Dritter Jahrgang.
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Was mußte geschehen — wenn nicht??
Herrn Hassenpflugs Mission ist, den Konstitutionalismus lächerlich zu machen und den Staat aufzuheben.
Die Neuhtsslkche.
Wenn es wirklich Hrn. Hassenpflugs Absicht wäre, nicht bloö den MärzkonstüutionaliSmuö, sondern überhaupt die konstitutionelle Staatsform lächerlich zu machen, — so wäre ihm dieses Bestreben vollkommen gelungen; denn die Partei selbst, deren Tendenz er diesen Streich spielen wollte, fühlt bis in den innersten Grund der Seele diese ihre zunehmende Lächerlichkeit. — Aber Hr. Hassenpflug hat gar nicht geglaubt, daß eS noch dieser Bemühung bedürfe. Vor seinen und seiner Genossen Augen war die ganze konstitutionelle Partei schon längst lächerlich und nichtig, sonst hätte er nicht gewagt, gerade im Augenblick, wo sie die größten Siege zu feiern glaubte, wo sie ihre in einer mühlosen Wahlschlacht durchgesetzten Wahlkandidaten bereits nach dem sogenannten konstitutionellen Zentralpunkt Erfurt auSrüstet, — er hätte es nicht gewagt, gerat’ in diesem Augenblick als irrender Schwanzstern des Absolutismus in ihre büreaukratische Republik, in ihre monarchische Anarchie hineinzufahren, ihre Führer herabzuschleudern, ihnen die Zügel aus der Hand zu reißen und mit dem kurhessischen Staatswagen über Stock und Block davonzujagen, ohne sich um das Geschrei seiner bestürzten Insassen auch nur einen Deut mehr zu kümmern, als mit spöttische» Redensarten und höhnischen Katzenbuckeln. — Er hat 'S gewagt, — jacta est alea ! — ruft die zitternde Schaar der Konstitutionellen. Du lieber Gott, was war da zu wagen! — O, Hr. Hassenpflug kennt seine Landsleute nur allzu gut; sind das nicht noch immer dieselben Menschen, auf denen er schon einmal Jahre lang mit Stiefel und Sporen herumgetreten hat; sind das nicht dieselben Staatsdiener, die schon einmal vor ihm gekrochen und gewinselt im Staube, die Lob und Tadel, Strafe und Belohnung, Ohrfeigen und Liebkosungen mit gleicher Demuth von seinen exzellenten Händen dahin genommen haben? Sind das nicht zum Theil dieselben Landstände, die ihn drei- oder viermal vergebens in Anklagezustand versetzt haben und die er zuletzt so mürbe gemacht, daß er wie jener Graf von Würtemberg ungefährdet seinen Kopf in eines Jeden Schooß hätte legen können, um sein Mittagsschläfchen zu halten? U ab er ha t 'S gewagt? — Ja wenn es sein tölpelhafter Freund und Nachfolger, der Bramarbaö Scheffer, hätte wagen wollen, man könnte sich verwundern! _ Aber Hassenpflug dem gewandten Staatsseiltänzer, sollte eö ihm nicht gelingen, 'die brandenden GefuhlSwogen der StaatSdienerseelen mit dem beruhigenden Del der Beorderung und Plazirung oder mit dem neptunischen <pos ego aufs Schönste zur Ruhe zu bringen? - Man lausche nur, waö man sich auf den Kollegien in die Obren raunt in jenen Mistbeeten der Büreaukratie! - „Jetzt wird doch der Schlendrian aufhoren", heißt eö hier, „jetzt wird doch der tücktiae Arbeiter belohnt werden — wenn er gehorcht — und dazu sind wir geboren" heißt eS da. Und auf dem Lande heißt es: „jetzt wird doch endlich der Beamte wieder zu seinem alten Ansehen und zu seiner Herrschaft gelangenl" — Wie wenig Pflanzen wachsen auf besagten Mistbeeten die eine Sehnsucht nach Freiheit in sich nicht bloö verspürten, sondern ihr Rechnung trügen! — Aber nicht alle Menschen im Staate sind Staatsdiener, wird ein einfacher Bürger entgegnen! — Alle nicht aber in Kurhcssen doch ein ganzes Heer von über 6000 Mann, wozu noch das eigentliche Heer von circa 12000 Mann (zu 2 pCt.) kommt, macht Summa Summarum 18000 Mann, die allein schon eine Seelenzahl von 90000 Menschen reprwsentiren; - der 7te Theil der Bevölkerung steht also im Staatsdienst. Und mit diesem organi- sirten, gegliederten Civil- und Militarheer sollte es nicht gelingen, die andern £ zum Steuerzahlen und zum Gehorchen zu bringen, noch
