Einzelbild herunterladen
 

250 -

führung der Wahlkomödie als Vorspiel für die große Komödie r'n Er- furt statt. Die Wähler waren bis auf zwei, folglich 96, anwesend. In der Vorberathung gegen 9 Uhr Morgens erschien plötzlich — ein <leus ex inachina — Hr. Wippermann, der Getreue. Nun wußten wir, woran wir waren! Er wurde mit einer entschiedenen Stimmen­mehrheit gewählt, obgleich der alte Schwede, Steuerrath Hirschfeld aus Carlshafen, nach wie vor an seinem Schwedes festhielt und die Bückeburger nicht von ihrem Capaun lassen wollten. Hr. Wippermann, berauscht von den vielen Sympathieen, die er hier fand, erschien auch cuf dem nach der Wahl bei dem vielfarbigen Gastwirth in der „Stadt Bremen" veranstalteten glänzenden Zweckessen, woran auch mehrere sogenannte Liberale des hiesigen Obergerichts und des Baudepartements, die keine Wähler waren, Theil nahmen. Daß er hier sein Glaubens- l^kenntniß und sonstige Allotria abpaukte, versteht sich von selbst. Wie kam aber Hr. Wippermann dazu, die hiesige Wahl für's VolkshauS der Wahl ins StaatenhauS vorzuziehen? — Abends erhielt der Hr. Gefeierte unter dem Bortritt seiner hiesigen Schulkameraden eine Stadt- musikanten-Scrcnade. Ueber den Ministerwechsel ist man hier so ziem- lich gleichgültig; man beklagt den Fall deS vorigen nicht und freut sich nicht über das neue. Schaumburg verliert seine Fassung nicht.

.Hersfeld, 9. März. — Die vereinzelten Stimmen, die sich hin und wieder für das Homberger Seminar hören lassen, zei- gen erst recht deutlich, welche Masse auf der Gegenseite steht. Hier laufen auch so einige arme verkümmerte Stimmchen umher. Die Ge- schichte kommt mir eben so komisch vor, als wenn die Dummheit selbst durch ihre eigenen Kinder beweisen lassen wollte, daß sie die Klug­heit wäre. —

