Dritter Jahrgang.
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Mr 50
Kassel, Donnerstag den 28. Februar
1850
Haffenpflttg der Mystiker
Der Zweck heiligt die Mittel.
Waâ hätte Hr. Hassenpflug zu thun, wenn eö ihm wirklich damit Ernst wäre, die gegebenen Gesetze zu halten? Er hätte sofort seine Ministerstelle nicdcrzulegen und bad Land zu verlassen! — Die Verheißung deS Fürsten vom 11. März, daß nur Männer, die bad Vertrauen bed Volkeâ haben, die Ministerien besetzen sollen, ist so gut, wie Gesetz, noch dazu, da hiermit nur bad Wesen einer konstitutionellen Regierung ausgesprochen wurde. Herr Hassenpflug wird selbst nicht im Geringsten daran zweifeln, daß bad ganze Land, daß alle Parteien, Republikaner wie Konstitutionelle, ja selbst ein großer Theil der wenigen Absolutisten ihn hassen biö in den Tod, und daß ihm von allen einigermaßen Tapferen aller Parteien der Kampf auf Leben und Sterben zugeschworen wird. — Bei Eberhard, den nur die Demokiatcn angriffen, weil er die deutsche VolkSsouvcränctät in die Ketten Preußens überliefern half, konnte man zweifelhaft sein, ob er bad Derirauen bed Landes habe, da eine ganze Partei, seine Partei, die Partei ter Konstitutionellen, die in der Ständekammer die Majorität hatie, seine Schritte billigte, ja ihn dazu drängte. Aber bei Hrn. Hassenpflug ist kein Mensch zweifelhaft darüber, daß mit seinem Einzug in Kassel bad ganze Land mit geballter Faust ihm gegenübersteht, und daß er schon längst die Thore der Residenz hinter sich hätte, wenn nicht im Hintergrund die Bajonette Preußens standen. Seine negative Berechtigung liegt nur in der Schwäche KurhcssenS, wie aller kleinen Staaten, den reaktionären Großmächten gegenüber. Seine positive Berechtigung beruht auf den preußischen Bajonetten. Richt der souveräne Kurfürst von Hessen hat diesen Tyrannen über und gesetzt, sondern der Freund, der Detter, der Vasall von Preußen. — Wer DaS erkennt, wird wohl wissen, welch' ein Kampf provozirt, welche Schicksale durch einen Angriff auf diesen Mann hervvrgcrufcn werden können, Schicksale, welche die Schwäche seines Vorgängers mitverschuldet. Wäre Kurhessen nicht im preußischen Sonlerbund, Eberhard stände vielleicht noch, — und wäre Hassenpflug gekommen, er wäre vielleicht eben so schnell verschwunden. — Und dennoch ist zu fürchten, daß der allgemeine Unwillen diese Schicksale herbeifuhrt.
Man bedenke! Ein einziger Mann wagt eö, sich an die Spitze eines Landes zu drängen, um cd noch unglücklicher zu machen, als cd schon ist, — wagt cd, die Zügel der Herrschaft in die Hände zu nehmen, obgleich Niemand ihn in dieser Herrschaft unterstützen will, — Niemand als j.-ne kleine Schaar heuchlerischer Frömmler, welche die Erde mit Blut und Thränen tränken möchten zur Ehre und zum Lobe ihres eifrigen Gottes im Himmel! — Dieser zudringliche Gebieter möge sich wahren! Er ist kein Fürst, er ist ein einzelner Verlassener, ein alter Stamm, den die Blitze suchen und treffen. Seine Frömmler werden ihn nicht retten.
Aber er kommt, wie er glaubt, im Namen Gottes, — um die Herrschaft der erstgeborenen Kinder deS Himmels, der Fürsten, wie- derherzustellen im alten Glanze der Vorzeit ; er kommt, um daS Reich deS alten Glaubens wieder einzuführen mit ter Schärfe bed Schwertes unter den Heiden und Abtrünnigen! — Schon einmal hat er in Kur- Hessen bad Banner der Verdummung und der (Korruption an Leib und Seele aufgepflanzt; schon einmal wurde der Bau der Finsterniß, den er mit Mühe und Sorgen errichtet, durch einen einzigen Frühlingosturm zertrümmert und spurlos hinweggefegt. — Diese Zeit wird abermals kommen! Und wenn er biö an seinen n a t ü r l i ch c n Tod bad eiserne Scepter über diese Gaue schwänge, und wenn cd seinem lieblosen, grausamen Geist gelänge, Jahre lang die Wahrheit in Banden zu halten, und jahrelang jeden Hauch der Freiheit in seiner Geburt zu ersticken: — auf seinem Todtbett noch wird ihm der furchtbare Geist
der Revolution erscheinen, wie er erschien seinem Borgänger Bickel, und sein brechendes Herz wird stöhnen: mein Gott, so hab' ich vergebens gelebt!
