Dritter Jahrgang.
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M- 55.
Kassel, Mittwoch den 6. März
1S5O.
Die Mission Hassenpflug s
2.
Die naturwüchsige Stütze der Monarchien, die Aristokratie, der Adel, ist gefallen. Seine Wiederherstellung ist die Arbeit des Sisy- phuâ, eine Unmöglichkeit. Alle Versuche dazu schlagen in ihr Gegentheil um, werden zu Fratzen und Karrikaturen. Der Ersatz des Adels durch den bürgerlichen Besitzer ist eine Thorheit nach beiden Seiten hin, er gibt den letzten Resten deö Adels den Todesstoß und der Volkssouveränetät zugleich ihre Berechtigung.
Die Monarchie hat fortan nur noch zwei Postamente, auf denen sie wähnen mag, ruhen zu können: die weltlichen Beamten und die geistlichen Beamten, die schwarzen und die blauen Diener. Oder sollte sic es im Ernste für ihr Ziel halten, ihren Thron auf den blitzenden Bajonetten, auf den Lafetten aufzuschlagen? Sollte sie im Ernste glauben, daß ein solcher Thron weniger auf den Sand, den Wind und die Wellen gebaut wäre, als der Thron eines sogenannten Bürgerkönigs? Die Waffengewalt wird bei uns nun und nimmermehr etwas Anderes sein können, als daS Schwert im Dienste irgend eines Fanatismus, sei eâ eines religiösen oder politischen, sei eS deS Siegers bei Austerlitz oder derer bei Leipzig. Die Prosa des Mordens, der Barbarei, der viehischen Aufopferung mag vielleicht ein Jahr unserer Geschichte, vielleicht hundert Blätter des großen Buches schänden und besudeln, — aber die Söhne werden bereits erröthen über die kannibalischen Mordthaten ihrer Väter, das Auge deö deutschen Weibes wird überfließen über die kommandirten Würgereien ihres Mannes.
Nachdem mit der Aristokratie die Romantik der Liebe, der Hingebung, der Lehenstreue zu Grabe getragen ist, gibt es nur noch eine Quelle, aus welcher der Fanatismus für Thron und Krone fließen kann: die Religion, die ewige Ordnung Gottcö, die ewigen Evangelien des Sinai und des Oelbergs. Aber diese Religion ist nicht jene, an deren Busen auch wir liegen, ist nicht jenes frische, lebendige Wehen, das unser Herz klopfen macht und uns jubelnd in die Zukunft treibt. Die Religion der Monarchen ist jener trübselige Glauben, der unS, wie ein alter Aberglaube sagt, den Todten nach- zieht, der uns heißt, zerknirscht und erschrocken niederknien in den düstern Gewölben, zwischen deren Säulen Christus, der demüthige, verfolgte, gekreuzigte, auferstandene, zu Gott erhobene Erlöser wandeln soll. Die Religion der Monarchen ist die Religion der Verzweiflung, der Geiselung, der gebrochenen Herzen, über die sich unter Orgelton und Schcllenklingen das Kreuz erhebt, das Kreuz deS mystischen Trostes und der Erquickung, das Kreuz, zu dessen Träger Gott selbst die Fürsten der Welt ernannt haben soll, seine christlichsten Diener, seine Könige, die da geloben dem Herrn wirklich zu dienen.
Die Religion der Monarchen ist der Pietismus, der protestau- tische Wunderglaube, oder — — der Katholizismus in seiner tiefsten Vertiefung. Diese Religion ist eö, welche die Hand der Dynasten dem anstürmenden Volke entgegen zu halten gedenkt, deren Saamcn sie in alle Herzen zu streuen gewillt ist, über die sie Gewalt hat.
Der Versuch ist umsonst, die Mission HassenpfiugS wie aller seiner Kollegen ist verfehlt. Nicht etwa, als wäre daS hessische Volk prosaischer, gleichgültiger, unempfänglicher, als ein anderes, sondern der Versuch ist deshalb umsonst, weil ganz Europa seit 3 Jahrhunderten der Demokratie entgegenreift, weil seit 3 Jahrhunderten das Individuum sich von den Fesseln des Standes und der Kasten, der Gewohnheit und deö Dogma loszumachen sucht, weil seit drei Jahrhunderten das Individuum sich alö Souverän fühlt, weil eS seit der französischen Revolution keine eiserne Autorität mehr gibt, weder für den Kopf, noch für daö Herz, weder für die Philosophie, noch für den Glauben. Die Restauration deö Glaubens
wäre in protestantischen wie in katholischen Staaten nicht möglich auf der Grundlage deö Papstthums, deS fürstlichen Episkopates, sie wäre nur möglich auf dem Boden der Synodalverfassung, der freien Entfaltung der Kirche, der Demokratie.