O Berlin, 9. März. — Wenn Berlin in diesem Augenblicke nicht der Schauplatz wichtiger Ereignisse ist, so trägt die sogenannte „konstitutionelle" Meute wahrlich nicht Schuld daran; denn sie kläfft und belfert noch fortwährend, damit man ja merke, daß sie noch da sei. Während sie sich auf der einen Seite abmüht, Zank und Zwie- spalt in die Reihen der demokratischen Partei zu säen, waö ihr aber eben so wenig gelingt, alö einige flaue Blätter für die Wahlen zur ersten Kammer zu gewinnen, bellt sie andererseits den Mond an, der in Gestalt eines neuen Vier- (andere schreiben Bier-) KönigSbündniffes am südlichen Himmel Deutschlands aufgeht. Guter Mond, du gehst so stille, und wirst wohl eben so stille wieder untergehen, denn biâ jetzt haben die Potentaten noch sehr wenig Notiz von dir genommen, und man hört noch nicht einmal von einer Protestnote, — mit denen man doch sonst so freigebig ist, — die Preußen an seine freundnach­barlichen Bundesstaaten abgesendet hätte. Mit diesem Speck, den Oesterreich auf der Spitze seiner Bajonette dem lieben Deutschland darreicht, fängt man die radikalen Mäuse wahrhaftig nicht m-hr. Nichts ist daher lächerlicher, als wenn gewisse Liberale, z. B. in der sächsischen Kammer Herr Otto Wigand, nur um dem preußischen Son- derbündnisse zu entgehen, Oesterreichs Ruhm und Preis in alle Welt hinausposaunen, Oesterreichs Ruhm, dessen Gefängnisse jetzt noch mit Tausenden von Unschuldigen gefüllt sind, und das erst in diesen Tagen wieder zu Arad einen Zeitungsredakteur standrechtlich hat ermorden lassen!! Wie Preußen, so Oesterreich, und umge­kehrt. In Preußen pfiffiger und schlauer BüreaukratiSmuS, der ein Volksrecht nach dem andern auf die hinterlistigste Weise beseitigt, — in Oesterreich brutale Gewalt, der eS nicht darauf ankommt, dem sogenannten Konstitutionsfeste durch die Strangulirung einiger Rebel­len die gehörige Feierlichkeit zu verleihen. Im Grunde brauchen wir uns indessen über diese Manöver der Liberalen, die bald mit dieser, bald mit jener Macht liebäugeln, um von beiden Zugeständnisse zu erhalten, und die zuletzt von beiden mit Fußtritten regalirt werden, nicht zu ereifern. Das Volk hat ja längst eingesehen, daß eS weder von den Habâburgern , noch von den Hohenzollern, noch endlich gar von den Wittelsbachern etwas zu erwarten hat; sie sind alle gleich schuldig, die deutsche Freiheit verrathen zu haben. Ob Drei-, ob Vier-, >ob Ein- oder ZweikönigSbündniß, ob Sonderbund oder Zusam­menkettung von 70 Millionen Slaven und Deutschen — das ist unS einerlei; wir wissen, es läuft doch auf den alten Absolutismus hinaus. Mögen in der Erfurter Augustinerkirche die Beorderen und Nichtbc- ordeten ihre mühsam erlernten Reden wie die Staarmatze Herplappern, oder mögen sich zu Wien oder Regensburg Kroaten und Deutsche über die beste Art zur Ausrottung des Geistes zanken — wir küm­mern uns wenig darum; wenn die Posaune deâ Gerichtes tönt und die Todten von den Wahlstättcn Ungarns, Badens und SachsenS auf- erstchen, werden jene Stätten bald leer sein, und der Völkerbund Mitteleuropa'S wird erstehen, ohne daß ihm Mephistopheles Schmer­ling die Weihe gegeben. Mögen sie ihre Komödie für die „Konstitu­tionellen" fortführen; daS deutsche Volk arbeitet bereits den Plan ouâ zur großen Tragödie, und mancher wird schlotternd auf die Kniee sinken, der jetzt höhnisch hinter dem Ministertisch sein Schnippchen

schlägt. — Je näher übrigens der Termin für Erfurt heranrückt, desto zahlreicher werden die Anzeichen für eine Hinausschiebung der neuen Betlelmönchsynode, oder wenigstens doch für eine sehr kurze Dauer derselben. Wie man hört, will Preußen den ve tin gten „Edeln" den Vorschlag machen, die Verfassung sogleich anzu­nehmen und dann unverzüglich an die Revision zu ge­hen. Ein bekannter Kniff. Mit unsrer aufgelösten zweiten Kammer wurde zur Zeit dasselbe Manöver angestellt. Sie nahm auch d e Ok- troyirte in Bausch und Bogen an und revidirte dann gemüthlich drauf los, bis sie aufgelöst wurde. Jene Erfurter Boutique hat ein solches Schicksal freilich nicht zu erwarten, aber man sieht doch wenigsten?, wie man mit ihr umspringen will. Ist die Verfassung nur erst an­genommen, dann kann man auch Gerlach'sche Vorlagen machen, dann schafft man eine deutsche Paine u. s. w., biö vielleicht einmal Herr Louis Napoleon dem Herrn Louis Philipp seine AnkunftSvisile macht u. s. w. — Hr. v. Hinkeldey ist von seiner PfecdekaufSieise — er soll daS Roßtäuschergeschäft prächtig verstehen — zurückgekehrt und sogleich ist eine neue Sonne über die Berliner Vereine aufgegangen. Doch nicht bloß über diese, sondern auch über die Karnevalogesellschaf- ten. Dr. Weyl, der Polizei noch genügend bekannt von seiner WeihnachtSauSstellung, die geschlossen wurde, hatte am vergangenen Mittwoch ein Narrenfest im Gesellschaftshause veranstaltet. Natür­lich mußte Hr. v. Hinkeldey seine Nase in diese Unternehmung eines bekannten Demokraten hineinstecken. Herr Weyl wurde am Mittwoch früh zu unserm Carlier geschleppt und erhielt nur unter der Bedin­gung die Erlaubniß zur Festlichkeit, daß Auflöser Kaiser und ein Dutzend Spießgesellen zugelassen würden. Dieß geschah denn auch, und sie mußten mit anschen, wie LindenmüllerS Jöhre das Ehren­bürgerrecht erhielt. Sie sehen, daS Beispiel deS Berliner Magistrats hat angesteckt, und man beginnt bereits, sich würdige Gegenstände für daS Ehrendiplom auszusuchen. Die Krone hat indessen Hr. v. Hin­keldey seiner polizeilichen Fürsorge durch seine Demonstrationen gegen den heutigen Demokratenball (zum Besten der Flüchtlinge) bei Kroll aufgesetzt. Er ließ die Besitzerin, Fräulein Kroll, zu sich bescheiden und wollte ihr die Kosten ersetzen, wenn sie daS Lokal nicht zu dieser Entheiligung der Räume hergäbe, wo der Treubund zuweilen Sitzun- gen hält. Fräulein Kroll meinte indessen, außer den 100 Thalern Miethe würden auch noch 3000 BilletS â 10 Sgr. zu ersetzen sein, und daâ scheint trotz der jüngsten Anleihe von 18 Millionen dem vä­terlichen Verwalter unsrer Stadt zu viel. Davon ließ er sich jedoch, ungeachtet der Versicherungen der Besitzerin, daß die Demokraten sich stets mit dem größten Anstand benommen hätten, micht abbringen, daâ Lokal mit Schutzleuten und Soldaten zu besetzen. Wir werden sehen, ob die günstige Gelegenheit zum Skandal von unsrer Polizei unbenutzt gelassen werden wird. Jedenfalls scheint Hr. v. Hinkeldey zu ver­muthen, daß die Demokraten mit Aesten und Brechstangen, anstatt mit Glacèebandschuhen zum Ball gehen.

