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Dritter Jahrgang.

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26. Kassel, Donnerstag den 31. Januar IS^O«

Oesterreichs angebliche Proteste.

Der neueste Beitrag zu Erasmi von Notterdam'SLob derNarr- heit" ist die Behauptung der Erfurtler, daß in Erfurt hinter den Wäl­len Salamanca'S die Freiheit wohne weil Oesterreich dagegen protestirt habe; was mit andern Worten behaupten heißt, daß ein Kerkermeister, der feine Opfer vor der Hinrichtung noch gänzlich auSbeutelt, ein Engel der Milde und der Gerechtigkeit sei, weil der Henker gegen dieâ zuvorkommende Schröpfsystem Protest einlegt. Man kann sicher sein, daß die Erfurter diesen neuen Lehrsatz der Thor­heit so lange Wiederkäuen werden, bis daâ Interim an einem schonen Märzmorgen zum reißenden Leoparden herangewachsen ist. Dann wird man das Gegentheil vernehmen können. Dann ist Oesterreich der zweite Retter Deutschlands und der großen Freiheit, als Deutscher deutsch-fürstliche Hiebe besehen zu dürfen; dann wird die Einheit der beiden Großmächte der Glanzpunkt in der neuesten Geschichte deS Vaterlands heißen. Dann wird man zu Frankfurt und zu Wien die schallenden Fußtritte vernehmen, die unter Kyrie und Lobgesängen von den weiland Erfurtern bestens acceptirt werden. Die Gelehrten sind Menschen, die zwei Zungen haben, spricht schon Euripides ; mit der einen sagen sie die Wahrheit, mit der andern waâ gerad' für die Umstände taugt.

Für die Umstände taugt eS diesmal, diewirklichen" Proteste der Demokratie und die angeblichen Oesterreichs gegen den preußischen Sonderbund zusammenzustellen und folgendermaßen zu argumentiern. Oesterreich will nichts Gutes (dies Argument geht aus von der Zunge der Wahrheit) es protestirt gegen Preußens Sondergclüste, folg­lich sind diese Sondergelüste daS Gute (Zunge der Falschheit). Die Demokratie protestirt auch gegen Erfurt (Zunge der Wahr­heit). Erfurt ist aber daS Gute, folglich ist die Demokratie nicht gut, sondern sehr böS und ein Bundesgenosse Oesterreichs in Bezug auf Vereitelung der deutschen Einheit und Freiheit. Und mit dieser Folgerung der Falschheit war der Gothaer Narrenschluß vollendet! Dieser Narrenspruch hat in allen Circularen der doppelzüngigen Kasemattenarbeiter eine Hauptrolle gespielt, und muß noch immer in allen Jammerblättern der Heißsporne von Erfurt herhalten. ES ist ein wahres Kinderspiel, mit zwei oder drei Hieben diese ganze künst­liche Fechterparade unserer politischen Don-OuixoteS zu zerstören.

Erster Hieb: Zeigt die angeblichen Proteste von Oesterreich!

Zweiter Hieb: Beantwortet die Frage, gegen welches Erfurt diese Proteste gehn, gegen welches DreikönigSbündniß, gegen daS wirkliche vom 26. Mai, oder gegen daS sogenannte von heute.

Dritter Hieb: Beantwortet die Frage, wieviel Gegenerklärun­gen von Preußen auSgegangen sind, und welches der Inhalt dieser Erklärungen.

Damit ist die Sache abgethan! Sie sind weder die Vertrauten von Radowitz, noch von Schwarzenberg, sind sie doch nicht einmal die von Manteuffel oder Blitterödorf! Wir kön- nen ihnen über diese Geschichten einigen Aufschluß geben: die Volköpo- lizei der Vernunft ist auch in diese Geheimnisse gedrungen. Oe- st er reich protestirt nicht gegen eine V er ßcr u n g Preußens, Oe- sterrcich protestirt nicht gegen einen Versuch, dies unter dem Schein konstitutioneller Formen in Erfurt zu versuchen, Oesterreich prote­stirt nur gegen die Partei von Gotha, welche auS Preußen Deutsch­land zu machen suchte, mit Ausschluß von Oesterreich. Dynastie pro- tcstirt gegen Dynastie, Raubinteresse gegen Raubintcresse. DaS ist deS Pudels Kern! Die Demokratie protestirt gegen alle Dyna- stie, gegen alle gottbeknuteten Interessen im Interesse bar Gesammt­heit , im Namen der Volkswohlfahrt und Freiheit. Und wenn sie der­

einst ihre Agitationen gegen Oesterreich richten muß, schließt sie eben so wenig mit der preußischen Volköknute den Bund, wie sie ihn setzt mit der österreichischen geschlossen, als sie gegen Preußen Protest ein­legte. Doch wozu über die klarste Sache der Welt noch Erklärun­gen! Halten wir an dem Spruche deS Dichterâ:

