Dritter Jahrgang.
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Kassel, Sonntag den 17. Februar
1850.
Italien, der Papst und die katholische Kirche.
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„Der Papst kehrt nicht nach Rom zurück!" — Diese Nachricht wiederholt sich täglich in allen Blättern. Er weiß sehr wohl, was er thut; — Rom ist für ihn verloren. In jeder Stadt, in jedem Dorf deS Kirchenstaats kann der Nachfolger Petri ein freier Fürst scheinen, nur nicht in Rom. Hier wird er sofort zum offenbaren Sclaven der Volkshoheit oder der fremden Bayonette. — Eine ketzerisch-evangelische Luft geht durch diese alte Noma; die Altare stehen einsam und die Messen der Priester verhallen in den leeren Tempeln. — Der Nock deö Pfaffen und die Kapuze deö Mönchs ist ein Gegenstand des Spotts und der Verachtung. Die knechtische Demuth vor der Allmacht der Geistlichkeit ist übergegangen in Wuth und Ingrimm gegen die unvermeidliche Zwingherrschaft, — und die offene Revolution, niedergeschmettert von fremden Bayonetten, ist zur stillen, verzweifelnden Empörung der rachedurstenden Herzen geworden. „Warum sind wir, wir allein, die Söhne der großen Römer, verdammt zu ewiger Knechtschaft, — warum gibt eö für unS, unS allein kein Licht der Aufklärung, der Intelligenz, keine geistige, keine körperliche Freiheit?" — Auf diese Frage der Verzweistung antwortet das Oberhaupt der katholischen Kirche: „Die Welt gehört dem Papst, dem heiligen und unfehlbaren, und damit es so bleibe, muß Rom dem Papst gehören als Mittelpunkt, von dem er die Welt beherrscht. Der Papst kann Niemanden gehorchen; er muß souverän sein in Kirche und Staat, damit ihm die Welt gehörte. Ein freies römisches Volk über dem Papst! und daS Regiment der Kirche und die dreifache Krone liegen in Trümmer! — Auf diesen Felsen hat Petrus seine Kirche gegründet — fest und unversehrt muß der Felsen stehen in den Stürmen der Revolution, oder die Kirche selbst stürzt zusammen!" — Also ewige Knechtschaft! — Aber die Empörung der Herzen antwortet mit wildem Ingrimm: Wohlan, so wird der Felsen unterwühlt, die Mine gelegt und die Kirche in die Luft gesprengt! — Wohlan! — weil Du im Namen der Liebe, als Nachfolger Christi, Dein Volk geschlachtet, Mord und Brand und daS Verderben an Leib und an Seele über Dein Vaterland verhängt, — damit das Pfaffenthum unverantwortlicher Herrscher bleibe in der Kirche deS Herrn; — weil Du, der heuchlerische Knecht der Knechte, Deine Gewalt und Deine Macht, weil Du die Priesterzunft für die christliche Kirche ausgibst, — Demen Eigennutz und die Herrschaft der Dummheit als die Religion der Liebe und Wahrheit: darum, tyrannischer Pfaff, wenden wir uns von Dir und von Deiner geistigen Despotie, — und die Freiheit der Leiber wird uns von selbst zusal- len. — Und kann es nicht anders sein, so soll Nom, die Mutter deS Papstthums, sein Henker werden, — dann wollen wir sehen, ob noch Nom dem Papst gehorchen muß, wenn ganz Nom von ihm abgefallcn und zum Ketzer geworden; ob der Bischof zu Rom, der ketzerischen Stadt, noch alö Hoherpriester anerkannt wird in der katholijchen. Christenheit! —
So stehen die Dinge zu Rom! — Die nackte Thatsache, daß unter einem Papst die Knechtschaft niemals aufhören kann, hat diese sorglosen Gemüther zu nachdenklichen Neligiousgrüblern gemacht, und der Ruf MazziniS: „Wenn der Papst unS nicht läßt, lassen wir ihn; wir gehen zum Protestantismus über!" hallt wieder in tausend und tausend Herzen.