Rein, du hast nicht vergebens gelebt! — Kein Alba, kein Gran- vclla, kein Richelieu, kein Mazzarini hat vergebens gelebt, — und selbst ein Attila, „die Geisel Gotteö", hat die Menschheit auS ihrem stumpfen Dahinbrüten erweckt, und sie durch grausame Qualen zu neuem Muth, zu neuer Begeisterung aufgestachelt. — Nein, auch eine Got- teSgeisel der Völker lebt nicht vergebens! — Aber tragisch ist die Verblendung, in welcher ein solcher Mann dahinlebt. Mit Gewalt glaubt er den Samen sein e S HimmelS in die widerstrebenden Herzen einzwingen zu können; in wahnwitziger Selbstvermessenheit glaubt er alâ Genie von GotteS Gnaden, als Auâerkorner bed Himmels die Welt nach seinen Illusionen leiten und lenken zu können! O Schwächling! ES gibt keine Propheten, eS gibt keine Gesandten deS Himmels mehr, — eS gibt keine Selbstherrlichkeit eines Genies. Nichts von Dem findet mehr Gnade vor den Augen bed Volkes. DaS Volk selbst, daS du so grenzenlos verachtest, ist sein eigener Prophet, sein MessiaS und sein Herrscher — und du bist nur sein Tyrann! — Sei noch so geistreich, noch so gelehrt, noch so pfiffig! Du willst nur dir selbst dienen, und du bist Nichts!
Und Kur Hessen zum Mystizismus bekehren zu wollen! Wahrhaftig , man muß an seiner gerühmten Klugheit zweifeln; Kurhessen, dieses Land deS JndifferentiömuS — und ein Diener deS Pietismus ! Eher kann man den Papst reformiren, eh' man dieses derbe, trockene, verständige Volk zum Pietismus bringt. — Nein, ihr Herren Pietisten, hier ist nicht eure Heimath, und selbst mit einem Hassenpflug an der Spitze, und selbst mit preußischer Heermacht zur Seite! Ihr werdet'S erleben!
D e u t s ch l a n d.
Kassel, 27. Febr. — Die Demonstration unseres Stadtraths gegen Hrn. Hassenpflug und für die entlassenen Minister ist ohne „alles Hinderniß, aber auch ohne Ruhestörung" vorübcrgcgangen. Ungefähr 1200 Anhänger Eberhards, beziehungsweise Gegner HassenpstugS — ein bedeutender Unterschied! — haben heute ihrem Schmerze über die Wendung der Dinge in einem stummen Trauerzuge und in gedämpften Hochs Luft gemacht. Mit demselben stummen Schmerze haben die Abgetretenen ihren Dank zu erkennen gegeben. Der ganze Auszug war ein feierlich-friedliches Todtenamt.
Hr. Hassenpflug hat vermuthlich gedacht: „Die Natur, also auch der Schmerz, muß ihren Lauf haben. Weint euch auS, nachher parirt aber." Hr. Hassenpflug ist klug und weise. Wenigstens wird er gegen eine ziemliche Anzahl der Leidtragenden von heute keine BekehrungS- maßregeln zu ergreifen brauchen. Die Zeit lindert den Schmerz! UebrigenS ist cd für den neuen Premier sicher eine seiner schönsten Stunden gewesen, alS er die Ueberzeugung erhielt, einer gewissen Sorte Menschen so recht mitten in'S Herz getroffen zu haben, ohne daß sie etwas Anderes vermöchten, als „moralische Eindrücke" zu weinen.
DaS Lesemuskum, welches in der ersten Hitze einen Fackelzug in Scene setzen wollte, hat gleich andern TageS sein peccavi! gebetet. Mit der heutigen Demonstration und einem Abendessen wird'S gethan sein.
O Berlin, 26. Febr. — Wie bekannt, war derKönig gefattcnhaiifs Knie nämlich).— Hr. ».Brandenburg mußte deshalb heute daS schwereL^r übernehmen, den Kammern die E nt lassungSrede vorzuleit"- F dieselbe im nichtssagendsten Styl gehalten war, werden Sie u ^^ große Betheuerung glauben, daß die verehrten Herren .1« _. eon ben „bedeutungsschweren" Worten "baut * selbst, daß von dem nächsten Zusammentritt der »am ‘
gesprochen wurde, beunruhigt natürlich ein 3 ‘