Dritter Jahrgang.
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Mr 39.
Kassel, Freitag den 15. Februar
1850,
Die orientalischen Wirren
Der Aufstand in Cattaro, die russische Besatzung in den Donau- fürstenthümern und der plötzliche Schlag, den England gegen daâ kleine Griechenland führte, haben dem überraschten Europa gezeigt, daß die orientalische Frage in eine neue Krisis getreten ist, daß die elektrische Spannung so groß ist, daß jeden Augenblick der vernichtende Blitzstrahl sich entzünden kann. Dieser Blitzstrahl würde vor allen Dingen daS türkische Reich zerschmettern. Die Pforte weiß sehr wohl, daß beim ersten Kanonenschuß gegen Konstantinopel der Halbmond der Sophienkirche sich seinem Untergang zuneigt. DaS türkische Heer ist trotz seiner Stärke von 350,000 Mann, namentlich was das Fußvolk betrifft, in trostloser Verfassung und größtentheils nur auf dem Papiere. Aber noch schlimmer! Die ganze slavische Bevölkerung in Bosnien, Bulgarien, in der Herzogewina wird sich mit demselben Signal erheben, um dem Reich der Osmanen den Todesstoß zu versetzen. Ihnen erscheint der Czaar als der Befreier vom Joche eines fremden Herrschergeschlechts, als Stammesgenosse und Schutzherr einer freien nationalen Selbstständigkeit, und den Rajaü, den Christen der griechischen Kirche, als der Erretter und Schirmherr, als daö geheiligte Oberhaupt ihres alten Glaubens. Daß Rußland auf diesen Explosionsmoment mit gewaltiger Macht hindrängt, nachdem es sich der blinden Abhängigkeit Oesterreichs durch blutige Handlangerdienste versichert hat, zeigen vor allen Dingen die Unruhen in Dalmatien und in Montenegro; daß ihr Ursprung mit russische» Rubeln und mit russischen Sympathien zusammenhängt, zeigt die gleichzeitige Verstärkung der russischen Heermassen in der Moldau und Wallache,', da in diesen Ländern nach dem Vertrag von Balta-Liman (1.Mail849) zwischen der Pforte und Rußland, wenn die Pazisication vollendet sei, nur 10,000 Mann von jeder Macht zurückgel^ssen werden sollten, bis die Länder eine neue Verfassung erhalten. Aber oer Traktat von Balta-Liman hat ja bereits Rußland eine Souveränetät über die Donaufürsten- thünier eingeräumt, die bis dahin ausschließlich der Pforte zustand. Rußland hatte früher nur daS Recht, die Privilegien, welche ihnen die Pforte (hauptsächlich durch die Friedensschlüsse von Akierman 1826 und von Adriauopcl 1829) bewilligt, vor jeder Verletzung zu schützen. Diese Privilegien bestanden darin, daß die Fürstenthümcr 1) ihre Fürsten oder Hospodare selbst wählten, 2) die Unabhängigkeit her Gesetzgebung und Verwaltung hatten und 3) die Unverletzlichkeit t^rer Territorien. Die Pforte hatte das Ehrenrecht, die Hospodare zu bestätigen und dafür 3 Millionen türkischer Piaster jährlich als m ?b'den Ländern in die Tasche zu stecken. — Alle diese
ha/ der Vertrag von Balta-Liman umgestoßen. Die Furstenthumer hatten die Selbstständigkeit der Gesetzgebung benutzt und sich eine konstitutionelle Verfassung gegeben; die Russen marschirten ein im ^ntereise der Ruhe und Ordnung; in demselben Interesse blieben sie und zwangen der Türkei die Hoheit zur Hälfte ab, in demselben Interesse haben sie sich biâ auf mindestens 60,000 Mann verstärkt, obgleich die Länder in tiefer Todcöruhe liegen und sie also abmarschiren müßten. — Aber was ist ein Versprechen vor dem Willen des großen Czaaren Nikolai! Die dummen Türken sind wirklich zum größten Theil abgezogen, der russische General denkt nicht
•<^m Gegentheil, er lacht den Muselmännern in den Bart und J^'cn"°$ Vorwürfe, daß sie zu früh abgezogen, da die Verhältnisse noch nicht geordnet. - —
sein Wunder, daß England diesen Vorgängen mit besorg- lichen Blicken zusieht. Die Pforte selbst ist zu klug," um zur Offen- Jive uberzugchen, eS wäre ihr Selbstmord. So muß denn der bri- tische Leoparde sich bereit halten zum Sprung auf die feindlichen Be- wegungen der Riesenschlange, bie {h langsamen, sicheren Windungen
