Dritter Jahrgang.
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Ml" 30.
Kassel, Dienstag den 5. Februar
1850.
Der Staatsstreich des französischen Präsidenten.
1.
Louis Napoleon hat verheiße», entweder Kaiser oder der Washington Europa'S zu werden. Auf die letztere Nolle wird er im Laufe der Zeit zu verzichten wissen, eS bleibt ihm also übrig, auf den Kaiser zu spekuliren. Daß sein Ehrgeiz, sein Dünkel, seine Eitelkeit, seine Thorheit groß genug sind, um den Versuch zu machen, unterliegt keinem Zweifel, eS frägt sich nur, wann er ihn machen und wie er auSschlage,l wird.
Die Dynasten Europa'S werden nun und nimmermehr zuge- ben, daß ein Verwandter deS „Siegers in hundert Schlachten", daß ein Mann aus dem Volke, ein Plebejer, zum zweiten Male die reine Race der angestammten Tyrannen durchkreuzt. Eine Republik darf man allenfalls dulden, sie ist, der Meinung unserer Gewaltigen nach, ein Attentat auf die gesunde Vernunft, ein europäischer Anachronismus. Ein bürgerlicher Erbfürst ist aber nicht blos ein Attentat auf die gesunde Vernunft, sondern eine Injurie gegen die Dynasten selbst, ein Frevel, ein Hohn auf die Legitimität, ein Attentat auf den fürstlichen Besitztitel. Vom Capo d'Jstria zum Otto von Griechenland war nur ein Schritt, vom Kaiser Napoleon zum achtzehnten Ludwig war ein Strom von Menschenblut, war die totale Erniedrigung, die schmachvollste Demüthigung der Dynasten.
Die europäischen Dynasten, vor allen Dingen der Kaiser Nikolaus, werden den beabsichtigten Staatsstreich deS französischen Abenteurers nicht für immer, sie werden ihn aber für jetzt hintertreiben. Sie werden ihn so lange verhindern, biâ die deutschen Verhältnisse vollkommen geordnet, bis Preußen, Rußland und Oesterreich wieder im vollsten Einvernehmen, bis ihre Armeen entbehrlich, bis sie auf die französische Katastrophe vorbereitet sind. Die Dynasten und wiederum zunächst der Kaiser aller Reußen, werden den schwachsinnigen Brausekopf bis zu jener Zeit mit Hoffnungen und Versprechungen trösten, sie werden ihn auch ferner alö Werkzeug der Contrerevolution benutzen. Bei dieser Auffassung der Stellung der Dynasten zu dem Staatsstreich Napoleons löst sich z. B. der scheinbare Widerspruch in dem Verhalten des Generals Lamoriciere. General Lamoriciere ist sicher kein Anhänger der Republik, aber er hat sich entschieden gegen einen Staatsstreich und für die Aufrechthaltung der Verfassung ausgesprochen. General Lamoriciere war „Repräsentant deö republikanischen Präsidenten" am Hofe zu St. Petersburg.
Aber nicht bloâ die Dynasten sind gegen einen Staatsstreich deâ Präsidenten, auf ihrer Seite steht die ganze französische Bourgeoisie.
Die Bourgeoisie will keine Republik und keinen Kaiser, sie will vor allen Dingen „ Ruhe und Ordnung ". Ein Staatsstreich Napo- leonö wäre der europäische Krieg, die Intervention der „Fremden" oder die Anarchie. Die Bourgeoisie hat nichts gegen einen legitimen König einzuwenden, aber die ganze Affaire muß so ruhig und friedlich wie die Vertauschung eines Kleidungstückes mit einem anderen von sich gehen. Und deshalb wartet sie mit dem König.
Wie überall, so kennt auch die französische Bourgeoisie kein an- dereâ Ideal, kein höheres Gesetz, als das der Bilance, des Profits. Ein Staatsstreich würde auf der Börse und in den Büchern, auf dem Markte und auf den Comptoirs eine abermalige, unübersehbare Verwirrung hcrvorbringe», — die Bourgeoisie behält deswegen die Republik. Sie stellt ihr eine ungeheure Armee zur Verfügung, sie zahlt alljährlich gern eine Summe, die selbst das Budget der Bourbonen übersteigt, — — — mit regelmäßigen Lasten läßt sich schon abrech- nen, das einzig Gefährliche ist eine Krisis, eine Catastrophe, ein unübersehbares Ereigniß. Die Bourgeoisie protestirt gegen den Staatsstreich Napoleons im Namen der Wechselcourse, des Geschäfts
Ohne die Bourgeoisie ist der Kaiser unmöglich. Soviel Verstand hat selbst der Präsident der Franzosen. Ohne Kenntniß des spießbürgerlichen Calculâ sucht er also die Spießbürgerschaft noch allmählich zu gewinnen, hätschelt er sie, schmeichelt er ihr. Für jeden Schrecken, den seine bornirte Eitelkeit den Boutikeu einjägt, schlachtet er einen ihrer gefährlichsten Gegner, vernichtet er eine» der boutikenfeindliche» Paragraphen der Verfassung.
