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Kassel, Mittwoch den 6. Februar

Der Staatsstreich des französischen Präsidenten

Mit den blutigen Junitagen bildeten die Socialisten eine Armee, eine Armee von Sansculotten, eine Armee mit derselben Begeisterung wie die der ersten französischen Revolution. Es fehlte dem Heere nichts als die Organisation, der Feldherr.

Die honette Gesellschaft Europas, zunächst die Frankreichs, zittert vor dieser HeereSmacht, vor dieser Sansculottenschaar. Kein Wun­der also, daß Louis Napoleon als Preis für ihre Vernichtung die Anhänglichkeit, die Verehrung der Spießbürger, den spießbürgerlichen Kaisertitel fordert. Wenn LouiS Napoleon erfüllen könnte, waS er verheißt, so wäre eS möglich, daß er auch den geforderten Preis er­hielte. Aber eS gibt keine Macht gegen den Sozialismus, für jedes abgeschlagene Haupt wachsen tausend und abertausend ihm nach. Louis Napoleon hat Ausnahmegerichte eingesetzt, er hat die Helden der Junitage in Ketten und Banden gelegt, — der Sozialismus lebt fort. Der Prätendent der Kaiserkrone hat ohne Urtheil und Recht die Kämpfer für Frankreichs Ruhm und Ehre deportiren lassen, — der Sozialismus lebt fort. Louiâ Napoleon hat die Absetzung der sozialistischen und kommunistischen Volksschullehrer zum Gesetz erheben, er hat also die Politik aller Tyrannen, das „ l’e tat c’est moi" hei­lig sprechen lassen, Massen von Volksschullehrern sind bereits außer Amt und werden in Kurzem außer Amt treten, — __ der Socialis­mus lebt fort, er wächst, er schwillt dergestalt an, daß der National, das Blatt der „Honetten", feine Farbe wechselt, sich zu der Fahne der neuen Lehre bekennt, daß eö von der baldigen sozialen Erhebung, von der Revolution predigt. Statt 100 sitzen jetzt, jetzt, wo die Sozialisten zweimal geschlagen, eingeschüchtert, terrorisirt sind, statt 100 sitzen jetzt nahe an 20 0 Sozialisten in der Kammer, und diese sind ihrer Zukunft so gewiß, daß sie ihren Gegnern, die sich Re­präsentanten des Volks nennen, zurufen können: „So unterwerft euch einer neuen Wahl, wir gehen auf die Wette ein." Louis Napoleon läßt zu Gunsten der Bourgeoisie nicht blos die Menschen, er läßt den G.ist selbst verfolgen, er stellt eine Hetze an auf die sozialistischen Flugschriften und Volksbücher, auf die Kalender nub Zeitungsblätter der „Rothen" — — die sozialistischen Volksschriften überfluthen dennoch daS Land, sind in aller Welt Händen, ’ aller Journale Frankreichs werden von Sozialisten redigirt, fast alle neuen Deputirten- wahlen fallen zu Gunsten der Sozialisten aus.

Was helfen also die Deelamaèionen des Präsidenten, die De- monstratienen des Hrn. Carlier gegen die Sansculotten, gegen die Re­volution? Die Spießbürgerschaft zittert morgen wie heute, und über- morgen mehr denn morgen.

LouiS Napoleon manövrirt gegen die Proletarier auf zwei Arten. Während er die Unverbesserlichen deportirt, sucht er die „ Verführten, Bethörten " zu versöhnen, auf den rechten Weg zu leiten. Er besucht die Werkstätten, die Fabriken, versichert seinen innigen Antheil an dem Loose der Unglücklichen und weisst stillschweigcno auf das blöd­sinnige Werk hin, daS er in seinen Flegeljahren über die Lage der arbeitenden Klasse geschrieben hat. Umsonst! So wenig daS erste s verfangen hat, so wenig verfängt das zweite. Gegenüber ° 7.c” fünften wagt es sogar ein sozialistischer Schriftsteller, das vor- das ^™ ÜOn der sozialen Frage zu predigen und den Arbeitern Navole/" ber Erfassung als einzige Taclik zu empfehlen.

l"vcu, daß auch der Hunger Ehre kennt, daß auch ein vermag ° ° ^^ Ehrgeiz eines Verrätherö in den Weg zu treten

(teoiOc ist gegen den Sozialismus unfähig. Die Bour-

8 i wue also den beabsichtigten Staatsstreich nicht einmal aus Er­

kenntlichkeit zu unterstützen brauchen. Die Spießbürger sagen abermals: „Wir wollen Ruhe, Ruhe wenigstens so lange, bis daS Unvermeidliche, die soziale Umwälzung, eintritt, wir wollen die soziale Umwälzung nicht beschleunigen, indem wir die Hand zu einer politischen bieten."

