Dritter Jahrgang.
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^^t. Kassel, Donnerstag den 21. Februar l§3Oe
Preußen und Oesterreich.
1.
Je näher der entscheidende Augenblick kommt, wo die trüben Wasser deS europäischen Lebens sich zersetzen werden, desto nothwendiger ist eS, sich auf dieses Ereigniß vorzubcrciten. Wir sehen zu dem Ende einmal ab von plötzlichen Explosionen, vom abermaligen Erheben deü gefesselten Riesen, von der neuen Revolution, bei deren AuS- bruch alle mittelalterlichen Reste, aller dynastischer Plunder, alle Professorenweisheit und Diplomatcnschlauheit in die Lüfte geschleudert werden, und nehmen für einen Moment an, die alte Politik, die alte Diplomatie sei noch einmal bestimmt, die Verhältnisse des Kontinents auf einige Zeit zurechtzulegen. Wir haben zu dieser Annahme guten Grund. Die alte Politik, die Politik der Hausintcressen und dcâ Völkerschachers, der Erbrechte an Land und Leuten rc., hat im Augenblick gesiegt. Umgeben von Millionen von Bayonetten, von Lafetten und Galgen steht die mittelalterliche Regierungökunst, die bei einzelnen Familien deponirte Herrschaft am Volke, am europäischen Menschengeschlecht, noch einmal aufrecht da, die blutige Faust gegen die zuckenden Menschenherzen gestemmt, den blutigen Fuß auf das Evangelium der Gleichheit und Brüderlichkeit gesetzt. Ueber daâ Herz Europas herrscht der Schrecken. In Frankreich, Italien, Deutschland und Oesterreich sind alle Gesetze vom Klirren der Säbel, vom Donner der Geschütze begleitet, das Kommando der absolutistischen Generäle ist das einzige Wort, daö klar und deutlich die Absicht der heuchlerischen Gesetzgeber interpretirt. Einig sind alle Dynasten darin, daß die Revolution zertreten, zerschmettert werden müsse, uneinig aber sind sie in den Mitteln, uneinig vor allen Dingen in den Opfern, die gebracht werden, in den Organisationen, die nothwendig dem eisernen Zustande der Dinge folgen müssen.
Klar allein ist die Politik Rußlands. Mit kaltem Auge, mit erschreckender Ruhe ist es der unglücklichen Bewegung deS Jahres 1848 gefolgt, einem Ereigniß, daS cs längst vorausgesehen, das eS erwartet, ersehnt hatte. „Wehe euch Heiden!" — waren die einzigen Worte, die aus dem ungeheueren Reiche in das Toben und Brausen der Revolution klangen, getragen von einem unerschütterlichen Willen, gesprochen von einem Munde, der sich nur öffnet, um Zeugniß von der Unerschütterlichkeit dieses Willens abzulegen. Die Politik Rußlands ist nicht etwa eine Alstraktion, sie ist wirklicher Glauben, Dogma, ein Dogma, das seine letzte Weihe erhielt, alö unter den Feuern Moskaus die Revolution von 1789 begraben wurde. „Mit uns ist Gott, hört es ihr VölkerI" Nach der Ansicht deü Czaarcn zertrümmerte dec russische Jehovah auf den Schlachtfeldern Rußlands die Anmaßungen der Völker, die Forderungen des modernen Geistes, die sogenannten Menschenrechte, die Auflehnung gegen daS göttliche Mandal der Tyrannen. Der Czaar hat daS nicht vergessen. Der russische Kaiser ist der einzige Nachfolger der Gründer jener heiligen Allianz, der die religiöse Bedeutung derselben im Gedächtniß behalten hat, der mit derselben mystischen Salbung noch jetzt seine Ukase verkündet, mit der sein Vorfahr daS Manifest an die „geliebten Völker" erließ. Kaiser Nikolaus hält mit fanatischer Treue an den Satzungen deS Heiligen Bundes, nicht gesonnen, auch nur einen Titel der dadurch gewonnenen Ansprüche aufzngeben. „Wir haben uns verbündet," — ruft er
— „zu führen die Christenheit, wehe euch Heiden!"
Preußen und Oesterreich haben ihre Mission nicht erfüllt. Alle beide, obwohl in verschiedener Weise, haben sich unfähig gezeigt, im ^inne der heiligen Allianz ihre Völker zu regieren. Weder daS protestantische Preußen, noch daö katholische Oesterreich haben eö vermocht, ihre Politik mit jener gottbegnadeten, überschwänglichen Weihe zu umgeben, die einen Zweifel nicht zuläßt, die daS Dogma der unfehlbare» Krone gegen die Angriffe der Speculation sicher stellt. Preu
ßen wie Oesterreich haben theils mit dem „heidnischen" Geiste koket» tirt, theils ihn zwar verfolgt, aber nicht mit jener apostolischen, über- zeugungâtreucn Konsequenz, sondern unsicher und taktlos und deswegen nutzlos, sporadisch und launenhaft und deswegen ungerecht und empörend. „Nicht dadurch, daß ihr den modernen Geist der Völker bekriegt habt," — ruft der Czaar — „sondern die Art, wie ihr eS thatet, hat die Revolution geboren und gesäugt; ihr seid unfähig und deshalb Tyrannen."