Der Kampf Napoleons gegen die Socialisten und das allgemeine Wahlrecht, die Umtriebe des Präsidenten unter den Arbeitern, sind lediglich Verführungsmittel für die honette Spießbürgerschaft. Betrachten wir dieselben in einem besonderen Capitel.
Deutschland.
△ Kassel, am 4. Februar. — Die Neuhessische Zeitung hat einen Geist gesehn, oder vielmehr ein Gespenst, denn an Geister glaubt sie nicht. Dieses Gespenst ist die n e u e Verfassung, die dritte Verfassung Deutschlands , welche von Oesterreich in den Königreichen pro- ponirt wird, und über die der Fuchs Blittersdorf täglich seine delphischen Enthüllungen macht. — Aber wie, wenn dieses Gespenst, der Schatten eines neuen Unglücks, eines neuen Bundestags mär', der am Horizont Deutschlands emporsteigt, der Schatten der so lang, so sehnlichst erhofften chinefischen Einheit? Passen in diese Ein- H eit nicht auch die Mausefallenhändler auâ Slovakicn und die Rothmäntel und kaiserlichen Kebsen aus Kroatien? — Wie aber, wenn alle 3 Reichsverfassungen zu Gespenst eru würden und Schattenwese», und das Interim würde eine s. g. Wahrheit? — Dinge, die jetzt den Gothaer „Kaisermachern" ein ängstlicher Spuk sind und ein „ sonstiger Kram" heißen , werden sich in einen wirklichen Gram umgestalten. —
Wetter, 3. Febr. — Wir haben hier nun den längst gewünschten neuen Stadtrath. Dieser besteht zum größten Theil auâ den Gliedern des früheren VolkSraths und des demokratischen Vereins. Frage: Wird derselbe die frühere Stellung seiner einzelnen Glieder aufgeben? wird er die Bahn weiter verfolgen, die feine einzelnen Glieder früher geöffnet? Die Beantwortung folgt später
0 Berlin, 3. Febr. — Freude ist im Himmel und auf Erden l Wir sind glückliche konstitutionelle Staatsbürger geworden! Mittwoch, den 6. Februar, wird der König die Verfaffung beschwören, Ruhe und Frieden wird einziehen in daâ müde L-and, Handel und-Gewerbe werden blühen und die Ordnung wird ihre schützenden Arme über die zufriedenen Bürger auâbreiten ! Welche schöne Zukunft! Scho» stößt die „Konstitutionelle" einen kurzen Schrei deS Entzückens auS, dem bald jubelnde Dankhymnen mit voller Orchesterbegleitung folge» werden. Ja, Preußen hat jetzt eine Verfassung, und eine Verfassung, die sich gewaschen hat; gestern Abend ist sie durch- den Staatsanzeiger publizirt worden, und wem haben wir sie zu danken? — der Auf- opferung der Konstitutionellen und dem Patriotismus des Ministeriums Manteuffel!! Gewiß ist der rasche Entschluß., einen Eid zu leisten auf „daâ Blatt Papier, das sich zwischen- den König und sein Volk drängt", nur gefaßt worden, um den Kammern eine kleine Freude für ihre so glänzende Ergebenheit zu machem Man ist ja hier m Preußen längst daran gewöhnt, Alles von Gotteâ Gnaden zu empfangen, waâ man als gutes Recht zu fordern hat. — Diejenigen übrigens, die in obiger Weise frohlocken, und die jetzt auf den Knien zum Schlosse rutschen, um dem gütigen Herrscher für seine Gnade zu danken, irren sich gewaltig, wenn sie denken, daß jetzt bei uns der konstitutionelle Schwindel beginnen werde, der Frankreich faffz» Grunde gerichtet hatte. Dahin läßt eâ keine von den entgegenaesetzten Par- Kien kommen. Der Absolutismus wird die jetzige Verfassung als ent