dazu, da 4 blos aus Rücksicht als Verwandte und Freunde des stehenden HeereS und wegen der daraus hervorgehenden materiellen Vortheile gern gehorchen, 4 gar kein anderes Lebenüprinzip haben, und daS eine unorganisirte Siebentel, waö vielleicht mit Selbstbewußtsein nicht gehorchen möchte, spielend zur Raison gebracht wird. — Ihr glaubt nicht, wie kinderleicht es sich regieren läßt. Dem Herrn deS Staatö wird jeder Tag zum Fest. Die büreaukratische Staatsmaschine ist ein perpetuum mobile, eine Dampfmaschine, die sich selbst ein- heitzt (speißt), selbst schmiert und regulirt, und der es ganz gleichgültig ist, wer ihre Kraft benutzt, ob ein Fürst, ein souveräner Ministerpräsident, oder der Diktator einer Republik. Man braucht blos zuzusehen und die Mütze unterzuhalten, um die gemünzten Stücke oder das Papiergeld aufzufangen, mit denen man eben so gut nach Ostende zum Vergnügen wie nach Greifswald vor die Assisen reisen kann. Niemand muß das besser wissen als der Anhänger der historischen Schule, Hr. Hassenpflug, der bei seinem Schwager Grimm selbst, also an der Quelle, seine alt-germanistischen Studien gemacht hat, und der bei Friedrich Wilhelm von Preußen, seinem Freunde, also abermals an der Quelle, seine Erfahrungen über die neueste modernhistorisch-romantische Regierungskunst vervollkommnete, nachdem er darin einige halb oder ganz mißlungene Gastrollen zu Luxemburg und Sigmaringen gegeben, als er sein erstes Engagement in Kassel dadurch verloren, daß er zuweilen sich mit dem Fürsten selbst, in dessen Namen er die Dampfmaschine benutzen sollte, zu verwechseln geruhte. Ein Hassenpflug kennt die Geschichte! Er weiß, mit wem er'S ju thun hat. Er herrscht in demselben Land, in dem vor Zeiten sogar einmal sieben Jahre lang ein ehemaliger französischer KaufmannS- kvmmlö als König *) von der Staats diener schaft auf's Prompteste bedient wurde! — Und das LandeSkiud Hassenpflug sollte auf prompte Abteilung keinen Anspruch haben? —
Wir wollen uns einen Augenblick blos auf den konstitutionellen Böden stellen! WaS müßte geschehen, wenn Kurhessen wirklich daS deutsche Belgien, der deutsche konstitutionelle Musterstaat wäre? Diè Stäriveversammlung müßte sich in keine einzige Unterhandlung mit dem Minister ein lassen, nachdem sie ihm ihr Mißtrauen insinuirt, d.h. ihn für regierungöunfähig erklärt hat. In jeder Sitzung hätte sie dieses Verdikt zu wieverholen; bei jeder Erscheinung deS Hrn. Hassenpflug gegen dessen Dasein zu protestiren, sie hätte weder einen General- noch einen Spezialkommissar der gegenwärtigen Regierung anzunchmen, auf keine Vorlage, die ihr gemacht wird, einzugehen, und vor allen Dingen jede Gelvbewilligungssrage mit Protest von sich zu weisen, und schließlich die Steuern zu verweigern, die sie Hrn. Eberhard bis in den Juli verwilligt hat, nicht aber Hrn. Hassenpflug. DaS wäre die Ausführung der konstitutionellen Theorie, dessen leitender Satz für den vorliegenden Fall heißt: „ein Ministerium, das die Majorität der Versammlung gegen sich hat, tritt ab, oder lös't die Kammer ans und appellirt an die Wahlen!" Die Kammer müßte also entweder Hrn. Hassenpflug verjagen, oder, da dieser Mann eben nicht scheuer Natur ist, ihn zu ihrer Auflösung nöthigen. Aber schon Hr. v. Spbel, der Planet deö Constitutionaliömuö, welcher die vorige Kammer regierte, hat erklärt, cs gibt keine konstitutionelle Theorie, eö gibt nur eine konstitutionelle Praxis; soll heißen, wenn es Muth kostet, die konstitutionelle Theorie durchzuführen, dann läßt man's blei, ben. Dann stellen sich die dringenden Umstände ein, die höhern Staats- rücksichten, und mit ihnen naht sich die Politik der Nothwendigkeit. Und mit dieser kläglichen Politik der Praxis wird die Theorie zugleich kläglich. Hassenpflug beweist den Herren ihre Lächerlichkeit und sie zur Rcvange Hrn. Hassenpflug ihre Jämmerlichkeit! So weit sind wir
*) Dessen Persönlichkeit freilich „bei allem dem um hundert Prozent besser war, ald die alten Landgrafen , die seit hundert Jahren regiert hatten". (Schlosser^ Ge- schichte des 18 u, 19, Jahrhunderts, 6. Band)