- 222 —
Uchen Klippen Oesterreich und Preußen hindurch zu lavireu. Und in der That, die Dynastie Hannover ist die einzige, die, gestützt auf England, sich ganz selbständig hinzustellen vermag; es ist die Wiederholung der alten Erclusivstellung im Steuerverein. Die Vorgänge in unserm eignen Lande sind nicht ohne Zusammenhang mit diesem königlichen Separatismus, und die ganze Geschichte läuft auf die Restitui- rung des alten Bundestags hinaus, wie wir schon tausendmal wie- derholt, mit einigen kleinen Bündnissen innerhalb deS StaatenbundeS. Diese Bündnisse werdet, sich nur von den früheren Zollvereinen dadurch unterscheiden/ daß sie zugleich politischer Natur sind, und auf eire Mediatisirung der einzelnen SonderbuudSvasallen zielen. Der Anfang dieser Mediatisirungen sind die Militärconventioncn Preußens mit Braunschweig, Anhalt re. Man versuchte schon längst, sämmtliche Vasallenstaaten, die nach Erfurt rennen, zu derartigen Conventionen zu bringen, und nur die größeren werden sich dieser Zumuthung erwehren. Dadurch zerfällt der Erfurter Sonderbund abermals _tn zwei Unterabtheilungen: in Vasallenstaaten ohne Militärmacht und in Staaten mit besonderer Militärmacht. Kurhesscn wird durch Hassenpflug zu den letzteren gehören, unter Eberhard wäre eS sicher zu den ersteren gerathen. Mit einem Wort, unser Haß und unser Fluch kann unS die Selbständigkeit retten (wenn ihn nicht der allgemeine Widerwillen zu preußischen Bajonetten nöthigt), was für den Augenblick die Pflege der Freiheit in unserm Einzelstaat von Neuem möglicher macht, als unter Preußens Manteuffelei. So ist nichts so schlimm, eS ist mindestens zu Etwas gut. Wer dieser Ansicht ist, wird niemals den Muth verlieren und niemals die Hoffnung auf den Sieg, trotz der Teufelei in Hessen.
/X Kassel, 5. März. — In der heutigen Ständesitzung war weder Minister noch Landtagskommiffar, nur ein Hauptmann als Spezialkommissar zur Befürwortung einer Kreditforderung des (ehemaligen) Kriegsministeriums. Hr. Wigand war krank geworden, um auf diese Weise seiner unangenehmen Pflicht zu entgehen, da er nicht geneigt scheint, seinen Abschied zu nehmen. Warum halte er nicht so viel Takt, einige Tage früher krank zu werden. Mußte er sich denn zuvor die Blamage machen, HassenpflugS erster Brutalität als Werkzeug zu die- neu? - Hr. Oberfinanzrath Dupsing soll diese Stelle ausgeschlagen haben. Scheffer muß herbei! — Hr. Duysing ist wieder in's Fi- nanzministerium zurückversetzt, wo Brutus-Lometsch in seiner Einsam- leit (d. h. bei den leeren Kassen) verzweifelt.
* Staffel, 5- März. — Das Tvdtenmahl der Märzminister vom 3. März ist ohne Hinderniß, aber auch ohne Ruhestörung vvrüberge- gangen, zu 200 Personen â einige Thaler; — in demselben Saale saß der zitternde staatödieuende Leichenkondukt, wo 8 Tage vorher die rothen Fahnen flatterten und der Geburtstag der neuen Zeit mit kühnem jugcndfreudigem Wort und Lied gefeiert wurde. So sterben sie, während wir leben, — so halten sie Todtenämter, während wir Geburtstage feiern. Das ist das Loos des Schnöden auf der Erde. ES sinkt dahin beim Fußtritt selbst der — Esel. Daö ist das Loos deS Schnöden, nicht des Schönen; hierin hat Schiller Unrecht, denn die Schönheit ist unsterblich wie die Wahrheit.
