Dritter Jahrgang.
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M^- 37.
Kassel, Mittwoch den 13. Februar
1850*
Di e Schweiz.
1.
Die Berliner Nativ na lz c itu ng ermahnt mit spießbürgerlicher Besorgniß, nicht die arme Schweiz entgelten zu lassen, wa6 sie etwa an den Flüchtlingen gesündigt, — sie nicht entgelten zu lassen, zu einer Zeit, wo gerade diese Flüchtlingsfrage den europäischen Großsultanen den Vorwand liefern muß, dem alten Erbfeind, dem Gebirgsvolk der Alpen, den Fehdehandschuh zu Füßen zu schleudern. Diese Besorgnisse sind so fad und mattherzig, wie die ganze Mittelpartei, welcher die Nationalzeitung das Banner trägt. — Ein edles Volk sollte ein anderes verachten und verwünschen, weil eS unter demselben Fluche seufzt, unter demselben Unglück? — Ein gebildetes Volk sollte frohlocken, wenn ein ganzes Land, ein edler Vruderstamm von der Geisel fremder Knechtschaft bedroht wird. — Als wüßte nicht jedes Volk, daß seinen Aristokraten, seinen Bourgeois die Flüchtlinge eines fremden Volks ebenso verhaßt sind, als den Schweizer Aristokraten die deutschen, italienischen und französischen. AlS hätte nicht auch die französische Negierung die Flüchtlinge aller Nationen verfolgt und mißhandelt, als hätten nicht unsere durchlauchtigsten deutschen Regierungen und ihre Helfershelfer Schande und Schmach auf sich gehäuft durch die Hetzjagd auf alle Flüchtlinge aller Nationen, die jemals deutschen Boden betraten. — Werden wir deßhalb Frankreich, werden wir deßhalb uns selbst verachten und verfluchen? —
Die Demokratie steht nicht auf dem Standpunkt, sich durch sentimentale Angst das Herz schwer machen und den klaren Blick trüben zu lassen. — Wir haben und bei den längst vorausgesehenen Schritten gegen die Schweiz nur die zwei Fragen zu beantworten: wie kommt eS, daß die Schweiz als neutraler Staat geduldet wurde? und wie kommt eS, daß j e tz t der Absolutismus diese Existenz zu vernichten sucht?
Man sagt gewöhnlich, die Großmächte hätten im Pariser Frieden und in der Wiener Kongreßakte die Schweiz bestehn lassen, weil ein schwacher, kaum zusammenhängender Föderativstaat aristokratischer Republiken keine Besorgniß für die Ruhe Europas, d. h. für die Sicherheit der Throne eingcflößt habe. — Man fürchtete sich vor dem Streit über die Theilung der Schweiz. Allein ich denke, der Grund liegt doch etwas tiefer. Man scheute sich, jene zwei alten Erbfeinde, Oesterreich und Frankreich, in unmittelbare Grän,bei ühiunz zu bringen. Man wollte lieber die kleine Gefahr, einige kleine ohnmächtige Republiken zwischen sich dulden, als sich in unberechenbar große stürzen. — Aber seit dem Jahr 1830 benennen jene Verfassungsänderungen in der Schweiz, die von Kanton zu Kanton fortschreitend die demokratische Staatöform gerad in den reichsten und größten Kantonö zum wenigstens formellen Sieg brachten, die endlich der Sonderbundskrieg und zuletzt die Verwandlung des Föderativstaat«! in einen Bundesstaat zur Folge hatten; — vor 1830 schon begann jene Propaganda vom Schweizer Boden and durch die Flüchtlinge aller Nationen , die zuletzt mit den bewaffneten Einfällen in Italien und in Deutschland endeten. Da wurde cd den Hrn. Guizot und Hrn. Metternich klar, daß der neutrale Boden der Schweiz nicht mehr die Lande der Krone Oesterreichs und Frankreichs trenne, sondern die Völker des Cvntlucnts und ihre Freihcitöbcstrcbuvgcn befreunde und verbinde. Das Jahr 1848 hat die Pläne der Absolutie gegen die Schweiz nur unterbrochen; man kam darauf zurück mit dem Zurückgehn auf den alten Standpunkt der diplomatischen Verträge und ter Fürstcnpo- litif. — Man kehrt dahin zurück nicht blod arS diplomatischen Ruck- sichtcn, sondern angestachcU zugleich von Zorn- und Rachegelüsten. — Hatte nicht diese kleine Schweiz, trotz aller Einsprache der Continentalmächte, den Sonderbund bezwungen, den einheitlichen Bundesstaat begründet und Neufchatel, die Domäne ter
preußischen Krone, ohne Umstände diesem Staate einverleibt? — Die Flüchtlingsfrage ist der stete Grund dieser Angriffe gewesen, sie bietet jetzt die willkommene Gelegenheit, die Schweiz in ihre alte Zersplitterung zurückzuschleudern; der wirkliche Bundesstaat muß wieder zum Staatenbund werden, oder wenigstens zum n o m i n e l l e n Einheitsstaat. Die Aristokratie, die Jesuitenpartei der Schweiz ist bereit, auf diese Pläne einzugehn. Und wenn die Schweiz die Kraft und den Muth besitzen sollte, diesen Zumuthungen kein Gehör zu leisten, so wird früher oder später der unsinnige Versuch gemacht werden, diesen alten neutralen Boden, diesen Stammsitz der europäischen Freiheit unter die Despotie Europas zu theilen. Und wäre Frankreich nicht, ein solcher Versuch könnte gelingen. Aber Louis Philipp, der Erbkönig, siel kurz nach demselben versuchten Attentat, und Louiö Napoleon, der Wahldespot, wird fallen noch bevor er'S begonnen.
