Dritter Jahrgang.
Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr., bei wiederholter Einrückung 6 Hlr. Abonnenten erhalten 25 pCt. Rabatt.
Erscheint täglich, Montags ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreiè 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Expedition (obere Eutengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr.
orniss e.
M" 47.
Kassel, Sonntag den 24. Februar
1850.
Der permanente Kriegszustand und die Umwälzung Europas.
2.
Indem nun die Monarchen und monarchischen Regierungen des Europäischen Continents ein Gefühl und Bewußtsein von dem ihnen so gefährlichen Zustand der Dinge haben, so ist ihre Hauptbestimmung, gegen welche alles Andere Nebensache wird, die milita irische Rüstung gegen die unheilschwangere und in dem Innern aller Staaten mehr oder weniger Stoff vorfindende Revolution. Aber nicht minder ist die Regierung Frankreichs selbst genöthigt, das eigne Volk mit der militairischen Gewalt ganz zu umspinnen, weil die innere soziale Zersetzung immer fortschreitet und jeden Augenblik mit einem furchtbaren Ausbruch droht. Wie sehr auch der finanzielle Zustand der Staaten eine Verminderung der Heere fordert, wie sehr der permanente Kriegszustand die Kräfte aufreibt, es hilft Alles nichts gegen die „Feinde der Ordnung" d. h. gegen die Freunde einer neuen und menschlicheren Ordnung muß die Blüthe des Volks aus dem Volke herausgerissen und ihm gegenüber disciplinirt und organisirt werden. Schon ist ganz Frankreich durch Louis Napoleon militairisch neu zen- tralisirt worden. Preußen fordert 18 Millionen für außerordentliche militärische Rüstungen und sucht auch die Militairmacht der kleineren Staaten an sich zu ziehen, Oesterreich und Rußsand stehen fortwährend schlagfertig da, Radetzky fordert Verstärkungen für Italien, der Czaar deutet auf den baldigen Ausbruch des Kriegs hin. Und dieser Zustand des drohenden oder wirklichen Kriegs kann vorerst gar nicht aufhören, weil Frankreich immer auf dem Sprunge steht, weil hier die Dictatur und der Versuch der Umwälzung dauernd sind, und durch alle Staaten verwandte Elemente sich hinziehen. Also nach Innen und Außen zugleich muß man gerüstet dastehen, eine unheimliche Spannung geht durch Alles hin, trübt und vernichtet die unschuldige Freude des Daseins. Wohl möglich, daß auch so einige Jahre des drohenden Kriegszustandes mit andern des wirklichen wechseln, beide sind gleich peinlich! UebrigenS versteht sich von selbst, daß diesem permanenten m il i t är i sche n Belagerungszustand des Volks auch ein solcher in allen gesetzlichen Zuständen entsprechen muß, indem Vereine, Presse u. s. w. mit Polizei, Cautio- nen, Strafbestimmungen u. s. w. belagert werden müssen. So wird die Reaktion aus Angst der Mächtigen immer stärker, ein festes von Soldaten, Büreaukraten und Polizei muß das Volk umstricken.
Dieser qualvolle Zustand, gesteigert durch die mit ihm nothwendig verbundene materielle Bedrückung des Volks, wird sich erst lösen, wenn neue entscheidende Bewegungen erfolgen, aller Wahrschein- lichkeit nach von Frankreich ausgehend. So herrscht das Gefühl der Schwüle und Spannung vor dem Gewitter, und nur durch seine Entladung kehrt ein erquickender Zustand zurück. Und in jener Zeit der Umwälzung Europas (deren Eintreten Niemand genau vorausbestimmen kann, welche aber auf keinen Fall mehr ferne liegt) wird sich zeigen, daß die aus dem Volke selbst entnommenen organisirten Körper der Idee, dem Gefühl und Trieb der Befreiung keinen Widerstand leisten werden, daß auch sie in dem Geiste des Volkes stehen. Nur freilich wenn die wirkliche weltcrschütternde Revolution kommt, nur wenn die Spannung allgemein und tief geworden ist, wüt bann, dann aber gewiß brechen alle Mächte zusammen, welche künstlich dem Volke gegenüber erhalten wurden, dann fährt ein Lovis £ hllipp einsam, von Allen verlassen, aus Paris, dann entblößt ein Jionig vor den Leichen des Volkes das Haupt. Und wenn die De- âlle reif geworden ist und gesiegt hat, dann wird die Einheit des Volkvorggnismus hergestellt werden,. und cs werben keine
Spitzen mehr da fein, welche sich aus dem Volke selbst einen Organismus schaffen, mit welchem sie das Volk bekämpfen, sondern das Volk wird sich selbst durch seine Organe regieren.
t Bayrhosfer.
