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Dritter Jahrgang.

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Wr ^6» Kassel, Donnerstag den 7. März 1830.

Die Mission Hassenpflug's-

3.

Der gläubige Staat ist eine Unmöglichkeit, weil er ein Anachro­nismus ist. Er ist unmöglich, weil alle seine Bedingungen fehlen, weil jeder Fortschritt im Wissen, jedes Handelsgeschäft, jede Erfin­dung ihn widerlegt, weil der Staat, die Monarchie, diese Widerlegung dulden muß, wenn sie ihr Ende nicht noch schneller herbeiführen, bie- Revolution nicht beschleunigen wollen. Der gläubige Staat wäre nur mög­lich durch Vernichtung aller Industrie, durch Versumpfung und Ver­dummung, durch Seuchen und Pesten, durch die Verzweiflung Aller. Die Pfiffigkeit der Geschäfte und die Einfalt der Herzen stehen im direkten Gegensatze. Eine Vermittlung zwischen beiden ist im monar­chischen Staate unmöglich.

Die Vermittlung wird aber versucht werden. Man wird die rasende Schlauheit deö industriellen Eigennutzes, den Unglauben des Schachers, den Atheismus des Kapitals zu versöhnen suchen mit der asketischen Entsagung desPilgers nach dem heiligen Grabe", mit dem Glauben des armen LazaruS, mit der Hingebung desArbeiters im Schweiße seines Angesichts". Man wird die Klugheit mit der Dummheit vermählen, den Geist mit dem Dogma, den freien Willen mit der Bestimmung. Die Mesalliance wird geschloffen werden. Sie wird aber auch gelöst werden. Was in alten Tagen ein frisches Bild war, gezeugt von Begeisterung und in Inbrunst, überstrahlt von dem Lächeln eines kindlichen Augeö, durchdrungen von der Harmonie eineseinfältigen Gemütheö", daö wird ein Zerrbild sein in unsrer Zeit, ein Hohn und Spott auf unsern Verstand, eine Sünde am hei­ligen Geist, ein Verbrechen an der Kunst.

Der Versuch des christlichen Staates wird gemacht werden, und die StaatSdiener werden dessen zunächst inne werden. Der Mensch ist von Haus aus niederträchtig, und bedarf der Erlö­sung!" Nun wohl, Herr Hassenpflug wird seine Staatsdiener der Erlösung wegen an die Kirche weisen, die Niederträchtigkeit wird er aber für sich benutzen. Es wäre Herrn Haffenpflug freilich lieber, seine Experimente direct an aller Welt, amTagelöhner wie am Bauer, am Fabrikanten wie am Kaufmann machen zu können, aber diese Klassen der Gesellschaft sind ihm leider nicht zur Hand. Wer ihm zur Hand ist, sind die StaatSdiener, seine Beamten.

Die Mission des Herrn Hassenpflug duldet keine Bureaukratie, keine selbständige Gliederung des Beamtenstandes, keine Macht, keine Unabhängigkeit der StaatSdiener; die Bürcaukratic wie die Bourgeoisie sind in der Praxis freilich Pest und Fluch in dem Fleische deS Volks, in der Theorie aber eine Demonstration gegen die Herr­schaft von Gottes Gnaden, eine Barrikade gegen ihre An­maßung, ein Beweis für die Souveränetät deS Volkes. Mit der Bureaukratie, mit dem StaatSdieustgesetze war die erste und frei­lich eine sich selbst vernichtende Verfassung für daS Volk gegeben, die Lehre von dem selbstberechtigten Talente, von der Allgemeinheit deS politischen Wissens, von der freien Konkurrenz in der Regierungs- kunst, von der Unabhängigkeit des StaatSdiener g e w i sse n 6. Diese Lehre muß vernichtet werden. ES muß der Satz aufgestellt werden, daß all' jenes StaatSdienerwissen und Staatöbicnerge w i s s e n ein heidnisches, revolutionäres, gottloses sei, das seine innere Berechtigung erst erhalte, wenn cs im Dienste eines höheren, heiligeren, göttlicheren Prinzips verwandt werde, wenn nicht da sein will deö irdischen Staats, sondern deö himmlischen Herrn wegen.

Lächerliche Kurzsichtigkeit, von der Monarchie zu fordern, die Staatöstcllen nach den K e nnt n i sse n der Bewerber zu besetzen. Diese Forderung bedeutet die Revolution, die Vernichtung der Monarchie. Die höchste Fähigkeit für den Bewerber im monarchischen Staatsdienst

ist der Glaube, die Verzichtleistung auf den eignen Willen, die Unter­ordnung unter die Inspiration.

