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Dritter Jahrgang.
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HP* 2Ä. Kassel, Dienstag den 29. Januar 18AO.
Volk und Vaterland *)
Fallen wird das Gebäude des Wahns und der Willkürlichkeit, fallen muß es; es ist schon gefallen, sobald Du gewiß bist, daß es sich neigt; aber in dem innern, nicht blos in dem äußern Menschen muß es sich neigen.
. (Schiller, ästhetische Erziehung des Menschen, Ner Brief.)
An ihre Fersen wollen wir uns heften! — Im Gefolge der un- erbitterlichen Göttin der Strafe und der Vergeltung ihnen nacheilen auf ihren Jrrpfaden ; schlagen wollen wir sie mit ihren eignen Waffen. Wir meinen jene Hochmüthigen, die am Born der Wissenschaft ihre» Verstand getränkt, während sie ihr Herz verloren. Wir meinen jene dünkelhaften Seelen, die auf ihren Schultern daS Vaterland und die Nation zu tragen glauben, weil sie am Quell der deutschen Geschichte gesessen und Wasser in Bücher geschöpft, die daö Volk niemals gelesen. Wir meinen jene gelehrten Tröpfe und Zöpfe, die nach der Elle ihrer dürren Verstandesbildung den Jammer und den Jubel thatenberauschter Herzen abmessen, die nach ihren alten Compendien daS Schicksal und die Revolution eines jugendlich erwachenden Volkes zu schulen und zu Hofmeistern gedenken. Wir meinen jene alten Bonnen mit dem wackelnden, schüttelnden Haupt und dem zitternd warnenden Finger, unsere doktrinären Ammen ehemals in Frankfurt und nächstens in Erfurt — wcun'ö glückt. — Jammernd sitzen sie jetzt an den Strömen Babylons, d. h. in Gedanken; Alles geschieht bei ihnen in Gedanken, in Büchern, in Akten, schreib- und gesprächsweise — jammernd sitzen ft da und gedenken der Zeiten, die nicht mehr sind. Wie sie groß waren unter den Besten des Volkes, wie ihre Worte alâ Erangelium galten für alle stumpfen Seelen und Nachbeter, deren unmündiger Geist nur unter der Lehnsherrschaft fremder Autorität sein kümmerliches Dasein fristet. Und im brütenden Unmuth schleudern sie Stein auf Stein in Gedanken von sich und murmeln Flüche der Erbitterung. „Diesen Stein für euch, die ihr uns gepriesen und nun verlassen, aU wir alt unb matt geworden! " — „ Diesen Stein für euch, die ihr uns niemals geliebt und nun hasset und verfolgt!" — „Diesen Stein für dich, o Volk, das du uns niemals verstanden, nicht verstanden unsere Schmerzen; unsere Freuden, Volk ohne Liebe z um Vaterland!" — Daö ist der schwerste Stein, den sie von sich werfen, daü ist der härteste Fluch, den sie ausstoßcn. — Also das Volk hat keine Liebe zum Vaterland? — Warum nicht? — „ Weil eS gleichgültig fortzieht über daS Meer, weil eö nach kurzem Kampf erschlafft ist, weil eS seine Vorkämpfer, uns, die deutschen Professoren von Gotha, im Stiche läßt", so antworten die deutschen Professoren.
Armes duldendes Volk! Also zum Verrath, den sie an dir begangen, Häufen^sie noch Aluch nnd Verwünschungen. Wer hat sie ge- zählt, all die Thränen der Verzweiflung, wer hat gemessen all' den Jammer, unter dem tausend und tausend Herzen sich loSgerissen von der Heimath, vom Vaterland, um jenseits dcö Meeres zu suchen, was ihre Tyrannen ihnen versagt, waS ihre schweifwedelnden Vorkämpfer ihnen verspielt: Freiheit, Brod und Vaterland!? — Wer hat sein Blut geopfert für diese heilige Trias, wer bestieg im blinden Sturm deö überströmenden Gefühls die Barrikaden von Wien und Merlin, wer focht in der Volköschlacht am Neckar und am Rhein? ^aS Volk oder die deutschen Professoren? — Wer gab sein Leben , Befreiung, für die Schöpfung deS Vaterlands? — DaS -jo • — Wer lieferte Volk und Vaterland an die Despotie? Die Profestören, die Feiglinge von Gotha! — Ja freilich, ein solches a er an , wie es aus diesen Händen hervorgehn wird, ein solch' zerrißenes,. geknutetcö, entwürdigtes Vaterland ist fremd dem Herzen
*). Dclilsche Zeitung Nr. 23,.
