Dritter Jahrgang.
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W* S3.
Kassel, Sonntag den 3. März
1S5O.
Die Ständeversammlung, der Großvezier und sein Knecht Wigand.
Wie Herr Hassenpflug Ständeversammlungen zu behandeln pflegt, ist eine alte Geschichte. In den 30er Jahren ließ er sich nur herab, Notiz von ihnen zu nehmen, wenn er ihnen den Eid abnahm, sich unter seiner Ruthe schmiegen und fügen zu wollen — oder wenn er sie davon sagte, wenn er sie Steuern verwilligen oder Einen oder den Andern von ihnen beistecken ließ. Außerdem hatte er seine Metzger- und Hetzhunde, seine Kochs, seine MeisterlinS und seine Scheffers, die er der Opposition an den Leib hetzte, und die Lappen auf. Lappen von der Verfassung herabinterpretirten, Herunterknabelten, bissen und rissen; da gab es, Dank den Eggena'schen Hinterthüren und den Schomburg - Pfeiffer'schen Amendements im verfassunggebenden Landtag, keinen Paragraphen der Verfassungsurkunde, der nicht links und rechts gedreht und nach Luft und Laune, mit jesuitischen Kniffen sowohl wie mit der rohesten Plumpheit vernichtet worden wäre. Manche edle Kraft ging in diesem ewigen, gemeinen, hinterlistigen Hetzkampf um nichtssagende Formalitäten zu Grunde, eine ganze Schule nichtswürdiger Staatörcchtsverdreher und feiler Regierungöbüttel wurde in dem beinahe 10jährigen Kampfe herangezogen. Der Märzsturm hat sie nur verscheucht, er hat nur ihren nichtswürdigen Umtrieben augenblicklich Halt geboten, aber ohne sie selbst zu vernichten;— das alte Schauspiel beginnt von Neuem. Derselbe Lug und Trug, dieselbe hochmü- thige, freche Arroganz, dieselbe Behandlung der Vertreter des Volks als unmündige Schulbuben — dieselbe empörende Komödie der 30er Jahre. Es sind sa dieselben Schauspieler! — Aber diesmal wird die Komödie zum jammervollen Pvssenspicl werden, und ihr Ende eine blutige Tragödie. So weissagen die blutroth niedergehenden Sterne deS Absolutismus! — Wir sind, wenn nicht im Sten, doch sicher im 4ten Akte! — Der Höhepunkt der Tragödie, der 3te Akt, ist schon längst vorüber. Noch einmal rafft die Hölle ihre Kräfte zusammen, noch einmal triumphirt sie mit teuflischem Hohngelächter über die Wahrheit und Freiheit! — Auch daS geht vorüber! —
Wie der Großvezir Hassenpflug bei dem Verlesen seines Programms auftrat, war ganz seiner bekannten Persönlichkeit würdig, — ohne Schaam, ohne Scheu vor den Verwünschungen, die unter den Gewölben des Ständesaals als ruhlose Geister umhcrirrcn, bis sie ihre Sühnung gefunden, das Opfer ihrer längstersehntcn Rache. Todtenstille senkte sich auf diesen Saal, als daö bekannte verhaßte Jesuitenantlitz aufiauchte. — Aber auS den Lüften tönte daS leise Geflüster der dämonischen Nachcgeister, und es klang wie die Stimme der Verstorbenen selbst bis in sein verschlossenes, verstocktes Herz: „Er ist der Verräther seines Volks, — er werde gerichtet!" — Einen Augenblick mochte dieses Herz erbeben, aber dann war es daS alte, daS ungebeugte, ungebesserte Herz des Tyrannen. — Und nachdem er sein Programm verlesen, und nachdem er mit hochmüthigen Schritten den neuen Schauplatz seiner machiavellistischen StaatSkunst verlassen wollte und der Präsident in edlem ZorneSeifer ihn stellte, um ihm zum mindesten nicht die offizielle Mittheilung der allgemeinen Verachtung vorzuenthalten: — da war es die alte Schlange, die sich zusammenringeltL vor dem drohenden Angriff der Gegner, aber nicht zur Flucht, sondern zum tödtlichen Sprung; — da war es die alte grenzenlose Verachtung des Volks und seiner Vertreter, die dem Vezir deS Kurfürsten und deS StaateS die Worte diktirte: „Dafür ist der LandtagSkommissar!" — O gutmüthige Seelen! Meint ihr, ein Has' senpflug würdigte euch seiner persönlichen Feindschaft, seiner persönlichen Widerlegung, dafür hat er seine Hetzhunde, seine Pa- scha's, seine LandtagSkommissarc, seine bezahlten Knechte. — Und alö Kem Hrn. Großvezir daS Mißtrauensvotum der Stände insinuirt wer-