Herr Hassenpflug hat erklärt, er werde in dieser Hinsicht auf­räumen, er werde durchgreifen, er werde nachholen, was er versäumt habe. Herr Hassenpflug wird sein Wort halten, er wird zeigen, daß er nicht mehr sein eigener Herr, sondern der Diener seines Meisters ist, daß er nicht mehr seinen persönlichen Gelüsten zu gehorchen habe, sondern dem Prinzip. Er wird durchgreifen und er m u ß. Die Unabhängigkeit der StaatSdiener ist einer jener liberalen Glaubens­sätze, die in der lebendigen Welt keinen Inhalt haben, die nichts be­deuten als ihren Widerspruch. Diese Glaubenssätze müssen ausgerot­tet werden. WaS der Revolution nicht gelungen ist, wird die Contre- revolution vollführen.

Der StaatSdiener ist Diener der vollziehenden Gewalt, wie der Soldat der Diener seines Oberen ist. Der StaatSdiener hat keinen eigenen Willen, denn er steht, wie der Soldat, in geschlossener Ko­lonne, um die Besehle zu vollziehen, die ihm ertheilt werden. Aber die Justiz? Es ist euere Schuld, daß die Justiz noch zu dem Or­ganismus der ausübenden Gewalt zählt, es ist euere Schuld, daß die Justizbeamten noch Staatsdiener sind, euere Schuld ist, daß dieser Unsinn noch fortbesteht. Er besteht aber. Wohlan, so tragt ihr die Schuld, die ihr die Macht in euren Händen hattet, daß auch die Rechtsprechung sich von dem allgemeinen Fluche der Staatsdieuerschaft nicht loösagen kann.

Der Diener gehorche seinem Herrn. Hr. Haffenpflug, vor dessen christlich - pieUsUsch-n Augen alle Menschen niederträchtig sind, wird jene Barbarei, jene wahnsinnige Moral nicht fahren tasten. Unter seinen Fäusten wird die Staatsdienerschaft zu einer solch sitten- und charakterlosen Masse herabsinken, wird sie so feil und niederträch­tig, so ehrlos und gedemüthigt werden, daß ihr wahrlich keine andere Hoffnung mehr übrig bleibt, als die Gnade Gottes, die Erlösung durch Christus. Oder glaubt ihr an eine Opposition der Staatsdie­nerschaft gegen dieses System der Entsittlichung, der Entmannung?' Herr Haffenpflug ist nicht mehr der alte, Herr Haffenpflug ist Die­ner seines Meisters.Beugt euch", wird er euch zurufen, oder verhungert!" Und ihr werdet euch beugen. Ihr werdet achsel­zuckend der Welt die Frage vorlegen, ob es zweckmäßig sei, die Op­position bis zum Hungertode zu treiben? Die erbärmliche SB elt wird antworten:Beugt euch! es ist nur die Form, nicht der Geist, der sich beugt." Aber der Geist beugt sich mit der Form. Herr Haffen­pflug wird euch keine Schlingen legen, um euch zu fangen, er wird euch nicht umschleichen und bearbeiten, nicht gewinnen durch Schmei­cheleien und Zweideutigkeiten, Herr Haffenpflug wird offen und un­umwunden sagen:Parirt, - oder krepirt!" Herr Haffenpflug weiß ja, daß die Menschen von HauS aus niederträchtig sind.. Wollt ihr den Gegenbeweis liefern, wollt ihr den Römer spielen, wollt ihr dem eiskalten Mann beweisen, daß ihr nicht niederträchtig seid, daß er sich an der Menschheit verrechnet hat, daß ihr zu sterben wißt? Bewcist's, beweist's ! Die Welt ist begierig,, den Beweis zu sehen.

Keinen Beamten, auch nicht den Gerichten, steht zu, die Rechtsgültigkeit gehörig verkündeter Verordnungen zu prüfen" heißt es in der preußischen Verfassung. Was in der preußischen Verfassung steht, steht stillschweigend in der unsrigen. Mit diesem einen Pa­ragraph der neuen Gesetzgebung für Deutschland ist die Opposition der Staatsdienerschaft vernichtet, der wichtigste Damm der konstitutio­nellen Partei zertrümmert. Die Volkssouveränetät ist in ihrer dainil- sten Verdünnung, in einer Verdünnung, die bis zur Unkenntlich ei reicht, aus dem Wörterbuche der modernen Staaten gestrichen.

Haffenpflug hat mit seinen Staatsdienern freies Feld,, «« es benutzen. Ihr werdet es sehen, ihr werdet co Haffenpflug ist nicht mehr der a l t e..