Dritter Jahrgang.
Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr., bei wiederholter Einrückung 6 Hlr. Abonnenten erhalten 25 pCt. Rabatt.
®r|d>eint täglich, Montags ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreiè 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er- pebitten (obere Entengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr.
orNi s s e.
M- «7.
Kassel, Mittwoch den 20. März
18ÄO.
G r f u r t
Die Herren Deputirten sind abgereist. Keine Wünsche, keine Hoffnungen, kein Laut eines begeisterten HerzenS haben ihnen daS Geleit gegeben, sie gehen verlassen, von Niemanden beachtet, der deutschen Diplomatie zum Opfer gefallen. Sie gehen, um den letzten Rest fhreâ Beistandes, ihres Charakters auf dem Altar des preußischen Königthums niederzulegen, um dann mit Fußtritten belohnt, unter Hohnlachen in die Heimath gesandt zu werden. Sie gehen nicht im guten Glauben, sie gehen im Bewußtsein ihres Opfers, daS sie bringen sollen, in der Gewißheit über daS teuflische Spiel, daS um ihre Ehre gespielt wird, — sie gehen, weil sie müssen, sie gehen, weil eS Ehrensache für sie geworden ist Die Herren haben den Muth und die Seelenstärke nicht, sich vor der bessern Einsicht deS verspotteten Volks schließlich zu demüthigen, reumüthig ihren Irrthum zu bekennen, zu gestehen, daß sie überlistet, hintergangen, betrogen wordek seien, sie baben den Muth nicht, von der politischen Bühne, auf der sie seit Jahren gesündigt und das Volk verrathen haben, abzutreten, sie wollen glänzen, so lange es geht, reden, so lange es möglich ist, sie wollen lieber Schande auf Schande häufen, als daß sie eine Minute früher abtreten, ehe cs ihnen von der Gewalt diktirt wird. Eitle Thoren, charakterlose Wichte! Als ob es nicht besser wäre, daS letzte Nestchen Ehre zu Rathe halten, als blindlings der nackten Schande in die Arme zu laufen, als nach einem Monate oder zweien bettelann und rettungslos vor der Welt zu stehen, nicht mehr bedauert, sondern verlacht, nicht mehr im Stande, sich zurückzuziehen, sondern bei Seite geworfen.
. Ihr müßt gehen, weil eS Ehrensache ist, nicht Sache der inneren Ehre, sondern jener äußeren, burschikosen, kindischen, wahnsinnigen Ehre, welche den Schrei der Verachtung unter dem Klirren der Säbel zu ersticken, die Armseligkeit des Herzens unter dem Gepränge eines narrenhaften Aufzugs zu verbergen sucht. Arme Märzminister! Nicht genug, daß ihr euch gegen die Künste und Ränke der Diplomaten unfähig, unfähiger als Schulbuben gezeigt habt, daß ihr weniger fest gegen daS Lächeln und Schmeicheln der Großen wäret, als ein leichtgläubiges Mädchen gegen die Künste des Verführers, —---ihr seid obendrein verdammt, in Erfurt haarklein die Geschichte eurer Ucber- listung erzählen zu hören, euch vorrcchucn zu lassen, wie unsäglich unverständig und kindlich ihr gewesen, wie spottleicht ihr vom Geringsten unter den Großen genasführt worden. Eine traurige Sendung! Aber ihr müßt, ihr müßt, oder ihr müßtet größer sein, — alS ihr jemals gewesen! Armer Eberhard!
Oder glaubt ihr wirklich, daß in Erfurt eine andere Comödie aufgeführt werden sollte, alö das Begräbniß des großen „Narren- festes" ? Oder seid ihr so vermessen, auf die Enthüllungen eurer Ueberlistung, des VerratHS an der deutschen Revolution mit einer neuen Empörung antworten zu wollen, antworten zu wollen mit tausend Flüchen über den teuflischen Betrug, mit der vollen Entrüstung deS betrogenen Vertrauens? Arme Deputirtc, armselige Feiglinge!
Die Märzminister gehen, sie gehen mit ihren Genossen, von denen sie bis an diesen Punkt getrieben worden. Sie gehen und lassen die HH. Hassenpflug und Vilmar zurück, das Regiment der Corrumpirung, der neuen, abermaligen Ränke und Kniffe, einer neuen Ueberlistung, eines neuen VerratHS. Warum geht ihr? Gedenkt ihr in Erfurt daS Schach fortzusctzen, daS ihr so jämmerlich in Kassel ge- boten habt? Wollt ihr von Erfurt auS die Armeen gegen unsere gottbegnadete Wirthschaft senden? Soll euer Zug nach der Festung ein strategischer Rückzug st in? Ihr flicht, ihr flicht, Elcndc, ihr überlaßt euer Vaterland dem Verderben, ihr flicht, um nicht Fuß an Fuß dem Feinde zu stehen, den ihr fb keck herauögefordert, den ihr
so maaSloâ geschmäht, den ihr so prahlerisch verhöhnt habt! Euer Rückzug ist Flucht! In Erfurt werdet ihr nicht bloö euer Restchen innerer Ehre verlieren, euere Flucht nach Erfurt ist auch die Resignation der äußeren Ehre.
