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Dritter Jahrgang.

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Kassel, Dienstag den 12. Februar

1850.

Der königl Schönredner von Sanssouei

Es war einmal ein großer Prinz, Dem war es angeboren, Und Hof und Hauptstadt und Provinz Gebrauchten Nichts, als Ohren.

Er sprach bei Lag, er sprach bei Nacht,

* Die Länge und die Breite, Er sprach noch eh' er ausgemacht, Dem ostheneè der Zweite. Deklamiren und Parliren Ei, was spricht der Prinz so schon!

Als im Jahr 1840 der jetzige König von Preußen seine Huldi­gungsfahrten antrat, um überall den Pomp und den Fastnachtszug mittelalterlicher Zünfte und Corporationen auS dem Grab zu erwecken, machten seine Reden einen so ungeheure» Eindruck auf alle Welt, daß ganz Deutschland darüber in eine permanente Verzückung verfiel, daß es endlich seinen Heiland und seiner Erretter gekommen glaubte, daß alle Sänger und Bänkelsänger Nichts wußten, alâ Lobhpmnen auf Fried­rich Wilhelm IV., den Schönredner von Sanssouci, Nachkommen des Helden von Sanssouci, Friedrichs des Einzigen. ES war noch nie dagewesen, dieses Schauspiel. Ein König sprach auf offenem Markte, sprach mit Feuer und Zuversicht, schwur für daS Volk zu leben und zu sterben. Der antik-moderne Unsinn dieser Reden, der auf den ersten Blick einen unklaren, unlogischen Kopf und ein eitles in sich selbst berauschtes Herz verräth, der sinnlich-handgreifliche Pietismus, daS Liebäugeln und Sich-Jdentifiziren mit der Gottheit der Berliner Eckensteherjargon, nur aufgeputzt mit königlichen Redensarten und Pantominen: Alles daS ging damals unter in dem lauten Ruf der ungebildeten und gebildeten Menge:ein König spricht", er spricht aus sich selbst, ohne Einflüsterung seiner Minister, seiner Räthe. Der König meint'S ehrlich! er ist ein Genie, mindestens ein Talent, und Thaten werden seinen Worten folgen!" Auf diese Thaten sollte man warten! In den ersten Jahren nach den schönen Redensarten tröstete man sich damit, daß es dem guten, ehrlichen König zu schwer werde, die Hindernisse wegzuräumen, die sich der Erhaltung seiner Eidschwüre entgegenstemmten; allmählich aber, alS man fand, daß Se. Majestät zwar sehr viele Worte hatten, aber nicht die mindeste Lust zu entsprechenden Thaten, fing man an zu fragen: meint er'S denn wirklich ehrlich? Und man antworte: ist nicht ganz im Klaren! BiS denn endlich Se. Majestät durch ver­schiedene Geldverlegenheiten sich gedrungen sühlten, den ersten vcr. einigten Landtag im Jahr 1846 nach Berlin zu berufen! Da er­wachte der alte Enthusiasmus von Neuem, und Gegenstand allgemeiner Bewunderung war die Weisheit eines Monarchen, der auf solche all- mähliche, organische Weise die Freiheit seines Volkes zur Entwickelung bringen wollte. Aber Se. Majestät beeilten sich durch die Thronrede vom 11. April dem Faß den Boden auSzustvßeii, d. h. dem großen Faß des deutschen gutmüthigen Vertrauens. Und von diesem Augen­blick an hat sich die allgemeine öffentliche Meinung Deutschlands dahin ausgesprochen, daß dieser Mann weder die Fähigkeiten noch den Willen noch die Kraft habe,seiner Zeit daö Banner zu tragen!"Er trägt nur ihre Schleppe wider Willen!" *) Jetzt erst begann man allgemein mit der Schärfe der Kritik an die einzigen Handlungen zu treten, deren er sich rühmen durfte, an seine Reden, und man entdeckte Worte, Worte! Nichts als Worte! dahinter aber den feindseligen, dem Charakter der Zeit krampfhaft widerstrebenden Geist der Absolutie und des Pietismus, eit e Richtung ohne Kraft des eignen Willens, ohne Confeguenz eines entschiedenen Charakters nur geleitet tont dunklen Instinkt eines sinnlich begehrlichen Herzens,