Die österreichische Politik war jene triviale, hausbackene eines Familienvaters, es war die bürgerliche, patriarchalische Politik „guter" Leute, die Politik eines Nenß-Greiz-Schleizer en gros. Die Politik darf niemals trivial sein. Das Volk muß von der Art, wie eS regiert wird, im innersten Marke erschüttert sein, eö muß die Hand deS Negierenden auf seinem Herzen fühlen, die Gedanken des Herrschers in seinem Kopfe spüren. Eine jede Negierung muß irgend etwas an sich tragen, das wie ein religiöser Schauer alle Schichten des Volks durchdringt, daö sich nicht definiren, wohl aber andeuten läßt. Das Jahr 1848 ist noch nicht fern genug, um nicht auf jenes Gefühl hinweisen zu können, welches damals das Herz aller Freiheitsmänner durchrieselte, ein Gefühl, eben dadurch hervorgerufen, daß ihr eigener und der Pulsschlag ihrer Regierung ein und derselbe war. Jedes Gesetz einer solchen Regierung muß den Stempel der Offenbarung tragen, sei eö jener, die angeblich vom Himmel kommen soll, oder jener, welche daö geheimnißvoll wirkende Herz des Volkes predigt. Der Mangel dieser religiösen Fülle deö Gesetzes kann nicht ersetzt werden durch diplomatische Pfiffigkeit und Schlauheit. Die triviale, wenn auch noch so mittelalterlich-selige Politik Oesterreichs kann nicht geweiht werden durch die Künste und Manöver des verständigen Metternichs, durch die Klugheit des alten Maulwurfs, der den Boden deS österreichischen Staates mehr durchwühlt hat, alö alle „Fanatiker" seiner Lolksstämme. Noch weniger nützte cs, den „heidnischen" Kaiserstaat mit Jesuiten zu versetzen, die ihm eingeimpft, künstlich beigebracht werden sollten. Eine solche aufgcleimte Weihe der Regierung ist nicht allein k e i»e Weihe, sondern eine Profanation. Weder Tiara noch Schlüssel machen den Papst zum Papst, sondern das konsequente Dogma, daö Zeugniß für die Lehre.
Die preußische Politik war heidnisch von Haus aus. Preußen hat mit dem Geiste tranöigirt und war also dem Geiste verfallen. Es la f ^richtö , daß nach jedem Schritt vorwärts der preußischen Regierung eine Thräne in'â Auge kam, daß sie reuig und sich selbst verwünschend in Sack und Asche Buße that, die eigenen Kinder erschlug, den Würg» engel durch die Provinzen sandte, — der Czaar von Rußland schüttelte immer ernster den Kopf über die preußische Stümperei, die preußische Unfähigkeit. Es half auch nichts, daß der preußische König den faltigen Mantel der göttlichen Machtvollkommenheit um seine Schultern schlug, die Braminen neben sich berief und gelobte, dem Herrn zu dienen, — der Czar von Rußland nannte das eine Komödie, und obendrein eine schlechte, deren Ende daS Fiasco der preußischen Dy- nast-e fern wurde. Je lauter und inbrünstiger sich Friedrich Wilhelm zu den Grundlagen der heiligen Allianz bekannte, je mehr er auf sein '1^11 un seine Inspiration sich berief, desto lauter verkündete ihm er zar, aß er einst mitten im Mummenschanze von seinen „Heiden" crschagcn werden würde. Der König, der sich der genialste
H 111 ^" Singen des Kaisers von Rußland ein eingebildeter ' asirter^unge, der Alles verdirbt, waâ er in die Hand nimmt, der, so sehe er a>s Spieler gelernt hat, niemals eine Rolle spielen wird.
„Mit uns ist Gott" — verkündet der Czaar. Darin liegt nicht Komisches und Fratzenhaftes, darin liegt die Verkündigung, daß der Kaiser seine Millionen ins Feld werfen wird, um den Kampf gegen die Heiden aufzunehmcn, daß er für sein monarchisches Evangelium seinen Thron und sein Geschlecht, die Monarchen von ganz Europa 6,1t opferu bereit ist. WaS der Czaar vor Preußen und Oesterreich Zuvep