O Berlin, 3. März. — Daß die ministeriellen Posaunen sich in ihrer Dummheit doch immer noch solche Blößen geben! Da bringt die „Teutsche Reform" gestern siüh eine telegraphische De- pesche aus Paris, derzufolge Frankreich Genf und Lausanne besetzen würde, sobald Preußen und Oesterreich intervenirten. Nun denken Sie sich den Schreck der „Eigentlichen"! Haben wir's nicht gleich gesagt, hieß es von allen Seiten, daß Ihr uns mit Euren tollen Re- aktionSpläuen in einen europäischen Krieg stürzen werdet? Haben wir Euch dazu die achtzehn Millionen bewilligt, daß Ihr unS Frankreich und England auf den HalS hetzen sollt? Schlagt unsertwegen die Franzosen, ehe sie sich noch rühren können, in ihrem eigenen Lande todt, aber fangt nicht an, zu mäkeln und zu scharmutzeln, damit Frankreich und England, und — du lieber Himmel! — die grausige De- mvkratie unS in Deutschland selbst über den HalS komme! — So geulten bie SlngftooUen den ganzen Tag an den Wassern der Spree, ls er lbend kam, der stille, gemüthliche Abend, und mit ihm der besänftigende Mondschein der Abendreform. ES war ein Mißver- standniß, wir haben uns übereilt, die Sache ist nicht so schl.mm, hieß eâ da. Die Befürchtungen, die unsere Morgendepesche hätte hervorrufen onneu sind genauerer Prüfung zufolge, durch nichts ge- rechtfertigt, das hat auch b« Börse gezeigt, denn sie war mchi flauer alS gewöhnlich. Ja, Frankreich wird allerdings Genf und Lau-anne besetzen, aber nicht uns Mächtigen zum Trotz, die wir von Gottes Gnaden regieren und jenen hohlköpfigen Emporkömmling nur dulden so lange er noch zu gebrauchen ist - nein, die französische Regierung besetzt jene Orte tm herzlichsten Einverständniß mit uns und dem ehrenwerthen General Schönhals, dessen kühnen Angriffsplan irgend ein vorlauter Schwätzer der „Schweizerischen Nativnalzeilung" verra
then hat. Ihr seht Gespenster, Ihr guten Konstitutionellen! Wir wollen nur ein wenig aufräumen in der Schweiz, Euch soll kein Haar gekrümmt werden, und Erfurt, wartet nur, Erfurt wird doch noch die Edelsten der deutschen Nation, unter dem Schutze des preußischen Adlers tagen sehen! — Ja, Erfurt! Das Wort zücht wie ein ewig- langer Seufzer durch die Spalten der gutgesinnten Blätter. „O Erfurt, o Erfurt, du wunderschöne Stadt, darinnen liegt begraben manch' schöner Diplomat!" — so höhnt die „Neue Preußische" und verkündet mit triumphirenden Lächeln, daß der Termin zur Eröffnung des Erfurter ReichsvereinS auf's Neue hinauögeschoben sei! Welch' ein Jammer im Heerlager der Eigentlichen! Und nun gar noch die Nachrichten aus Ihrem lieben HcimathSlande! Thränenschweren AugeS verkündet die „Konstitutionelle", daß ihre Nachricht, Hassenpflug werde eine Erfurter Politik verfolgen, eine voreilige gewesen sei; von dem Manne „der Monarchie, bei der eine landständische Vertretung bestehen könne", sei auch keine Colitis zu erwarten, bei der ein Erfurt bestehen könne. Das würde ja zur Mediatisirung führen, und „Meine Herren", sagte der König von Württemberg, „verlangen Sie von mir, was Sie wollen, nur nicht, daß ich meine Krone in die Hände eines Hohcnzollern legen soll" — und der Kurfürst von Hessen schlägt an seine Brust und spricht dieselben „geflügelten Worte." Noch ist Hannover nicht verloren, — sagt man den „Konstitutionellen", mit Hinweisung auf die Reise des UntcrstaatSsckretärS v. Bülow dorthin, noch werden