Deutschland.
X Kassel, 12. Februar. — In Ihrer Nr. 35 (Artikel Kassel am 8.) findet sich ein kleiner Irrthum. Glauben Sie ja nicht, daß Hr. Pinhas sich sträuben würde, von den verwilligten 36,000 Thlrn. seinen Lehrern etwas zuzuwenden, im Gegentheil! Hr. Pinhas, der Negierungöbeamte, wird sehr gern sehen, wenn die hohe Negierung sich bei den jüdischen Herren Lehrern recht beliebt macht, und ihm dadurch sein Geschäft in der Orthodoxie, bad bekanntlich nur unter der Aegire der Negierung und lei fortdauerndem provisorischem Zustande der israelitischen ReligionSangelegenheitcn wieder erblühen kann, erleichtert. Hr. Pinhas denkt: „Gegen Wohlthäter wird man nicht undankbar sein." Ich hoffe Ihnen bald einen längern Artikel über die Verhältnisse der itraelitijchen Schulen und die Forderungen der Frei- gesinnten in dieser Hinsicht überschicken zu können.
•^vmbct fl, 5., Febr. — Also daS Bürgermeisterlcin heult von Infamien, von Lügen und Schmähungen. Dem lieben Männchen ist die allerhöchste Dienstehre verletzt, beleidigt, geschmäht, beschimpft? Kann Nichts helfen, wohledler Herr! Ihre ganze Infamie-Gegenerklärung gegen die Enthüllungen über Ihr fanioseü Treiben ist eitel Dunst und erlogenes Zeug. Mit diesen jesuitischen Kniffen und Pfiffen wird sich der infanuesprucelude Mohr von Homberg nicht weiß waschen. Wenn ich auch den furchtbaren Irrthum begangen habe, den Wählte nun der dritten Klasse auf den 16. anstatt auf den 14. anzugeben, so bleibt alles Andere, wie cd ist. Der besagte Bürgermeister hat die Miudestbesteuertcn am 17. bei Strafe zu einer ErgänzungSwahl auf den 18. einladen lassen, — ganz beliebig — zu 1 bis 10 Thlr. Und wcnn's in fernem Namen der Hr. Stadt;chreiber gethan ober der Hr. Stadldicner, so kann ich Nichts dazu, wohl aber Se. Gestrengen. Diese Ergänzungswahl h .t wirklich stattgefunden am 18. Nachmittags 2 Uhr. Alle diese Thatsachen können durch Zeugen erhärtet werden. Und den Abend war die Sache vorüber, wie Hr. Mohr richtig angibt. Am 14. haben von circa 500 Mindestbestenerten 29 gewählt, und bei den Höchstbcsteucrtkn sah es so dünn aus, daß Hr. Bürgermeister Beu- ther und Hr. Willich den Gastwirth Kleinschmidt förmlich preßten! — Waö besagten Hrn. Mohr betrifft, so war derselbe anno dazumal ein ganj radikaler Demokrat, der im Homberger Wohlfahrtsausschuß (Bür- gercommission) im März 1848 den alten Stad. rath stürzen half und der noch am 29. Jan. 1849 ganz fiecl unter der rothen Fahne tanzte. Jetzt aber — Rejpckt ihr Bürger! — ist cd Se. Gestrengen, der Hr. Bür- gcru.e.ßcr Mohr, nicht zu Venedig, sondern zu Homberg, der da gekleidet, ist in den zarten Mantel der unveUetzlichen ganz aparten Dienst- ehre und sitzet auf dem Wollsacke nenhessischer infauurender Heulern- Respekt, ihr Herren!
0 Berlin, 11. Febr. — Man spricht von cin er neuen Theilung Polens, von der Vertilgung bed letzten Restes Pvlni-