Deutschland.
Kassel, 23. Febr. — Also die endlose, die schreckliche Zeit der Ministcrklisiö hat sich endlich entpuppt, ist endlich in die Wochen gekommen und £at geboren die Reaktion vom Jahre 1834. — Also sind wir gleich mit einem Sturz um 14 oder 15 Jahre zurückgewor- fen. Wenn die Herren Konstitutionellen diesen Schlag nicht auf ihren dicken Schädeln fühlen, dann haben sie überhaupt kein Gefühl mehr. Wir wollen nicht über unsere Prophezeiungen triumphiren. ES war kinderleicht, diesen Gothaer Tölpeln zu weissagen. Aber, meine Herren! — wollen Sie doch noch nach Erfurt — oder halten Sie diese Ministergeschichte für einen Blitz aus heiterm Himmel und suchen Sie in Erfurt Balsam für Ihde Wunden? O Blinde, dreimal Blinde! euch ist der Staar gestochen worden auf eine Weise, daß, wenn ihr nun nicht sehen werdet, euer Tod proklamirt werden muß. Jetzt heißtS aut oder naut — dort Hassenpflug — he! he! he! hier die Demokratie! Man sieht an der Wahl Hassenpflug'S (der bereits seit 6 Tagen sich in Kassel inkognito aufhalten soll) den energischen Willen deS Fürsten, die alte Zeit mit einem mal zurückzuführen — und zugleich den Mangel an dazu tauglichen Kapazitäten — sonst würde man ein Uebergangsmimsterium gebildet haben und Hassen- pfiug folgen lassen. Zum TranSigiren ist er am allerwenigsten der Mann, denn er ist ein Mann. Die Demokratie Kurhessens kann sich nicht beklagen, einen kraftlosen Gegner zu haben. Aber Eins ist -- überraschend, wenn Hassenpflug das Ministerium annimmt, daß er, ohne einen hessischen Manteuffel vorausgeschickt zu haben, auftritt, die alte furchtbar gehaßte Geißel des Hessenvolks, der alte Hessen fluch. Muth gehört dazu — aber auch eine entsetzliche Eitelkeit und Selbstüberschätzung; daran ging dieser 'Mann einmal zu Grunde, daran wird er'S zum zweiten Mal. — Haynau (der Neffe der Hyäne) und Hassenpflug; — österreichische Gegenwart und althessische Vergangenheit im schönen Bunde! — Man versichert auS bester Quelle, daß Scheffer, Dehurvthfelser und Wilkens von Hohenau bereits zum Staa- tenhauS designirt seien, würdige Genossen ihrer würdigen Minister. —
* Kassel, 23. Febr. — Der Platzmajor Stähle fühlt schon die neue Zeit in allen Gliedern. Er ließ heute Morgen durch einen Posten am Ministerialgebäude das unschuldige Plakat deS demokr. soz. Vereins, daS zum Bankett auf den 24. einladet, abstechen und säbeln. — DaS Konnte des demokratischen Vereins hat folgende- Plakat heute anschlagen lassen:
»Was wir längst vorausverkündet, waS unS die Constitutionellen niemals glauben wollten, ist endlich eingktroffen. Der Kurfürst hat daS Ministerium Eberhard abermals entlassen und den bekannten Hassenpflug und außerdem die Herren Hayn au, Lometsch und Baumbach zu Ministern gemacht. Wir erwarten von misern Gesinnungsgenossen, daß sie diese unvermeidliche Entwickelung der Dinge ebenso ruhig hinnehmen, wie die Thorheiten, die unsre Konstitutionellen unS ausgezwungen haben, als da ist Erfurt iwd dergleichen. Also Ruhe! — und Zuversicht auf die rächendeZukuoft' Kassel, am 23. Febr. 1850.
DaS Konnte deS dem. soz. Vereins: Dr. G. Kellner. Muhm. Heise, v. Dittfurth.
Holstein. Eâpe. Dedolph. Raabe.
* Kassel, 23. Jan. — Der Resolut, -«stag der franzo>- sischen Völker wird zum kolossalen ReaktionStag in Kassel. L n e Putation der Bürger wurde, wie eS heißt, vom Kutfinst, ch