Geht nur, geht! Ihr werdet hier wie dort beweisen, daß ihr immer nur Worte, Worte und abermals Worte gemacht. Ihr könnt nicht helfen und ihr sollt auch nicht helfen. Wir wollen den Eintritt der Dinge abwarten, die uns Hr. Vilmar verkündigt hat. Hr. Vilmar hat wie wir gesagt: Ihr, die ihr nach Erfurt geht, wollt kein einiges Deutschland, sondern ein großes Preußen, ihr wollt eure Selbstständigkeit aufgeben, um dafür den Ruhm zu haben, Unterthanen des genialen Königs zu werden. Hr. Vilmar hat ferner gesagt, daß jeder Staat das Recht habe, sich an Preußen zu verkaufen, daß aber kein Staat zum Selbstmord gezwungen werden könne. Hr. Vilmar hat die Ueberzeugung, daß sich Hessen nicht, oder doch nicht freiwillig verkauft hat. Hr. Vilmar wird also dafür sorgen, daß wir seiner Zeit von Erfurt wieder loskommen, Hr. Vilmar wird eines TageS unsere Deputirten zurückkommandiren. Kann das Hr. Vilmar oder Hr. Haffeo- pflug nicht? Hr. Eberhard hat uns mit Gewalt, durch Lüge und Ver- rath in die preußische Falle geworfen, Hr. Hassenpflug wird doch wohl das Recht haben, unâ mit Gewalt wieder herauszureißen. Dazu bedarf er so wenig der Zustimmung der Stände, als Hr. Eberhard derselben beim Abschluß deS Bündnisses bedurft hat.
Hr. Vilmar und Hr. Hassenpfiug bürgen uns dafür, daß wir sicher und ungefährdet aus der Festung wieder entkommen. Und wenn wir wieder ledig sind, — — wohlan, laßt uns Jahre lang schmachten und leiden, wenn aber dann die Stunde wieder kommt, so laßt uns nicht vergessen, daß wir zuvor frei werden müssen, ehe wir einig sein können, und daß die Einigkeit ohne Freiheit bis an — — das Regiment Hassenpflug führt.
Euch aber, die ihr gen Erfurt zieht, rufen wir nochmals nach: „Geht nur, geht!"
Deutschland.
△ Kassel, 19. März. — Ich könnte Ihnen eine Menge Klat- schereicn erzählen, die sich fast sämmtlich um die Person unseres hochachtbaren Großvezirs drehen, der jetzt daS A und daS O deS politischen Lebens geworden, seitdem er dem eigentlichen der Eigentlichen einen Riegel vorgeschoben hat. Ich könnte Jbnen ausführlich erzählen, wie er rastlos arbeitet und ruhloS Ministersitzungen hält und die Beamten inspizirt und kujonirt, und wie selbst ein Vilmar zu jeder Minute parat fein und stundenlang antichambriren muß (das ist christliche Zucht und Ordnung!); wie er bei den GewerbS- leutcn Einkäufe und Bestellungen macht und a la Manteuffel liebenswürdig ist; — wie man Gerüchte verbreitet, daß er in den Kurfür-> sttn dringe, dem Land etliche 50,000 Thr. von der Cioilliste zu schenken und bauen zu lassen;— wie gedungene Menschen in den Wirthshäusern auftauchen sollen, welche die Stimmung bearbeiten. Hrn. Has- seu Pflug Weihrauch streuen und seine Gegner verunglimpfen, — wie allerlei reaktionäres Geschmeiß herangcflogen kommt (so z. B. ein Hr. v. Florencourt), — und wie der russische Gesandte Fürst Gortschakoff stundenlange gereimt Audienzen bei Sr. Königlichen Hoheit hat u. dergl. mehr; — und hiermit habe ich schon zu viel davon erzählt. — Etwas wichtiger sind die auftauchenden Bestrebungen einzelner verkommener Subjekie und Reaktionäre, KrystallnaticmS- Punkte zu bilden, um daran die Menge als Anhänger deS neuen Rc- gcntkn anschließen zu machen So soll ein gewisser L ö b n^tz, «eiseu- sikder, mit Genossen bereits depulirt haben bei Hrn. »Pflug für die Aufrechterhaltung der alten Zunftordnung; — f° l1'“ Cltl MagnuS, Kaufmann, sich gewaltige Mühe geben, zu einer Ver-