Unter solchen Umständen wäre es ein abermaliger Beweis der Bornirtheit Napoleons, wenn er wirklich, wie man sagt, das allge­meine Wahlrecht, d. h. die Verfassung in ihrer Wurzel angreifen wollte. Die Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts würde wie jeder Frevel am Recht und der Gerechtigkeit, wie jeder Hohn und Spott auf eine unterdrückte Partei, auf daS Haupt Napoleons zurückfallen, sie würde den Haß und die Rache in das Herz der Proletarier zurückdrängen, sie würde dereinst die Revolution zu einer furchtbaren, entsetzlichen machen. Mit der Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts würde Na­poleon nicht seine eigene, sondern die Herrschaft der Bourgeoisie auf einige Zeit sicher stellen, er würde sich selbst überflüssig machen, nicht den Weg zum Kaiserthum, wohl aber den zu einem bourbonischen Kö­nigthum anbahnen. Obwohl daS Mittel ein unzureichendes ist, so bleibt dem Präsidenten gegenüber der Bourgeoisie, doch kein anderes übrig, als eben die Demonstration mit den Socialisten, der mit dem allge­meinen Wahlrecht geführte Beweis ihrer Gefährlichkeit.

D e u L s ch l a N d.

A Kassel, 5. Febr. — Zu Nutz und Frommen der Bestrebun­gen für eine freie Gemeinde, die wie überall auch hier auftauchen, will ich Sie ein wenig über das Pfaffenthum unterhalten. Sie erinnern sich wohl noch, wie in den 30ger Jahren das Teufelaustreiben, das Ver­ketzern und Verfluchen, die Conventikel it. dgl. Hier in Kassel an der Tagesordnung waren. Das Volk machte sich ursprünglich wenig dar­aus ; es ließ diese Augenverdreher ihren Weg gehen und lachte. Aber darob nahmen die Herren zu an Teufelsglauben, und die Angst vor dem Bösen wurde mächtig in ihnen. Sie kehrten mit Besen die Teu­fel aus den Zimmern der Sterbenden, sie verweigerten daS Abendmahl, wenn die Armen in ihrer letzten Stunde sich nicht als elende Sünder bekannten, sie fluchten an den Gräbern armer Verirrten, anstatt zu segnen. Da lachte daS Volk nicht mehr. Und man wird sich sehr wohl noch jenes Abends erinnern, an dem das HauS eines solchen traurigen Teufelaustreibers gestürmt werden sollte, der Mann war der Pfarrer Rausch. — Man sollte denken, diese Zeit wäre zurückgekehrt! — Die Herren Pastore miteinander intriguiren schon längst gegen die Gesetze des Staats; — eS ist bekannt genug. Pfarrer St.......in H. predigt ohne Weiteres: „es ist scheußlich, Gesetze zu geben, welche die bürgerliche Ehe einführen! Nur wir (die Pfaffen) sind von Gott eingesetzt, nur wir können dem liebenden Paare den Segen geben!" Kurz vorher hatte er gesagt, alle Obrigkeit ist von Gott eingesetzt. Auf einen kleinen Widerspruch kommt's diesen Herren nicht an. — Aber ihre Umtriebe gehen weiter. In Kassel giebt eS mehrere dieser Herren, die sich weigern, die Kinder derer zu taufen, welche nicht von ihrer Hand getraut sind, die mit Ausstoßung auS der Kirche drohen. In Kassel giebt es wieder Andere, die von Neuem bei der Taufe den Teufel auStrciben. Nächstens wird man erleben, daß der Teufelsspuk sie ganz verkehrt und die alten Verketzerungen und die alte Heuchel« und Dummheitskomödie wird eine öffentlich anstößige «tue Auflage erleben. Aber dann wird daS Volk nicht die Häuser der Kinder deS Bösen stürmen, sondern lächelnd ihnen den Rücken kehren, sie allein dem Teufel überlassen und seinen Versuchungen und sich von der Lüge des alten Pfaffenthumâ befreien in neuen ReligionSgesellschasten. Daß diese Mensche» nicht einsehen, wie sie gegen sich selbst und gegen den Bestand ihrer Gemeinden eifern und wüthen!

X Marburg, 4. Febr. — „Um auch nicht die tzerrrr^ie Unwahrheit zu sagen, wie die Neuhessische ruft, wenn sie mit dein