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den sollte, war sofort der neue Knecht gefunden, der Knecht Wigand, der der erstaunten Versammlung erklärte, eS sei ihm verboten, dasselbe abzugeben, er könne nicht anders, er sei eben der Knecht, der Land- tagskommissar! — Die Versammlung war weniger erstaunt über den Großvezir, als über den jugendlichen Pascha. Ist dieser willenlose Knecht nicht derselbe Mann, der noch so eben für daö Ministerium Eberhard seine Lanze schwang? nicht derselbe, der mit diesem System, daö ihn erhoben unv poussirt, in Fleisch und Blut verwachsen schien? — Und nun vertheidigt dieser Mensch daö Gegentheil, vertheidigt er den nackten, uaverhüllten schamlosen Absolutismus? — O meine Herren, hatten wir's nicht längst vorausgesagt, daß dieses dienstwillige Werkzeug in der Hand der Regierenden noch eine schöne Zukunft haben würde? — Hier seht ihr den Staatsdiener â tout prix. — Se. Königl. Hoheit haben ihn zum Landtagskommissar bestellt; — er bleibt auf seinem Posten als Advokat jeder Regierung — er hat kein System, keine Ueberzeugung, kein eigenes Herz, keine eigene Vernunft — der jedesmalige Götze von Hessen ist sein Herz, seine Vernunft, ist sein Gott, sein Alles! — Ist daS Konstitutionalismus ? — Mußte dieser Diener Eberhard'S nicht sofort sein Amt niederlegen mit dem Sturze Eberhard'S? — Nein, er ist nur ein Knecht, ein gesinnungsloser advokatischer Zungcnvertheidiger, nur das elende Werkzeug dessen, den der Zufall zu seinem Gebieter setzt! — Und Niemand in der Kammer sagt diesem Scheffer II. mit dürren Worten seine Schmach vor die „jugendliche" Stirn! — Es werden sich noch mehr solcher Knechte finden! Volk, merke auf deine Verräther!
Der Herr deö Knechtes hat wohl gethan, daö Mißtrauensvotum nicht anzunehincn. Er will sich ja mitKammcrn überhaupt nichts zu thun machen, ausgenommen Steuern von ihnen bewilligt haben. Der Groß- vezier regiert; der Sultan darf und braucht nicht zu erfahren in seinem Harem, was daö Volk will. So ist eö in der Türkei! so ist es bei unö! — Daö ist alles noch immer nicht unkonstitutionell — nicht gegen die Verfassung. — Heil sei dem System, dem nirgends faßbaren, deö Konstitulionalismus! — Aber daß die Ständeversammlung auch nur eine Mittheilung dieses pflichtvergessenen Landtagkommissars und dieses Ministeriums annimmt, daS ihr offen Mißachtung und Krieg erklärt hat, ist eine unverzeihliche Schwäche! — Bedenkt wohl, ihr Vertreter deö Volks, mit Wem ihr'ö zu thun habt, — mi t dem Feinde deö Landes; — soll der alte entnervende Streit der Formalien von Neuem Kurhessen mit dem Gift der Rechtöunsicherheit, der Korruption und der Sclaverei erfüllen? So schleudert ihm den Handschuh zu Füßen! — Auflösung auf Auflösung folge, bis zu seinem Untergang. Das ist der allein würdige Krieg gegen den Henker der Freiheit und gegen seine Knechte. —
Deutschland.
Kassel, 2. März. — Bei der gestrigen Aufführung des „Doir Juan " wurden die Worte: „Es lebe die Freiheit!" von einem stürmischen Jubelruf des Publikums begleitet. Der Restaurateur Haffen- pflug schlug den Takt dazu.
Einem Gerüchte zufolge soll die Märzerrungenschaft der „Schutz- wache" nächster Tage beseitigt werden. Wir gönnen der Schutzwache dieses Ende. Wenn aber der excellente Hr. Haffenpflug glaubt, damit dem Volke seine Waffen zu nehmen, so ist er irre. Das Volk hat Waffen, die von Hrn. Hassenflug so wenig als von Rost und Motten gefressen werden. \
Am Tage der Wiederbeurlaubung der einberufenen Truppen war die Tagesparole: „Schwarzenborn". ~
Kassel, 2. März. — Die Ostseezeitung meldet: â dcnt Haffenpflug verreiste vor einigen Tagen. 2(15 erfuhr, beeilte er sich, wie wir hören, das Citatwnvuu ‘ c