Nur eins ist Noth, d'ran halt' ich fest

Und will nit verlieren,

DaS ist mein christlicher Protest,

Mein christlich Protestiren.

Was geht mich all' daS (Gothaer) Wasser an

Vom Rheine bis zum Ozean?

Sind keine freien Männer dran,

So will ich protestiren.

Deutschland.

Kassel, 30. Jan. Für Hrn. Förster und seine Collegen, deren Stillschweigen in der folgenden Sache uns schon längst erstaunt hat, theilen wir folgenden Artikel auS derDeutschen Zeitung" mit: Gestern erstattete der Abgeordnete Nebelthau Namens des Vcrfassungö- auâschusscs der Ständeversammlung Bericht über den durch daâ be­rüchtigte Förster'sche Sendschreiben veranlaßten Antrag auf Ergänzung der landständischen Geschäftsordnung. Bisher erstreckte sich die poli­zeiliche Dcfugniß deS Präsidenten und der Kammer nur auf Vorgänge innerhalb der Versammlung und deS landständischen Gcbäuveö. Es wurde deshalb durch die Antragsteller die Frage angeregt, ob nicht die Befugnisse der Versammlung zu erweitern und namentlich dahin auâ- zudehnen seien, daß auch eine Ausschließung unwürdiger Mitglieder gestattet werde. Der Ausschuß hat sich, obwohl acht seiner Mitglieder zu der von Förster mitNiederträchtigkeit" und andern Schmähungen regalirtenMajorität" gehören, einstimmig für die Verneinung der Frage 'ausgesprochen und den Ucbergang zur Tagesordnung beantragt. Der ruhig und würdig, aber mit beißender Schärfe abgcfaßte Bericht geht nach einer erschöpfenden Sachdarstellung davon auâ, daß es nicht angemessen erscheine, die Mehrheit, beziehungsweise die ganze Stände- vcrsammlung zur Richterin in eigener Sache zu machen und daß diese auch nicht immer in der Lage sein werde, den Thatbestand aus­wärtiger Vorgänge in genügende Gewißheit zu setzen und die ge­eigneten Strafen zu erkennen mib zu vollziehen. Ohehin seien fast zwanzig Jahre verstrichen, ohne daß ein Fall der setzt vorliegenden Art vorgckommcn sei, warum wolle man nicht die Hoffnung hegen, daß auch in den nächsten 20 Jahren ein Fall dieser Art nicht wieder vorkomme» würde Und wenn auch, so würden sich die Betroffenen gewiß mit gleichem Erfolge an die öffentliche Meinung als Richterin wenden dürfen, wie dies setzt geschehen sei. Förster saß während des Vortrages dieses Berichts schweigend da, wie im Fegefeuer. Mein Nachbar wollte einen Anflug von Schamröthe auf seinem Gesichte ent- decken: doch vermag ich die Richtigkeit dieser Annahme nicht zu ver- bürgen. Uebrigenö ist eS kein Geheimniß, daß der ganze ÜUrtrag nur um deswillen gestellt war, um die Sache in schicklicher Weise in der Ständcversammlung zur Sprache zu bringen und so dem empörten RrchtSgcfühle^deS Publikums einigermaßen zu genügen. Einige woll­ten glauben, Förster werde nach solchen Vorgängen selbst auüschciden; allein die Herren kannten Herrn Förster wohl noch zu wenig."

Fritzlar , 29. Jan. So haben wir denn alle Stadien der Eontrerevolution durchlaufen und sind theilweise durch eigne Schuld vom Erhabenen angelangt zum Lächerlichen: zum Reichstag nach Erfurt. Wie wenig Sympathie im Volke hier rechnet man zum Volke, der zahlt und nichts erhält für diesen s. g- Reichstag wur­zelt, daS haben wir trotz aller SiegeSberichte derNeuhessisch-Preußr-