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Pritter Jahrgang.

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Rußland, ein diplomatisches Ammenmärchen.

1.

Der Verfasser derPentarchie", welcher bekanntlich niemand anderes, als der kais. russische Minister der Bolköaufklärung, Uwa- row, selbst ist, thut den frivolen Ausspruch:Rußland bedarf Eu- ropa'S nicht, aber Europa bedarf Rußlands. Rußland erstrebt die Herrschaft nicht, aber man offerirt sie ihm; Rußland herrscht nicht aus Herrschsucht, sondern aus Höflichkeit." Wenn jemals ein kais. russischer Geheimerath und Inhaber mehrerer Dutzend Vladimirorden die Wahrheit gesprochen, so hat er es mit jenem frechen Worte ge- than; nur hätte der Pentarchist noch hinzufügen müssen: Rußland strebt nach der Herrschaft nicht, weil eS weder die Macht hätte, die­selbe zu erobern, noch die Kraft, dieselbe zu behaupten, und weil seine Größe in der Erbärmlichkeit der europäischen Politik und ihrer Hauptwürdenträger beruht.

Eine der vielen unrichtigen Ansichten, welche über das Czaaren- reich zirkuliren und von gewissen Seiten her eifrigst gepflegt werden, ist die von der eisernen Konsequenz und berechneten Planmäßigkeit der russischen Politik. Von einem Plane, von einer leitenden Idee kann bei dem moskowitischen Gouvernement überall nicht die Rede sein. Alle Verhältnisse des ungeheuern Reichs sind dekrctirt, ein künst­liches Produkt der selbstherrlichen Despotie, das ganze Staatögebände ist auf eine so unnatürliche, schwindelnde Höhe geschroben und auf dem Grunde einer so bodenlosen Entsittlichung erbaut, daß es über Nacht zusammenstürzen kann. Schon wankt es im Fundamente. Da kann man nicht künstlich berechnen und weitschichtige Pläne verfolgen, da muß man flicken und auSbessern nach allen Seiten hin, da wird man vom augenblicklichen Bedürfnisse beherrscht, da lebt man von Tag zu Tag und hat keine Zukunft. Die ganze russische Politik so­wohl im Innern als nach Außen hin ist daS Erzeugniß des Augen­blickes, der Noth, des bösen Gewissens. Daher diese ängstliche Hast, mit der sich die Ukase überstürzen, diese massenhafte Anhäufung von Gesetzen,von denen daS eine das andere immer aufhebt, daher diese Rastlo­sigkeit der Diplomatie, dieser Spuk der russischen Noten, diese gespensterhafce Eile, mit welcher die Petersburger Kuriere Europa nach allen Seiten hin durchfliegen. ES ist eben die Unruhe Les bösen Gewissens, welche jene Ukase schreibt, eS ist das Gefühl Ler Macht- und Zukunflslosig- keit, welches jene Noten Liktirt, es ist Lie Armuth der slavische» Bar­barei, welche sich hinter jenem diplomatischen Blendwerke verkriecht und mit den bunten Fetzen der despotischen Renommage behängt.

Rußland, mit seineür ungeheueren Staatsschätze, an dessen Exi­

stenz im Lande selbst niemand glaubt, mit der papierenen Herrlichkeit seiner Finanzen, mit seinem entsittlichten Beamtenstande, mit seinem verarmten Adel und seinen verhungernden Leibeigenen, mit seinem zrt einer leblosen Maschine zusammengeprügelten Heere, mit seinen Orden und feinem Jammer, dieses Rußland ist weder eine Militär- noch eure Geldmacht; aber eS ist die gefährlichste von allen Mächten, eS ist eine Macht des Wahnes. Nicht die Hunderte von Millionen, welche da in der Peter-PaulS-Festung aufgehäuft liegen sollen, nicht die Millionen Bayonelte, welche deS selbstherrlichen Winkes har- ren sollen, sind uns gefährlich, sondern die IdeeRußland" haben wir zu fürchten, diese Idee deS starren Absolutismus, hinter welche sich alle volksfeindlichen Elemente Europa'S flüchten, in der sie Schutz und Stütze finden. Nicht in seinem Schwerte beruht Rußlands Macht und Größe, sondern in seiner Knute. Damit beherrscht allerdings Europa, und zwar auüHöflichkeit", wie sich der Pentar­chist ausdrückt, indem es den europäischen Gewalthabern dieselbe auf ihr inständiges Bitten leiht, indem es seinen Namen als Popanz be­nutzen läßt^ mit dem man drohen und einschüchtern kann, indem eS sich in kluger Ferne hält und in undurchdringliches diplomatisches Dunkel hüllt, um von seiner schreckhaften Gespenstergröße nichts zu verlieren. Betrachtet euch diesennordischen Koloß" aber etwas in der Nähe, oder beobachtet ihn gar in seinem HauSkleide, wie eS der Schreiber dieser Zeilen mehrere Jahre lang gethan hat, und ihr werdet einen verlebten, altersschwachen Greis finden, dem die Gewissensangst bereits den TodeSschweiß vor die Stirn treibt, der zwischen Leben und Tod ringt und nicht leben und nicht fieren kann, der jeden Au­genblick das hereinbrechende Verhängniß fürchtet und die lächerlichsten Anstrengungen macht, um sich des TodeS zu erwehren und bei andern den Glauben zu erregen, daß er noch jugendfrisch sei und mächtig, der nicht mehr zu handeln vermag, sondern nur noch zu renommi - ren. Rußland denkt nicht daran, Krieg zu führen, und die Gefahr für daS demokratische Deutschland beruht nicht darin, daß eS mit Ruß- land in einen Krieg verwickelt werden könnte, sondern darin, daß aiußland demselben aus dein Wege zu gehen versuchen wird. Wenn daher die fianzösijche Demokratie einen Krieg mit dem Selbstherrscher aller Reußen als den ersten nothwendigen Schritt ihres nahen Sieges hiustcüt, ]v spricht sie damit, vielleicht unbewußt, eine Wahrheit aus, die hoffentlich in Deutschland einen Nachhall finden wird, sobald die Zeit ter Volksherrschaft gekommen ist. So lange Rußland als In­karnation der absolutistischen Idee noch existirt, so lange keine eurö- pälsche Freiheit; uns Rußland existirt so lange, als nicht zu einem Kriege gezwungen wird.

Man dürfte vielleicht hier entgegnent Rußland kann doch einkU