000 Mann und bei politischen Bewegungen im Abendlande sicherlich noch mehr, die russischen Pläne auf die Donauländer erheischen die Conccntration eineS Armeekorps in der Nähe der Wallachischen Gränze. Bringt man nun noch in Anschlag, daß die innere Verwaltung, Justiz und Polizei militärisch organisirt und wesentlich auf Truppenmacht basirt ist, daß sowohl die Steuern als die Rckrutirun- gen militärisch exckutirt werden müssen, daß das despotische Regiment bedeutende Besatzungen in Petersburg und Moskau verlangt, theils zum Schutze der kaiserlichen Familie, theils zur Niederhaltung deS übermächtigen Vojarenlhumö, berücksichtigt man ferner die weitläufigen Grenzen deS ungeheuern Reichs, welche geschützt werden müssen, die vielen Festungen, welche nicht ohne Garnison bleiben können, die verschiedenartigen, zum Theil feindseligen Vvlköelemcnte, welche bewacht und russifljirt werden sollen, die bedenkliche Stimmung deS Bauernstandes, welcher am Vorabende einer sozialen Revolution steht und nur durch Bajonette abgehalten werden kann, die Gutsherren seiner Rache zu opfern; — so vermag man leicht zu berechnen, wie viel für einen auswärtigen Krieg übrig bleibt. Wann und wo hat überhaupt Rußland jemals eine bedeutende Armee in'S Feld geschickt? Außer dem polnischen und ungarischen Feldzüge ist mir kein Fall bekannt *).
Die polnische Revolution von 1830 drohte den ganzen künstlichen Bau deS CzaarcnrcichcS in Trümmer zu schlagen, ihre Wellen fluihe-
Selbst zu dem Defensivkriege, gegen Napoleon konnte Rußland nur MOMO Mann auf die Beine bringen.. p.ic bl ed.
ten bereits über ganz Kleinrußland und schlugen an die entferntesten Steppen der Kosacken, in denen daâ Bewußtsein deS früheren Zusammenhangs mit Polen und der alten, von der russischen Knute und Militärdressur zu Tode gehetzten Freiheit noch nicht erloschen ist. ES galt also, alle Kräfte zusammenzuraffen. Die eigentlich nur zur allerhöchsten Augenweide und zur Bewunderung der fremden Diplomatie bestimmten Garderegimenter in Petersburg mußten marschieren bis auf drei, welche zur Besatzung der Residenz absolut nothwendig waren, und dennoch erreichte die polnische Armee erst dann die Stärke von 180,000 Mann, als PaSkiewitsch daS persische CorpS mit der von Diebitsch kommandirten Macht' verbunden hatte. Die Hauptwaffen hier, wie in Ungarn, waren die Bestechung. — Die zum ungarischen Kriege verwandte Armee mag sich etwa gleich hoch belaufen haben und konnte gleichwohl nur durch Entblößung dcö Kaukasus zusammengebracht werden. Die Folgen blieben nicht auS, denn gar bald erschienen im „Invaliden" jene berühmten BülletinS, in welchen daS „siegreiche Vordringen" Woronzow'ü, daS Mit dem Verluste ganzer, seit Jahren besessener Distrikte endete, und das Aufgeben von Festungen aus „strategischen Gründen" eine stereotype Rolle spielte. — Und dieses Rußland wird von der preußischen Diplomatie benutzt, um ihre reaktionären Gräuelthaten den sogenannten Drohungen des Czaaren gegenüber zu beschönigen, SchleSwig-Holstein einen königl. preußischen Frieden zu vktroyiren und allüberall die Regungen der Volksfreiheit in Banden zu schlagen? Eitle Thoren, ihr! Ihr kennt Rußland recht wohl, aber wir kennen eS auch. Vielleicht beginnt man schon zu ahnen, daß der NimbuS, mit dem der „nordische Koloß" von der Diplomatie umgeben worden ist, seine Macht verloren hat; daher sucht man jetzt auf daö zum Verzweifeln „gute Herz." deS deutschen Michels, dessen Aberglaube nicht mehr vorhalten will, in naivster Weise einzuwirken , und die „Wes. Ztg." nebst, den übrigen getreuen Schildknappen des PreußenthumS muß von den heißes Th rä n e n reden, welche der knutengewaltige Czaar über die Folgen der preußischen Politik geweint habe, von der „liebreichen Kaiserin und wahrhaft treuen Mutter und Freundin, die sehr leidend darniederliegt" und am gebrochenen Herzen sterben wird. Thränen in den Augen Nikolaus, wie rührend!
Rußland ist keine Geldmacht, — Dank sei eS Can er in, der renommistischen Verschwendung deS Kaiserhauses und der Spitzbüberei seiner Beamten! Die Staatseinkünfte sind basirt: 1) auf Zöllen, deren El trag von dem zahllosen Heere der Zollbeamten theils auf recht mäßige, theils auf unrechtmäßige Weise aufgezehrt ivn^ ) auf Stcmpcltarcn, deren Hauptrevenue in den Orden- und Titelgebnhrtkt besieht;. 3) auf einer Kopfsteuer, worüber bekanntlich bereits alle An?