Dritter Jahrgang
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Kassel, Freitag den 15. März
1850.
Der passive Widerstand
Berlin ist die Erfinderin der königlichen Mißverständnisse, der Vereinbarung, der Wiederherstellung der Ordnung und des passiven Widerstands. Alle diese Erfindungen haben auch wir bestens acceptiren müssen, nachdem wir einmal preußisch geworden, eine einzige ausgenommen, nämlich die des selbständig erfundenen einheimischen Mißverständnisses, aus welchem die Garde du Corpö vor nun zwei Jahren Vivatrufer als Katzenmusikanten und den Pvllzeidirektvr selbst als einen Unruhstifter niedermetzelten. Darin allem waren wir selbständig. Aber die Vereinbarung, die Wiederherstellung der Ordnung und des passiven Widerstands wurde uns von Berlin oktropirt. — Als wir mit dem Fallissement der Nationalversammlung die Nationalhoheit verloren hatten und unter die Souveränetät des vktropirtcn Schirmvogts treten mußten, verloren wir sofort jenes stolze Air, das wir unS im März 1848 gegeben hatten, und auö jenen deutschen Helden, die weder von einem Oesterreich, noch von einem Preußen, weder von einem Sachsen, noch von einem Kürhessen etwas wissen wollten, wurden demüthige preußische Vasallen unv Unterthanen , die sich an die Stelle ihrer Souveränetät die Okroyirung von Erfurt setzen ließen, unter Eberhard der deutschen Verfassung in Baden das Garaus machten, und als Wiederhersteller der Ordnung sich vom Bürger Leopold, genannt Großherzog von Baden, mit gelben Bändern behängen ließen. So waren wir denn in die preußische Unterthanenliste ausgenommen. ES fehlte nur noch der passive Widerstand, um uns als vo ll ko mmene Preußen, resp. Berliner, vor unS selbst zu enthüllen.
Die Phrase des passiven Widerstands ist die Revange deS Berliner Volks für die königlichen Phrasen von einer freien Vereinbarung, in welcher der eine Theil gezwungen ist, zu vereinbaren, was man von ihm haben will, und die dem Staat den Stempel einer Löwengesellschaft, oder societas leonina, aufdrückt — dieser passive Widerstand ist eine eben so schöne Phrase, als „die Wiederherstellung der Ordnung", wodurch die Unordnung, die Anarchie des Absolutismus, die Kosakenwirthschaft verewigt werden soll. DaS Volk wollte wenigstens durch Worte zer- gen, daß es sich nicht ohne allen Vorbehalt füge; es fetzte deshalb Phrase gegen Phrase, wo die eine eben so gesetzmäßig klingt und eben so wenig bedeutet, als die andere; eö setzte einen Spott auf die Feigheit der Großsprecher und Halben, und einen Schmintlappen auf seine eigene Ohnmacht gegenüber der bewaffneten Contrerevvlulion. Die Phrase könnte eben so gut heißen: aktives Dulden!
Wann hat das Volk von Berlin diese Phrase erfunden? Als eS klar wurde, daß die Vertreter in feiner K >mmer nur Worte, Worte und keine Thaten hatten, daß sie jebeni Einzelnen die Revolution im Kleinen, den Einzelkampf vermittelst der Steuerverweigerung überließen, ohne die Revolution im Großen zu wagen; als eö klar wurde, daß die prahlerischen Anführer der bewaffneten Menge, die stets für Alles stehen und fallen wollten, im entscheidenden Augenblick als feige Memmen abdankten oder ihre Stellen mederlegten; als es klar wurde, daß die Spießbürger, Hoflieferanten und Kapitalisten schon längst rechtâumkehrt unter die Fahne der Wiederherstellung gemacht und nun den köstlichen Augenblick benutzten, um der längst verwünschten allgemeinen Volksbewaffnung durch die Ablieferung ihrer Waffen den Todesstoß zu geben, und damit zugleich die gefürchtete Versammlungsfreiheit, die Arbeiterassoziationen und all die souveränen Bassermann'schen Gestalten vom Hals zu haben, die den friedlichen EpizierS (Krämern) daö Leben in ein permanentes Angstfieber verwandelten. Die Erkenntniß dieser Verhältnisse schleuderte daS erhobene Schwert aus der Faust deS Volkes, der furchtbare, der blutige
Widerstand auf Leben und Tod war zerbrochen. Der Ernst war zu Ende und es folgte der bittere Hohn auf jene Maulhelden und Kammerschwätzer, die durch Worte und abgedroschene konstitutionelle Redensarten gefahrlos einen Sieg durchzusetzen hofften, dem in England und in Frankreich Ströme von Blut vorangegangen, ohne daß er trotz alle dem die Früchte getragen, die man von ihm erwartete. Kurz daS Volk erfand die höhnische Phrase: passiver Widerstand für jene Halben, Wankenden, für jene Wortmacher und Vermittler, während co sich selbst den e rn st l i ch e n W i d e r st an d vorbehielt für alle Ewigkeit; — die Revolution.
