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Pritter Jahrgang.

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Kassel, Mittwoch den 30. Januar

1S5O.

Der Wiener Congreß und die Bundesakte im Jahr 1813.

Magna pericnla animos explorant.

Große Gefahren sind ein Probierstein der Charaktere.

Die große" Nation, mit dem großen Kaiser und Feldherrn an der Spitze, hatte Europa besiegt, das keine Nationalität als gleichen Streiter ihr gegenüber stellen konnte. Die Despotie Europas unter­lag der gewaltigen Kraft und dem Ehrgeiz eines nationalen Helden. Da endlich griffen die Monarchen, durch ihr Unglück gedemüthigt und belehrt, zu den ebenbürtigen, zu den verhaßten Waffen. Preußen unter dem edlen Stein suchte durch Gewährung bürgerlicher Freiheiten den schlummernden Nationalgeist zu wecken; der Kosake Alexander war klug genug in der Proclamation von Kalisch 1813, den Deutschen die Freiheit und ein Vaterland zu verheißen. So siel Napoleon, der Feind der alten Dynastien, durch die Völker; sie dachten für sich zu siegen und sie siegten für ihre Tyrannen. Kaum war der ge­meinsame Feind vernichtet, so waren alle Zusagen an die Völker ver­gessen. Man hatte erreicht, was man erreichen wollte; jetzt galt eS einem neuen Feinde, den ungehorsamen Völkern selbst, die auf Erfüllung jener kaiserlich - königlichen Verheißungen drangen. Zu die­sem Zwecke erhob sich über dem geknechteten Europa die Pentarchie, oder die heilige Allianz der fünf Hauptmächte, dieim Namen der allerheiligsten und untheilbaren Dreieinigkeit, im Namen der christlichen Religion, der Gerechtigkeit, der christlichen Bruderliebe und des Frie­dens" sich alsFamilienväter" undOberbrüder" verban­den, um sich gegenseitig die polizeiliche Ruhe und Ordnung ihrer Unterthanen zu garantiren. Zu diesem Zwecke dienten die Carlöbader Bestimmungen für Deutschland; zu diesem Zweck diente selbst die Bundesakte, wovon daS deutsche Volk die Gewährung der ver­heißenen Freiheit erwartet hatte.

Ganz dasselbe Schauspiel fürstlichen Meineids und Betrugs, wie in den Jahren 1813, 1814 und 1815 bietet unsere Gegenwart. Der zweite Akt der Wiedergeburt der deutschen Nation hat begonnen. Damals hatte der äußere Feind und die Noth der Fürsten die Verheißungeines aus dem ureignen Geist des deutschen Volkes" geborenen Vaterlands abgezwungen. Diesmal hat daö revolutionäre Volk selbst ihnen neue Zugeständnisse abgepreßt. Aber die Garan- t ie dafür, daS fürstliche Wort wurde diesmal so gut gebrochen, wie damals nach den s. g FreiheitSkämpfen, wie sich daS stets in alle Zukunft wiederholen wird, bis es keine fürftlidicn Worte mehr giebt, von deren Gnadcubrosamen edle Völker ein entwürdigtes Da- fein fristen müssen, bis diese letzte AdelScligue des ganzen Europas in daS Volk zurückgcnommen ist, dem sie jetzt auf den Köpfen tanzt.

Die M e t h o d e der Bewegungen in der Geschichte, in der gan­zen menschlichen Entwickelung bleibt immer dieselbe, während ihr In­halt stets neu, gewaltiger und göttlicher wird. Die Lüge der Spitz­buben, die Politik der Diplomatie wird unter ähnlichen Verhältnissen sich getreu wiederholen, die Methode des Lasters wird sich gleich bleiben, wie die der Tugend, so lange die Welt steht. DaS bedeu­tet der alte Spruch: giebt nichts Neues unter der Sonne!" Dieses ewig Alte sind die Naturgesetze, die der Ent­wickelung aller Dinge zu Grunde liegen, es ist die Logik der Ge­schichte. Die Geschichte selbst aber ist das Neue!