) Herweg.

gebrochen vom ehrgeizigen Streben nach dem Ruhme der Genialität und deS platten Berliner JeistreichthumS! Zu diesen seinen eigenthümlichen Zeugnissen über sich selbst hat Se. Majestät nun einen neuen Belag geliefert in seiner Rede vom 6. Februar, die gleichsam die Quintessenz aller vorangegangenen ist im Hohnsprechen gegen die Freiheit des Volkes und im zusammengestoppelten Unsinn. ES wird nicht ohne Interesse sein, bei dieser Gelegenheit sich die Hauptphrasen der früheren Schönreden ins Gedächtniß zurückzurufen, um zu sehen, wie nach wie vorein dreifach Erz" dieses Fürstenherz von seinem Volke trennt, um zu sehen, wie die Stürme der Revolution ohne Ein­druck an einem königl. Gemüthe vorübergegangen, wie dieser Mann durch die Lehren jener wilden Märztage Nichts gelernt und Nichts vergessen.

Im Sept. 1840 zu Königsberg sprachen Se. Majestät:Und ich gelobe hier vor Gottes Angesicht, daß Ich ... . ein christlicher König sein will." DaS war die Einleitung; was dieses christliche Königthum bedeute, erfuhr man erst auS der Hul- digungSredc zu Berlin im Oktober desselben Jahres, woselbst Se. Ma­jestät zu erläutern geruhten:

Ich weiß zwar und ich bekenne cs (klassisch-erhabene We». dung!) daß ich Meine Krone von Gott allein habe (und der Herr Habsburg, der sie damals Ihrem Ahn geschenkt hat?) und daß es mir wohl ansteht (wohl ansteht! Jargon!) zu spre­chen:Wehe dem, der sie an r ü hrt!"-Damit also wußte ein Jeder undkonnte eS al|o auch bekennen", was ein christlicher König war, und daß man einem solchen Sohne Gotkeö nicht, ohne sich der Gotteslästerung schuldig zu machen, nahe treten dürfe. Frei­lich erklärte er auch, daß er als Vasall GotteS diesem Rechenschaft schuldig fei und daß man sich deshalb beruhigen könne, aber man wtiß ja, undkann es also auch bekennen" , daß auch schon auf eine geheime Ohrenbeichte bei den Priestern ohne Weiteres Absolution zu folgen pflegt, um so viel mehr bei Gott selbst.

Dennoch wollteneinige wenige ungezogene Unruhstifter und Wühler" daü Volk zu dem Glauben verleiten, der König werde für eine konstitutionelle Verfassung zu gewinnen sein. Diesen Verirrte» hielt Friedrich Wilhelm am 11. April 1847 eine warnende Schönrede, worin folgende berühmte frechheitSniederschlagcude und schwindelabküh: lende Stellen vorkamen:

Als Erbe einer ungeschwächte» Krone, die ich meinen Nachfolgern ungeschwächt bewahre» muß und will" ...Ich und Mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!" (nicht dem Volk!) . . .ES drängt mich zu der feierlichen Erklärung, daß eS keiner Macht der Erde je ge­lingen soll, mich zu bewegen, d as n atürliche, gerade bei und durch seine innere Wahrheit so »nächtig ma­chende Verhältniß zwischen Fürst und Volk in ein kon­ventionelles, koustitutiouellcS zu wandeln, und daß Ich es nun und nimmermehr zugeben werde, daß sich zwischen unsern perr Gott im Himmel und dieses Land ein beschrie­benes Blatt, gleichsam alS eine zweite Vorsehung c l n ränge, um u n ü m i t seinen Paragraphen zu regie» durch sie die alte, heilige Treue zu ersetzen. Zwischen unâ sei Wahrheit. . . ."

Ja! ja! daS war die Wahrheit! Dazu fügte er die Warnung an seine Stände, nicht das Gelüstenach der Rolle soge­nannter Volks re Präsentanten" über sich kommen zu lassen, Preußen könne solche Zustände nicht ertragen, die Krone solle hier nach dem Gesetz Gottes (unmittelbare, willkürliche Offenbarung !) und beS Landes und nach eigener freier Bestimmung herrschen,welche aber nicht nach dem Willen von Majoritäten regieren un und darf!" DieseWeiß und Bekenne"Muß und