Dre,e Betrachtungen über die Berliner Verhältnisse finden int Augenblick ihre volle Anwendung auf unsere inländischen Zustände. Wir habcn schon bei der ReichSverfassung die erschöpfende Erfahrung gemacht, daß die Konstitutionellen weder in noch außerhalb der Kammer Freunde von einem Kampf auf Leben und Tod sind mit all' ihren haarstcaubenden Rodomontaden von Stehen und Fallen, Gut und Blut u. dergl. Wir wissen, daß ihreOpposuion bei der ersten besten Gelegenheit auö dem aktiven Widerstand in den passiven und auö diesem „rasch und entschlossen" in ein neues Nachgeben übergeht, sobald ihnen nur scheinbar einige Konzessionen gemacht werden; und daö Alles mit derselbeu Schnelligkeit, mit welcher ihre Chorführer, die Henkels und Konsorten, von Frankfurt nach Gotha rannten. Hr. Hassenpflug kennt seine Pappenheimer. Er hat noch immer die Hoffnung nicht aufgegedcn, durch einige freisinnig scheinende Gesetzvorlagen die Herren Konstitutionellen der Majorität in die Falle zu locken, und Hr. Nebelthau hat bereits mit dürren Worten erklärt, man müsse nur Opposition machen, wo eö Hrn. Hassenpflugö Person betreffe, nicht in allgemein nützlichen Angelegenheiten. Und dieser Herr- ist dec Führer der „s. g." Opposition von der Rechten. ES sieht fast |ö auö, alS habe man Hrn. Hassenpflug einen Wink geben wollen, wie man in Frieden und Freundschaft mitsammen fertig werden könne, ohne sich gegenseitig die Haare ausreißen zu müssen. Hr. Haffenpflug wußte das schon längst! — Was soll die Demokratie, waö soll daS Volk, waö soll die Linke der Kammer bei diesen krebsartigen Oppositionoversuchen beginnen? Die Linke der Kammer soll laut und unumwunden erklären, daß sie die hochverehrtesten Kollegep aus Gotha den Umarmungen deS tröstenden Genius, genannt p a ssi ver W i d e r- stand, überlasse, und sich selbst den aktiven Vorbehalte dadurch, daß sie unter Protest einen jeden nachgcbendcn Schritt der Rechten in seiner vollkommenen Nichtigkeit und in seiner Ungesetzlichkeit enthüllt. Hr. Bapl Hoffer hat bereits der Rechten diese neue Opposition an^elunvigt, wenn sie sich benimmt wie immer. Sollte sie diesmal tapferer sein, wie gewöhnlich? — Das Volk aber, die demokratische Partei voran, muß laut und offen erklären, daß eö den aktiven Widerstand, die Revolution, niemals aufgibt, um sein gutes Recht wieberzuerobern, das ihm die Gewalt deS russisch-preußischen Despotismus entrissen. —
Deutschland.
l^ Hersfeld, 11. März. — Kaum hat sich Hassenpfiug wieder im Lande blicken lassen, so fangen auch sofort den Beamten die Flügel an zu wachsen. Hören Sie folgendes ergötzliche Pröbchen davon. Dieser Tage wurde hier eine — wie es scheint vom Bürgermeister Bätza veranlaßte, von ihm selbst jetoch nur alö Privatperson unter« zeichnete — ganz unschuldige Adresse an die S t ände ver sa mm- lung, enthaltend eine Zustimmung zu deren Mißtrauensvoten geleit daö jetzige Ministerium, von einem Polizeidiener hcruingctragen. Da derselbe die Weisung hatte, von HanS zu HauS zu gehen, P begab er sich auch in das Lokal deS PerwaltungSamteS, um sieden Weg in die Wohnungen deö Beamten-PerfonalS zu ersparen. «tatt aber