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Dritter Jahrgang.

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1850

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Kassel, Sonntag den 3 Februar

Die politische Revolution und die soziale Reform

2.

Bis jetzt hatte eine jede Revolution den Erfolg, daß sich die revolutionären Kräfte nachher spalteten, und eine neue Opposition, eine neue Revolution daraus hervorging. Die eine Partei wurde in die herrschende Klasse emporgehoben, die andere blieb die unter­drückte und damit die revolutionäre. Dies kam daher, daß die politische Bewegung sich selbst zum Zwecke hatte, ohne einen Ge­danken an die Aufhebung der Widersprüche, die zwischen dem Staat, der Gleichheit vor dem Gesetz, und zwischen der Gesellschaft, der Un­gleichheit im Leben, besteht. Eine jede Revolution entstand und entsteht aus dem Zwiespalt, auS dem Kampf zwischen der sozialen Bewegung, dem Bedürfniß der Einzelnen und der feststehenden Ver- fassung und Verwaltung des StaatsgebäudeS. Aber dieser Urgrund der Revolutionen ist bis in dieses Jahrhundert nicht erkannt wor­den , erst bei der letzten französischen Revolution ist er zum allgemei­nen Bewußtsein gekommen. Jetzt erst sängt man an, zu erkennen, daß über und neben dem politischen Leben als bedingend und herrschend sich daS Leben der Gesellschaft bewegt, daß neben der Centralisation noch die Selbstständigkeit aller Einzelnen ihre besonderen Kreise zieht, und daß diese Sphären bei dem wachsenden Bewußtsein, bei dem steigenden Selbstgesühl der Massen Herr dcö StaateS und der regie- renden Klassen zu werden beginnen. Mit andern Worten, früher haben alle Klassen nur rcvolutioniri für eine neue Verfassung, für den Buchstaben des Gesetzes, die heilbringenden Folgen sollten von selbst kommen. Aber eben weil sie nicht kamen, weil der Eigen­nutz der Geburt, der Macht, des Kapitals durch die Staatsver­waltung alle diese Verheißungen nur für sich auszubeuten wußte. eben deswegen ging die neue Revolution einen Schritt weiter. Sie trat mit dem bewußten Verlangen auf, die Staatsverwaltung auch zu Gunsten der bis setzt darum betrogenen Klassen einzurichten. So geschah es in Frankreich; bei der Februarrevolution bereits war der mittelbare Zweck der politischen Bewegung die soziale Re­form durch den Staat. Der Staat als Willen der Gesammtheit sollte den unterdrückten Klassen durch Staatsmittel die Möglichkeit gewähren, die Grundlagen des StaatsbürgerthumS zu erlangen, B il­dung und Eigenthum. Der Eigennutz der Besitzenden war so­fort geschäftig, ihnen diesen friedlichen Weg der Erlösung abzuschnci- den, die falschen Systeme des Kommunismus und Sozialismus, die verkehrte Organijqtl'on der Arbeit, die Louis Blanc beabsichtigte die Unausführbarkeit all' dieser Versuche trug wesentlich zu dieser Ent­wickelung bei. Als die unterdrückten Klassen in Paris diese aber­malige Wendung zum alten Staatösystem gewährten, trieb sie die Verzweiflung in jene mörderische viertägige Juni sch lacht, deren Folge der vollständige Sieg des alten rein politischen Staatssy. stcms war. DaS war der erste Versuch einer Revolution, welche blos und nackt die so zi ale U m lzu n g, die unumschränkte Herr­schaft der Arbeiter über daS Kapital, der Unterdrückten über die Unterdrücker zum Zweck hatte. Möchte er zugleich der letzte sein! Von der besitzenden Klasse hauptsächlich wird abhängen. Schon Utzt müssen sie den arbeitenden, den darbenden Klassen die Hand reichen zum Beginn jener Reformen, die nach dem Sieg der Demo­kratie sofort das StaatSleben erfüllen müssen, wenn nicht Bürger- ^uit und Barbarei den Boden Europas schänden sollen.