Wohlan, macht diesen Versuch! Die Abwerfung des fürstlichen Episkopats würde allerdings die Fürsten von dem Kampfplatze entfernen, auf welchem naturgemäß der Streit der nächsten Tage entbrennen muß, sie würde die Geschosse von den Fürsten auf die Kirche selbst lenken. Der Versuch wäre ein Palliativmittel, nach dessen Verbrauch die Kirche selbst zusammenstürzte, um dann die Fürsten in ihrer ganzen Trostlosigkeit und Einsamkeit, in ihrer ganzen Nutzlosigkeit und Anmaßung zu zeigen. Die Kirche der Gegenwart lebt nur, indem ihr sie sterben laßt. Sobald in ihrem Schiffe der Streit beginnt, wird das Staubgebilde auseinanderfallen, und eö sich zeigen, daß sie keine Kirche mehr war, sonder» ihre Leiche.
Aber eben so gefährlich alâ die Ablehnung ist die Beibehaltung des fürstlichen Epiöcopats, ist die Mission Hassenpflugs und Genossen, den Glauben zu restauriren durch die Fürsten, die Religion zu vertiefen durch die Träger deö anderen Schwertes, daS über die Christenheit gesetzt ist. Versucht auch das! Laßt eure Fürsten sich verrammeln hinter die Pfaffen und Theologen, hinter den Altar und die Kanzel. Soll ich euch daö Ende dieser Kriegsführung sagen? Wohlan! Statt daß im andern Falle daS Dogma, der Glaube selbst bekämpft wäre, daß er gefallen wäre, und hinter ihm her alle Pfaffen und Heiligen, Throne und Altare, statt dessen wird in diesem Falle der Sturm beginnen auf die Körper selbst, vor dem Thron hinweg wird das Schwert deS Volkes die Pfaffenbrut vertilgen, über den Altar hinweg wird es auf den Thron steigen und — dieser Sturm wird iiid)t zurückgeschlagen werden. In diesem Falle werden die Fürsten nicht hinter der Kirche, sondern in der Kirche fallen.
Der Stern der Monarchen ist untergegangen. Ihre verzweifelte Anstrengung, noch einmal ihr Banner hoch in die Luft zu werfen, noch einmal ihre Getreuen zu sammeln um ihre Fahnen, ist der fünfte Akt in dem Drama der politischen Revolution. Möglich, daß die Scene drastisch ist, der Held geht aber dennoch unter. Möglich, daß sich unsre Dynasten an die Worte Solimans erinnern: „Die Welt soll zittern, wenn ichuntcrgeh!" Soliman ist aber doch untergeg angen. Der Untergang der Dynasten wird die Kirche mit in das Grab reißen, alle Heiligen stürzen, und die Welt in ein scheinbares Chaos zusammenwerfen, — aber der Untergang wird eben doch kommen, und daS Chaos toirb eben doch nur ein scheinbares sein. In dem Sturm, der dann über die Welt geht, werdet ihr bereits die Lieder der ersten Lerchen hören, auf dem Schutt deö Mittelalters werden schon die ersten Blumen des neuen Frühlings blühen.
Aber die Dynssten werden nicht blos die Kirche in ihr Verderben reißen, mit ihrem Sturze wird auch das vernichtet werden, was vom Volke unter Fluch und Verwünschung Deamtenherrschaft, fürstliches Lakaienthum genannt wild. Wir werden auch da- von sprechen.
Deutschland.
Kastel, 5. März. — Also der Dreikönigsbund ist nunmehr nicht blos faktisch, sondern formell gebrochen. Sachsen und Hannover sind einfach zurückgetreten. Aber kaum ist der eine DreikönigSbuiid untergegangen, so haben wir einen neuen; der VierkönigSbund von Würtemberg, Baiern, Sachsen und Hannover hat ebenfalls einen erlitten, indem Hannover auch von dieser Verbindung zur» gc re i• Die Ministerkrisis in Hannover ist vorüber, Stüve blei , un . geschickt genug, daö Staatöschiff Hannovers zwischen den 'n * L