ES ist klar, daß diese Zustande für die katholische Kirche von der allergrößten Bedeutung sind; eS ist erstaunlich, wie gleichgültig, wie thatenlos sie einer Krisis entgegenschreitet, die daraus früher oder später unvermeidlich erwachsen muß. Ein jeder verständige Katholik muß zugeben, daß daS stolze Gebäude deS absoluten PriesterthumS,
der Hierarchie, eine furchtbare und unheilbare Erschütterung erlitten hat. DaS Oberhaupt derselben ist nicht mehr frei, und wird eS niemals wieder weroen. Als die Päpste in Avignon in siebzigjähriger „babylonischer" Verbannung lebten, saßen sie wenigstens in einer freien, ihnen unterthänigen Stadt, und Rom erkannte sie als seine Souveräne; als Pius VI. und PiuS VII. in napoleonischer Gefangenschaft saßen, war wenigstens eine Erlösung nichts Unmögliches. Aber jetzt hat Rom selbst den Bannfluch über seinen Papst geschleudert, und der Fluch eines Volkes wird niemals zurückgenommen. Keine Gewalt der Waffen, weder der Oesterreicher noch der Franzosen, ist im Stande, dies Verhältniß zu ändern. — „Ihr könnt nicht die Gewohnheiten, die Bestrebungen, die Bedürfnisse der Aristokratie des Kleruö verändern" *), ruft Mazzini den Franzosen zu, „Ihr könnt nicht den Haß ersticken, welchen das Volk gegen sie nährt, und Ihr könnt Euch nicht auf eine gemäßigte, vermittelnde Partei stützen; diese eristirt in Rom gar nicht!" — — So muß also der Papst unter der Herr- schaft der Fremden bleiben, um nicht unter die seines Volkes zu kommen. — Was aber wird die katholische Kirche bei dieser Lage der Dinge beginnen? Kann sie sich für frei halten, wenn ihr souveränes Oberhaupt unfrei ist, unfrei ohne die geringste Hoffnung, jemals feine volle Freiheit wieder zu erlangen?
Man muß glauben, daß jetzt durch den unlösbaren Konflikt zwischen der weltlichen und geistlichen Stellung des Papstes der Augenblick der Reformation an Haupt und Gliedern, der in der Kirchen- vcrsammlung zu Konstanz unbenutzt mit Ketzerverfolgungen und dergl. verbracht wurde — mit neuer, unabweisbarer Nothwendigkeit herangekommen ist, da man annehmen muß, daß der katholischen Kirche noch Willenskraft genug zur Selbsterhaltung inwohnt. — Der demokratische Geist deö 19. Iahrhunders treibt mit verstärkter Gewalt darauf hin. Der alte Satz, dem jedesmal die Ohnmacht der Päpste neues Leben verliehen, der Satz: Concilium supra papam (die stircheuversamm- lung steht über dem Papsts) wird neue Geltung erhalten; der Kampf zwischen den demokratischen und den aristokratischen Elementen der katholischen Kirche wird beginnen. Die Einen, die Laien und die niedere Geistlichkeit werden eine Nationalkirche und eine neue demokratische Kirchenverfassung verlangen, die Verfassung der ersten Jahrhunderte, ehe die Entwicklung der Gemeinden durch das absolute Papstthum versteinert wurde, sie werden verlangen, daß der Papst seiner weltlichen Macht entsage, daß er aus der Wahl der gestimmten Kirche hervorgche und unter der Kirche stehe, nicht über ihr. — Dagegen wird die hohe Geistlichkeit, der Jesuitiömuö und der weltliche Absolutismus mit furchtbarer Gewalt ins Feld ziehen, und die katholische Kirche kann von einem günstigen Geschick sagen, wenn sie aus diesen Stürmen ohne eine neue Spaltung hcrvorgehcn wird. Der Absolutismus der Fürsten, der keine freie Kirchenversaffung dulde»
*) Weder Hr. Miltermaier, nod) Hr. Raumer, die Statistiker Italiens, haben Etwas von dem Elend der Lombardei, noch weniger von dem des Kirchen- staates entdeckt. Den Bergnügungsreisenden und Kunstdilettamen erschien eâ' als nothwendige romantische Staffage, namentlich unter den Ruinen von Rom; ja man jammerte förmlich, als in der Revolutionszeit diese interessanten Bettler, mit ihre» malerischen Lumpen, verschwunden schienen. — Die Bertheilung des G runde igen- thumö im Kirchenstaat zeigt am klarsten sein ungeheures Elend; drei Siebentel gehört der Geistlichkeit, über zwei Siebentel dem Adel, der Rest, etwa ein Viertel, dem Volke. — Adel und Geistlichkeit ist frei von all n Abgaben, auf dem Viertel des Volkes ruht die ganze SUucriast, und eine Masse Dienste, — so daß häufig der Arbeiter sein Laud bradj läßt, um nur nicht für Andere zu arbeiten — oder es verkauft , oder in Wiesen verwandelt, die entweder steuerfrei sind, oder nur wenig steuern. Durch diese Verhältnisse ist die Umgebung Roms fast blos V-esdelan ' • fast von aller Bevöckerung verlassen. — Klöster und Adlige wissen durch 9 Getanen und Prozesse Acker n^ch Acker, Weingärten und Gebaude^mit Yrc,^i - sengebiel zu vereinen; sie haben nur Wiesen, Walder und Wem S ' sie eben den Stcmrn entgehn. So wird systematisch jeder Wählst i Cultur des Landes unter diesem Pfaffenregiment untergraben.