Nur die soziale Reform ist im Stande, allen jenen Systemen ^er sozialen Revolution die Spitze zu brechen. Die soziale Revolution aber wollen alle Systeme deS.französischen Communiömus un Sozialismus, bewußt oder unbewußt. Der Communis in u s lv n die Gemeinsamkeit) will nicht sowohl Aufhebung des Eigenthums,

als vielmehr Aufhebung des persönlichen Eigenthums. Alle Gemeinden, Kreise, Staaten sollen nur ein Gesammteigenthum haben. In dieser Idee liegt die gänzliche Selbstentäußerung und damit die Unfreiheit des Einzelnen. Im Gegentheil, jeder Einzelne bedarf einer objektiven Sphäre (des EigenthumS), um frei und selbständig zu sein. Selbst in Frankreich haben sich diese Systeme bereits überlebt; ihr letzter Hauptvertreter, Cabet, sucht im Augenblick in Amerika für seinenikarischen" Staat einen günstigen Boden. Selbst wenn er ihn dort in den Urwäldern finden sollte, vor der Kritik der Ver­nunft ist er schon längst verurtheilt. Der CommuuismuS soll übri­gens den verdienten Ruhm behalten, den geistigen Kampf gegen den Egoismus und den Wucher des Kapitals (wenn auch auf rohe Weise) begonnen zu habe».

Gefährlicher als die alten Lehren deâ CommunismuS sind die der sozialistischen*) Theorien, die in Frankreich, in England und selbst in Deutschland noch eine große Anhängerschaar zählen unter der arbeitenden Klasse sowohl, wie unter ihren gebildeten Führern, und die nur durch die soziale Reform ihre Gewalt verlieren können. Alle sozialistischen Systeme sind wie die kommunistischen blos die Forderungen der einen Partei der Gesellschaft, der Unterdrückten, der Arbeiter. Sie sind also ebenfalls einseitig und untauglich für die Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Aber sie sind bei weitem ausgebildeter, sie stehen geistig höher als die rohen commu- nistischen darum gerade sind sie um so gefährlicher. Sie wollen sämmtlich die gänzliche Abhängigkeit deS Capitals von der Arbeit, mit andern Worten nicht blos die Beschränkung des EigenthumS, sondern die stete Einzelaufhebung desselben, durch Abschaffung des Erbrechts, stets neue Vertheilung und dergleichen mehr. Auch auS diesen Systemen also wird stets die neue direkte sociale Revolution folgen. Wir müssen sie also von unserm Standpunkt: aus ebenfalls verworfen.

Es bleibt uns nun blos die soziale Reform, d. h. der Versuch durch die Praxis selbst, durch die Versöhnung aller Parteien die Gesellschaft so umzugestalten, daß die Herrschenden und die unter­drückten Klassen, die Besitzenden und Nichtbesitzenden,. allmählich zu einer großen Masse verschmelzen, zu besitzenden selbstständigen Staats­bürgern. Es gibt zwei Hauptrichtungen, welche diese Reform nehmen kann. Die eine ist bereits versucht und verunglückt. Es ist die Organisation der Arbeit von Staatâ wegen, die Anlegung von Nationalwerkstätten, wo der Staat selbst: als Unternehmer auftritt, wie LouiS Blanc es in Paris gepredigt, und wie cS. dort im Versuch schon gescheitert ist. Der Staat als Unternehmer vernichtet durch seine gewaltigen Mittel und seine Con- currenz den Erwerb der selbstständigen Gcwerbtreibendcn, oder er muß uuproductive Arbeit betreiben und dem einzelnen Arbeiter die Arbeit: zur unfreien machen. Die zweite Richtung ist die Organisa­tion des Credits, der wir huldigen. Der Staat soll den Cre- dit, d. h. den Arbeitsstoff gewähren. Um das zu können, muß der Staat diese Mittel besitzen, die Besitzenden also müssen sie zu seiner Verfügung stellen. Dadurch entsteht die Versöhnung der widerstre­benden Elemente im Staat, die soziale Reform, die Vermei­dung der direkt auf soziale Umwälzung, auf Herrschaft der Nichtbesitzenden gerichteten sozialen Revolution. Das Interesse lfbes Einzelnen, deS Reichen wie des Armen, fordert in dieser Bc- Z'thung eine friedliche Entwickelung, fordert nicht Krieg sondern. Frie-

*) Wir müssen nochmals vor der Verwechselung zwischen sozialistisch und' sozial warnen. Das Worr sozialistisch bezeichnet die bestimmten Systeme von St. Simon, Fourier ec. Das Wort sozia l bezeichnet ganz allgemein die- Richtung auf die soziale Umgestaltung der Gesellschaft, ohne das,- ein gestimmtes, System vorliegt, dessen Aufsuchung vielmehr der ganzen Gesellschaft Wi; und der Praxis überlassen bleiben soll.