wir dort einen Versuch wagen. Und sie glauben es!! Als ob jetzt noch die Diplomaten sich wegen Erfurt in den Haaren lägen! jetzt gibt cs andere Dinge zu berathen, als da sind: Vernichtung der Schweiz, Eskamotirung des Herrn Präsidenten, Herstellung der Ruhe und Ordnung im lieben Vaterlande u. s. w. u. s. w. Sonne von Erfurt, du bist untergegangen, ehe du noch aufgestiegen warst! — An den künftigen Wahlen zur ersten Kammer wird die Berliner demokratische Partei nicht Theil nehmen; — wozu auch die Wahl in's Blaue hinein und für solch' ein Institut? —
MLC München, 2. März. — Die telegraphische Depesche auS Wien über Aufhebung der Blokade ist dahin zu berichtigenF’wj nur die Hoffnung dazu berichtet ist. O wenn die Hoffnung nicht wcU! — Der Mitredakteur der „Leuchtkugeln", Ringler, ist wegen Beleidigung deS regierenden Königs von Preußen und des regierenden Kaisers von Oesterreich zu zweimal 24stünbigem Arrest verurtheilt. Der König von Preußen soll beleidigt sein durch die Ausdrücke: „König Friedrich Wilhelm schlachtet Menschen" und „ daö ist bas Muster eines Vielfraßes ", das eine als Unterschrift unter eine standrechtliche Hinrichtung, das andere unter einer dicken, kugelrunden Person nebst Pickelhaube. (Nr. 109 der Leuchtkugeln ) Vergebens vertheidigte sich Ringler damit, daß in Menschenschiächter keine Injurie begründet sei, da ja schon dem Abraham zum Verdienst angerechnet sei, daß er seinen Sohn habe schlachten wollen. „Was wäre mir erst passirt - ruft Ringler in den Leuchtkugeln aus — wenn ich König Friedrich Wilhelm einen Säufer genannt hätte!" — Die zweite Anklage lautete auf Belei- digung des Königs und deS Kaisers in einem Akte, durch einen Artikel „Raubmord" (in Nr. 99 der Leuchtkugeln), der in Form eines Steckbriefs zur Ermittlung der muthmaßlichen Mörder des deutschen Michels auffordert. Das Signalement der Verdächtigung lautet: Namen: wahrscheinlich von Gottes Gnaden; Stand: über dem Gesetze; Gewerbe: Mord und Raub en gros; Alter: lebenslänglich und erblich; Religion: absolutistisch; Größe: un- menichlich; Haare: grau von Sünde; Gesichtsfarbe: schwarz- gelb und schwarzweiß; Mund: zum Verschlingen; Besondere Kennzeichen: trinken gern Blut und Champagner und dienen dem Herrn; Bekleidung: wahrscheinlich Purpur und Krone. — Ringler sagt in den Leuchtkugeln, er habe gegen dies Erkenntniß hierüber nicht appellirt, er sehe nun ein, daß die Richter die indem verfolgten Artikel allegorisch gebrauchte Bezeichnung: Raubmörder mit Recht auf JF. MM. den Kaiser von Oesterreich und König von Preußen beziehen konnten. — In den Kammern: Prüfung deS Budgets mit unendlichem Vertrauen vermischt
Schweiz.
j-s Genf, 27. Febr. — Die in Murten arretirten Abgeordneten der deutschen Vereine in der Schweiz sind zur Fortführung der Untersuchung nach der Canlonohauptstadt Freiburg tranSportirt worden. Es ist ein besonderer Commissär der Bundes - Polizei mit der Untersuchung beauftragt. Der hiesige deutsche Verein hat sich mit dem Ersuchen um Aufklärung über die Beweggründe zu den ergriffene» Maaßregeln an die Polizeibehörde gewandt, und von Hrn. StaatS- rathopräsidenten I. Fazy die Auskunft erhalten, daß die hiesige Behörde nur auf Befehl der C en tra l. P o l ize t gehandelt habe, welche durch aufgefundene Papiere, die auf eine beabsichtigte Insurrektion schließen ließen, zu den geschehenen Schritten ver-