OW Dresden, 9. März. — Wunder über Wunder! Die zweite Kammer ist gestern wirklich mit der deutschen Frage fertig geworden, ja — sie hat selbst einen Beschluß gefaßt. Meine Prophe­zeiung ist zu Schanden geworden, und ich beuge mein Haupt in De­muth vor der konstitutionellen Weisheit unserer Volksvertreter. Sie haben nicht blos einen, nein, sie haben drei Beschlüsse gefaßt und ich bin dreimal Lügen gestraft. WaS haben sie aber beschlossen? Sie, Haler die Anträge der Majorität angenommen, insoweit diese dahin gehen, nichts zu thun, sondern nur zu reden, d. h. die Kammer spricht die Erwartung auS, daß die Regierung keine Regierung sei, sondern auf eine volkSthümliche Weise ein Verfassungswerk für Deutschland anzubahnen suche; die Kammer erklärt ferner, nur in die­sem Falle die RegierungSpolitik unterstützen zu wollen, und envlich will sie die Grundrechte gewahrt wissen. Sie sehen, der erste Beschluß ist konstitutioneller Unsinn, der zweite kindisch und der dritte eine Phrase, die die Blöße der ersten Punkte bedecken soll. Die kleindeutsche Partei hätte beinahe einen Kammersieg erfochten: der Antrag auf Beschickung deS VerwaltungSratheS und des Reichstages in Erfurt ist mit einer äußerst geringen Majorität abgeworfen worden. Für den DieSkau- fchcn Antrag stimmten nur 21. Das ist unsere ganze Linke, die Ue- brigen sind in'S Centrum hinübergerutscht. Dafür hat auch unsere Volksvertretung sich daâ Vertrauen der Regierung soweit erworben, daß diese bereits die Steuern bis Dezember bewilligt haben will, in der sichern Erwartung, daß daS geschehen werde. Die Grund-Gewerbe- und Personalsteuer ist dabei bedeutend erhöht, denn die Ausgaben für die Ausrüstung und Vermehrung deâ Heeres müssen gedeckt werden. Diese betragen nicht weniger als 1,000,000 Thaler. Für den Bau von Kasernen in Dresden und Leipzig werden allein 200,000 Thlr. gefordert, außerdem ist das Militärbudget selbst noch um eine halbe Million erhöht worden. Wir gehen glücklichen Zeiten entgegen, denn am glücklichsten ist ja der, der nichts hat, und so glücklich dürfte bald