Dritter Jahrgang.
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M" KG
Kassel, Sonnabend den 23. Februar
1830
Der permanente Kriegszustand und die Umwälzung Europas.
1.
Seit der Februar-Revolution in Paris ist an eine Beruhigung Europas nicht eher zu denken, als bis sein politisch-soziales System umgewandelt ist. Die soziale Demokratie ist Bedürfniß und Bewußtsein , daher treibende Thatkraft des Volkes geworden. Sie hat ihren Centralpunkt in Frankreich und sich von da nach Norden und Osten zu verbreitet, wo ihre Schwingungen in dem Innern Rußlands nur noch hier und da leise nachzittern. Bon hieraus tritt die rein absolutistische Gegenkraft mit der Idee, welche den Westen beherrscht, in Kampf, und das Napoleonische: „Republikanisch oder kosakisch" ist seiner Entscheidung näher gerückt. Dieser Gegensatz heißt aber ans gut Deutsch nichts Anderes, als: die Herrschaft und das Wohl Aller, und: die Herrschaft und das Wohl Einzelner und Einiger.
Eine Idee aber, welche mehr und mehr die Massen des Volkes beherrscht, kann nicht wieder aus dem Bewußtsein desselben verschwinden,^ weil sie ihren Grund in der Entwickelung und den Bedürfnissen der Menschen hat, weil sie gleichsam nur der Extract, die ideale Zusammenfassung der gesellschaftlichen Zustände selbst ist. So lauge daher diese in einer gewissen Weise fortschreiten (z. B. in der geistigen Aufklärung, in der raschen Vermehrung der Bevölkerung, in dem Systeme der Gewerbefreiheit, der Maschinen und Fabriken), so lange wird die Idee fortschreiten und wachsen, welche eben der Reflex dieser Zustände ist; und nur dann würde ein aus den Zuständen hervorgegangener Kampf aufhören, wenn dieselben auf irgend eine Weise umgewandelt würden. So wird auch die Idee der sozialen Demokratie als revolutionäre Kraft erst dann erlöschen, wenn die Völker Europas entweder zu dem naiven Zustand des Mittelalters zurückgeführt oder zu einer politisch. sozialen Einrichtung gelangt sein werden, in welcher die Gedanken der Demokratie verwirklicht sind und also die Harmonie der freien Gesellschaft hergestellt ist.
Mitten in dieser Krisis stehen die Völker Europas, und die Unmöglichkeit, in die Kinderschuhe zurückzukehren (denn sie passen dem Manne nicht mehr, wenn ihm nicht der Fuß selbst weggeschnitten werden soll), ist die Bürgschaft, daß die Idee der Zukunft siegt. Ich sage: mitten in dieser Krisis stehen die Völker Europa's, obgleich ich wohl weiß, daß bis jetzt nur in Frankreich diejenigen Voraussetzun- 8^" ^h^tiben sind, unter welchen die politisch soziale Frage in ihrem vollständigen Umfang aus einer Revolution heraus zum Sieg gelangen ann. Denn nur dort ist die Masse des Volks in dem Grade mit bcn neuen Gedanken erfüllt, daß sie sich so zu sagen schon halb in den organischen Urstoff einer neuen Gesellschaft aufgelöst hat, und daß daher ein politischer Durchbruch sofort die Männer an die Spitze bringen kann, welche die chaotische Masse organisiren, b. h welche sofort durch eine Reihe von Dekreten dem gesammten Volke diejenigen Bestimmungen schaffen müssen, in welchen und durch welche hin die Gesammt-Garantie sich zur gesellschaftlichen Wirklichkeit bringen kann. Daß Frankreich bereits so reif ist, liegt theils in der starken politischen Centralisirung, theils in dem beweglichen geistreichen Charakter des Volkes, theils in der bedeutenden Entwickelung des freien Erwerb- systems und den ganzen historischen Voraussetzungen. In England herrscht ein entgegengesetzter Charakter und die übermächtige Produktion wuchert noch über die Welt hin. In Deutschland ist, abgesehen von allem Anderen, erst noch die Frage der politischen Einheit und Freiheit zu lösen, in Oesterreich überwiegt die nationale Frage und in ' Silland hat noch der Absolutismus seinen festen Sitz. Aber auch in England und Deutschland ist die Idee der sozialen Demokratie bereits überall regsam, so sehr, daß z. B. die Constituirung eines einigen Deutsch
lands gleichsam als ihre Vorbedingung gewußt und wenigstens von einem Theile des Volks aus diesem Grunde erstrebt wird.