des Volkes; ein solches Vaterland, das Vaterland der Wrangel und Windischgrätze, das Vaterland der königl. Gewissenhaftigkeit von Potsdam und deS gottbegnadeten Standrechts, ein solches Vaterland kennt das Volk nun und nimmer, und für sein blutiges Werk will eS weder Hand noch Fuß heben. — Sein Vaterland lebt ewig, ob es verloren scheint, in ihm selbst wohnt das Vaterland! — und sein Sieg über seine Unterdrücker und Verräther; die Stunde der Geburt seiner Freiheit ist auch die Geburtsstunde des in die Wirklichkeit eintretenden Vaterlands. — Bis dahin giebt es Domänen der Fürsten, giebt es Heimathsstädte und Länder, aber kein Deutschland! trotz Frankfurt und Gotha! —
Und wenn die Männer von Gotha glauben, durch Wort und Schrift daS ungestillte Verlangen der deutschen Herzen einlullen zu können, wenn sie im Besitz der Kraft zu sein glauben, waS ihr Lakaienverstand ersonnen, mit Sirenentönen den kindlichen Seelen der Menge einimpfen zu können, so fragen wir einfach, zu welcher Partei zählen jene Männer, die wie Schiller „ in der schaamhaften Stille deS Gemüths die siegende Wahrheit erzogen, die sie aus sich hcrauSge- stellt in der Schönheit, daß nicht blos der Gedanke ihr huldige, sondern auch der Sinn ihrer Erscheinung liebend ergreife?"^ — Zu welcher Partei zählen die Platen, die HerwegHS, die Freiligraths? — Arme trockene Schächer! Zu eurer Partei nun und nimmer! — Hierher! Zur Demokratie! Hie Schwert des Herrn und Gideon! — Wir wiederholen, wir dienen der Wahrheit — wir fügen hinzu, wir allein sind es, die dem Schiller'schen Grundsatz folgend den sittlichen Inhalt mit der göttlichen Form sinnge- winncnder Schönheit verbinden werden. Die Kunst und die Schönheit ist die Tochter der Harmonie. Aus der dürren Verstandesbildung erwächst niemals die deutsche Begeisterung deS SeherS und deS Dichters. Das Herz will auch dabei sein! — Auch in der unsterblichen Kunst, in dem Dienst der Schönheit gehört der Demokratie die Zukunft. Ihr gehört nicht blos der Verstand oder das Gemüth, ihr ge» hört der ganze, der harmonische Mensch der zukünftigen Zeit. Volk und Vaterland wird sie erfüllen mit ihrem begeisterten Kultus! Wohlan, Männer von Gotha! wohlan zum Wartburgsstreit. Der grämliche Dahlmann, der steife GervinuS, der polternde Welker im Dienst der Schönheit auf der Wartburg, von der sie's von Erfurt so nah' haben. ES wird lustig! —•
*) Schiller, ästhetische Erziehung, 9. Brief.
Deutschland.
Kassel, 27. Jan. — Seine königliche Hoheit, brr Kurfürst, haben am 26sien eine allerhöchste Ordre erlassen, worin die Kommandeurs der verschiedenen Militärabtheilungcn angewiesen werden, die Soldaten zu einem fleißigen Kirchenbesuch anzutreiben. — Die Sache hat ihr Gutes. Die Soldaten sind auf diese Art wenigstens Sonntags von den beliebten Inspektionen frei. Im Uebrigen hoffen wir, in der Kürze auch die Herren Referendare allsonntäglich wieder ihre rothen Gesangbücher spazieren führen zu sehen. Soldat ist Soldat!
X Marburg, 26. Jan. — „Und als Er niesete, niesele in Demuth die ganze Tafelrunde!" Der erste Verwaltungsbeamte, Hr. C. Rohde, dahier, hat mit der eigenthümlichen Begabung, mit dem er für Fürst und Minister begabt ist, den wetterleuchtenden Erlaß deS „Meisters von Hanau" ans das Land, b. h. an die Bürgermeister und deren Mitbürger colportirt. „ Es ist" — heißt eS in dem Begleitschreiben deö begabten Hrn. E. Rohde, Wohlgeboren, — »Zur Kenntniß des Unterzeichneten gelangt (waS so ein Mann nicht alles erfahrt!),, daß von einer Partei durch Ausbreitung von Flugschriften und sonstige Umtriebe, die Bewohner des Verwaltungsbezirks Marburg, aufgefsrderd