Die Hölle ist stets mit sich uneins gewesen und wird eS blei­ben. Ebenso bleibt sie unzertrennt verbündet im Kampf gegen daS Licht; gegen ihren gemeinsamen Fein d. ES ist allgemein bekannt, wie die Fürsten im Jahr 1814 und 1815 trotz aller Freundschaft und qller Feste auf dem Evngreß zu Wien jeden Augenblick auf dem Punkt

standen, sich den Krieg zu erklären. Ein Jeder dieser edlen Volks­freunde wollte sich die Tasche spicken, wollte Staaten und Völker schlucken, natürlich bloS, um sie höchst eigenhändig beglücken zu kön­nen. Oesterreich lechzte nach Italien, Rußland hungerte nach Polen, Preußen gierte nach Sachsen, England dürstete nach dem Weltmeer sammt feinen Ufern. Sie hatten Nichts gelernt und Nichts vergessen, außer ihre Versprechungen ans Volk. Ein fürstliches Gedächtniß ist vergleichbar dem eines kindischeu Alten, der daS Neueste vergißt, um sich in der Erinnerung an die entschwundene Jugendkraft glücklich zu träumen. Nur der Mangel an Geld, nur die Furcht vor der Unzufriedenheit der Völker ließ das Schwert in der Scheide, bis die Rückkehr Napoleons soll Elba sic ganz versöhnte.

Diese Hunde- und Katzenkomödie unter den Großmächten hatte ihre treue Copie unter den deutschen Fürsten insbesondere. Preußen und Oesterreich waren einig gegen Alle. Die Königreiche, Sachsen ausgenommen, waren mit den beiden Hauptmächten einig gegen die Uebrigen. Die klebrigen unter sich gegen die Ersten. Untereinander traute Keiner dem Andern. Preußen und Oesterreich hätten getheilt, wenn sie nicht aus gegenseitiger Mißgunst eS gelassen, und we^n nicht England drohende Miene gemacht hätte. Die Königreiche hätten am liebsten die Kleinen von jeder Stimme im Bunde ausgeschlossen, wenn diese nicht ein zu gräßliches Geschrei erhoben hätten, und wenn nicht die beiden Hauptmächte die Oberhand hätten behalten wollen. So ging der Hader vow-Dktâr. .t814 bis zum Juni 1815, wo sie endlich die Furcht vor Napoleon zum Ziel brachte. Zehn Entwürfe einer deutschen Verfassung wurden gemacht und verworfen. DaS ge­schmeidige Preußen allein legte 4 verschiedene Entwürfe vor. In diesen Entwürfen kamen alle die Pläne vor, die auch in den Jah­ren 48 und 49 ausgetaucht sind, ein Direktorium der S, eine KreiS- eintheilung mit Kreisobersten, ein gemeinschaftliches Direktorium von Oesterreich und Preußen :c. ; nur daS Kaiserthum, waS die Kleinen wünschten, wurde von vornherein für unmöglich erklärt. Dasselbe In. tereffe sucht nach denselben Formen! Der Unterschied zwischen heute und damals besteht darin, daß jetzt Oesterreich und Preußen zur Ver­ständigung kommen, nachdem sie die Kleinen einzeln für sich vktroyirt haben, während sie damals von vornherein einig waren, um gemein­schaftlich die Kleinen zu übertölpeln. DaS Endziel bleibt sich gleich, sie werden einig. Und das um so mehr, da ein neuer Faktor der Einigkeit hinzukommt, die R e v o l u t i o n deS Volkes. Hat sie schon die Furcht davor damals geeinigt, wird sie die That selbst noch enger verbünden. ES ist richtig, Preußen hatte diesmal seine e i g n e n Schliche. In Berlin spukte Friedrich 1 I. Aber daS ist vor­bei , seit Oesterreich aus Ungarn und Italien als Sieger zurückkehrte. Der Pfaffe Radowitz predigt in Berlin vor den Ohren der f ön i ßL Gewissenhaftigkeit jetzt daS einfache Gebetpater peccavi'

Die Männer von Gotha wollen die Geschichie kennen! So sehr, wie wir genöthigt sind, an dieser Behauptung zu zweifeln, so glauben wir doch, daß sie selbst bereits die Erfurter ReichötagSko- mödie für eine Far^e halten. Nur die Verzweiflung, nur daS Gefühl, spä'er unmöglich zu sein alS Partei, später ihre Auflösung durch den Uebergang in die Lager der Linken und Rechten erklären zu müssen nur diese trübe Zuversicht dikiirt ihnen all' die Heuchelei, all' den. jammervollen Kraftaufwand für eine im Voraus verlorene Sache!

* D e u t s ch l a li d.

Cassel, 29. Jan. Herr Carl Bernhardi, der bekannte glück- liche Segler um die Klippen der 183Uger Attentäter und auch auS- gerissener Reichstagsdeputirter hat zu Gunsten der Erfurter Wahlen einen Brief an die Thessalonicher der umliegenden Dörfer geschrieben»