aus dem Norden zum mittelländischen Meere herandringt und seinen Gestaden immer näher rückt. Schon die griechische Handelsmarine allein mit ihren leichten tiefgehenden Schiffen, mit ihren 30000 tüchtigen Seeleuten ist zu einem gefährlichen Conkurreyten Englands im schwarzen und im Mittelmeere herangewachsen. — Größere Schnelligkeit und größere Billigkeit der Frachten begünstigte die Griechen. — Eben so nachtheilig für den englischen Handel ist die österreichische Kauffartheiflotte mit ihren kühnen dalmatischen Matrosen. Sollte die russische Kriegsflotte die Dardanellen durchdringen, — und ein Landheer kann die Durchfahrt binnen kürzester Zeit ertrotzen, — so würde sich der englischen Kriegsflagge gegenüber im Mittelmeer eine bedrohliche Seemacht entwickeln können. Dieses Interesse des englischen Handels und die Furcht vor einer kombinirten griechisch-österreichisch- russischen Flotte — haben England bestimmt, mit brutaler Gewaltthat Griechenland zu nöthigen, sich dem russischen Einfluß zu verschließen. —
DaS arme Griechenland ist von Beginn seiner „s. g." Selbstständigkeit der Spielball der europäischen Diplomatie gewesen; eâ wurde später ausdrücklich unter die Vormundschaft seiner drei Schutzmächte, Rußland, Frankreich und England gestellt. Als sie dem Lande einen unreifen deutschen Fürstenbuben zum König aufgedrungen, vktroyir- ten sie ihm zugleich eine Anleihe von 15 Millionen für den unvermeidlichen „Glanz" der neuen Krone; damals behielten sie sich mit dürren Worten den willkürlichen Eingriff in die innern Verhältnisse Griechenlands vor; „insofern dieselben mit der griechischen Schuld in Verbindung stehen", war die diplomatische Wendung. Die griechische Schuld, deren Zinsen bereits unerschwingbar geworden sind, gab den Vorwand für die Intriguen der drei Mächte, womit sie, die Zustände des Staates verwirrcnv, ihrem eignen Vortheil nachgingen. Dies blieb noch nach der Revolution von 1843; nur daß die Intriguen versteckter spielten und daß Rußland den Einfluß Englands, der unter der Regentschaft, während König Otto'â Minderjährigkeit, vorwaltete, jetzt bei Hof und im Volk fast gänzlich verdrängt hat. — Das jetzige Ministerium, daâ diesem Einfluß blindlings dient, muß deshalb entfernt werden, das ist der Plan Englands; — darum müssen ihm un* übersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt werden; man muß von ihm Zahlungen verlangen, die es nicht leisten kann, Handlungen, die eS entehren würden. Die Hand zur Versöhnung, zum Nachgeben, ist bereit, wenn ein englisch-gesinntes Ministerium an seine Stelle treten wird. —
Die orientalischen Wirren heißen Schach England! Schach Rußland! Schmach Oesterreich und Schmach — Frankreich! (NB. unter einem Louis Napoleon!) —
Deutschland.
Frankenberg, 5. Febr. — Ich muß Ihnen doch eine Ge- schichte mittheilen, die zu wesentlich in das Wohl einzelner Mensche» * eingreift, als daß sie verschwiegen werden könnte. Im Oktober 1849 erhielt die hiesige Tuchmachergilde eine Lieferung von 20,000 Ellen Tuch in Accord unter der Bedingung, sie nach der Gewerbesteuer unter die Zünftigen zu vertheilen. Die Vertheilung ist aber ganz nach Belieben vorgenommen worden, der Eine hat 8 Stück, der Andere aus derselven Steuerklasse 4 Stück zugetheilt bekommen, — von Denen, die keine Steuer geben, hat der Eine 4 Stück, der Andere 2 bekommen, der Dritte 1. Das Oberzunftamt hat alle Beschwerden abgewieseu. — Diese Willkürlichkeit der Vertheilung verdient bie strengste Rüge, und müßte von Rechtswegen von Seiten des KriegS- ministeriumâ auf die Erfüllung der Lieferungsbedingungen gedrungen werden. Es ist aber nur daö alte Lied: „Zuerst die Freundschaft und dann die Andern!"