Gesetzt aber auch, das übrige Europa könne sich an sich noch längere Zeit in dem absolutistischen und konstitutionell-monarchischen System behaupten, so kann es dies doch nicht in seiner nothwendigen Beziehung zu Frankreich, dessen Ideen das übrige Europa mit jedem Tage mehr zucilt, und dessen Bewegung nach außen hin in jedem Theile Europas die in diesem liegenden revolutionären Triebe zur Entwickelung bringt. Hiernach steht die Lage Europas folgender- gestalt:
Die demokratische Gâ'hrung Frankreichs stößt sofort in Deutschland auf eine bedeutende entsprechende Partei und eine noch größere republikanische, in Italien, Ungarn, Polen auf die nach Selbstbefreiung strebenden und mit demokratischen Gedanken mehr oder weniger erfüllten Nationalitäten. England in seiner einstweiligen Selbstgewißheit muß im Falle des Conflikts Rußland im Schach halten, weil dieses in dem östlichen Europa und Asien ihm die Herrschaft abzugewinnen strebt. So wie Frankreich mit seinen republikanischen Armeen in Italien und an dem Rhein erscheint, bricht Oesterreich, das Con- glomerat der Nationen, in sich selbst entzwei und Deutschland zerspaltet sich durch und durch; bis nach Rußland (durch Polen) dringt die innere ^Zersetzung. So entsteht der allgemeine Kampf, und schon ist die Spannung so weit gediehen, daß dieser Kampf kaum mehr anders enden kann, als mit der Umgestaltung des Europäischen Con- tinents zu einem System demokratischer Staaten, natürlich vorausgesetzt, daß Frankreich als entschieden demokratische Macht auftritt. Dies wird ohnfehlbar geschehen, sobald die radikale Partei in Frankreich siegt; es wird dann die Umgestaltung im Innern und der Kampf nach Außen ein untrennbarer Akt sein. Bayrh offer.
Deutschland.
△ Kassel, 22. Fedr. — Der konstitutionelle Veteran B. W. Pfeiffer, dessen Feder in der letzten Zeit äußerst behend war, interessirt sich lebhaft in der Kass. Allg. Ztg. für den Förster'schen Antrag, jedoch nicht ohne einen hochmüthigen late i nische n Seitenblick auf Hru. Förster zu thun mit den Worten: Duo cum faciunt idem, non faciunt idem! Wenn Zwei Dasselbe thun, thun sie nicht Dasselbe. Soll heißen: B. W. Pfeiffer und Förster sind wie Tag und Nacht 1 — Natürlich, Hr. Pfeiffer hat ja das ungeheure Verdienst, die kurhessische Konstitution mit verwässert zu haben. — Er hat also das unbestrittene Recht, authentische Wasserinterpretationen zu liefern, zu warnen, zu mahnen, zu leiten, zn tadeln und zu verdammen. Ek tadelt also hier die Geschäftsverschleppung der jetzigen Ständr- versammlung, welche ihr sogar von einem sehr geachteten auswärtige» Blatte vorgewvrfeu sei (nämlich von der deutschen Klatsche der Gothaer rn Frankfurt). Der Grund liege in der Mangelhaftigkeit der Wah-
Also Reformen im Wahlgesetz, und zwar solche, die eine bessere Wahl zur Folge hatten , d. H-. konstitutionelle. Darum also Auflö- snng und Neuwahl „in Gemäßheit der von dem Erfurter Reichstag.
Grundlage eines verbesser ten (verwässerten) Wahl- ~ OreiS, „Du sprichst ein großes Wort gelassen uns!" — . u wirklich, wie Du in einer 2lnmerknng hinzufügst, dass
damrt den Märzerrungcnfchaften kein Eintrag geschehn werde? — Warum nicht gleich eine verbesserte Verfassung von Erfurt beansprucht! — Hr. Pfeiffer hat nur der nächsten Zukunft von Neuem behende Worte mit behender Feder geliehen, er hat, wie öfters, nur geschrieben, was eigentlich schon so gut wie geschehn ist. - Aber daß "'s geschrieben in der Meinung, der Welt einen neuen, famoscn- Rathschlag zu gebeu, drängt uns zu der Frage: Wenn das am dürren Holz geschieht, waS soll mit dem grünen werden? — Wenn Z.orda»