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Kassel, Sonntag den 27. Januar

Absolutismus zwingt, sich entweder mit nur berathenden Kammern oder wenigstens doch mit dem bloßen bürgerlichen Vollblut, mit den Baronen und Grafen der Börse zu umgeben. Die letztere Politik be­darf einiger Vorsicht.

Ueberall nämlich, wo der Mittelstand noch nicht in vollkommen getrennte Kasten zerfallen ist, wo also ein künstliches Zerspalten des­selben nichts anderes bedeuten würde, als die absichtliche Provocation der Eifersucht, deS Neides, deS HaffeS und der Rache, wird der Ab­solutismus es vorziehen, seine Volksvertretung zwar so viel als mög- lich auS allen Schattirungen des Mittelstandes zu nehmen, ihr aber nur ein sch einba re S Steuerbewilligungsrecht einzuräumen. Nur wo der Mittelstand bereits in sich zerbrochen ist, wo der sociale Kampf bereits unter der Asche glimmt, wird der Absolutismus es vielleicht für rathsam finden, seiner Kammer zwar daS Steuerbewilligungsrecht zuzugestehen, dafür aber den KreiS der Wahlberechtigten immer enger und enger zu ziehen.

Für den letzten Fall ist die Entwickelung dieser verzweifelten Nothwendigkeit vorgezeichnet. Die N^-vaS gesellschaftliche Elend wird tu immer kürzeren Perioden die untersten Kreise deS Mittel­standes der Revolution, dem demokratischen Fortschritt in die Arme stoßen, also in absolutistisches Deutsch übersetzt, auö der Reihe der tauglichen W äh ler auSstoßen. WaS früher der zweitletzte Kreis deS Mittelstandes war, wird nunmehr der letzte. Er wird der letzte blei- ben, bis auch er dem Schicksal seines Vorgängers verfällt, nämlich seines Wahlrechtes für verlustig erklärt wird.

Diese Entwickelung , einmal begonnen, wird mit riesenhafter Eile fortschreiten. Die erste Beschränkung deS allgemeinen Wahlrechts ist dem ersten Opiumgenusse zu vergleichen, mit dem man sich gegen die nackte Wahrheit der Gegenwart zu betäuben sucht. Dem ersten Genusse muß der zweite, stärkere, und der dritte, noch stärkere, folgen.

ES ist eine jesuitische, teuflische Ausrede, als solle die Beschrän- kung des Wahlrechts dazu dienen, die tüchtigsten Charaktere, die ehren- werthesten Männer, die Tugend und Sittlichkeit als Vertretung des Volkes zu gewinnen, die Ausrede bedarf keiner Widerlegung, ist, wie gesagt, teuflisch, sie schändet daS menschliche Ge­schlecht. Die Frage dcâ Wahlrechts ist nichts anderes, als das sociale Elend am Thermometer des Absolutismus, deS Eigennutzes. Je energischer hier die Ausdehnung der allgemeinen Noth angezeigt wird, desto -n-rg.scher wird dort die Beschränkung deS Wahlrechts betrieben! Der Absolutismus, der der Krone oder des Kapitals, rettet sich vor dem Proletariat, intern er es aus seinen Listen streicht, er verbietet dem Hunger daS Wort nnd glaubt ihn gestillt zu haben. Es gibt keinen Gott!" - heißt es bei Schiller wer will mir vorschwatzen, eS gäbe einen Gott?"

Wäre ter Untergang des Absolutismus nicht ohnedem gewiß, an der Geldfrage würde er sicher zu Grunde gehen. Wenn die Beschrän- kung deS Wahlrechts bis zu einem gewissen Punkte vor sich gegangen ist, wird eine weitere Beschränkung unmöglich sein. Die Kammern sind gezwungen, sich selbst, ihre eigenen Kollegen zu plündern, d. h. der Absolutismus ist gezwungen, auch den letzten Rest der Schein- Vertretung des Volkes aufzuheben. Und damit ist er gezwungen, Ban- etroa be moralischen, sondern den simplen, prosaischen Tankcrot eineswirklichen" Gewcrbtrcibendcn zu machen.

Der Geldpunkt, der Geldpunkt!

Kassel, 26. Jan. Unterhalten wir und zu unserer Er­götzung mit etwas Jammer der Konstitutionellen. Daâ alte kon­stitutionelle Klageweib Brüggemann in der Köln. Zeitung winselt gar zu kläglich! Es ruft sich zu:es ist höchste Zeit, daß wir unâ ermannen und besinnen!" Ja, ihr Herren, besinnt euch! Halt, wo bliebt ihr doch gleich stehen? Ach so, bei der Wahl nach Erfurt. Und nun fährt plötzlich ein Blitz auâ heiterm Himmel nieder,diese Hirn- und markoerzehrende Botschaft!" Welche bangeSchwüle!" Und sie hatten so inbrünstig um die Einlösung der königlichen Ber- Heißung gefleht, geschrien, alü ein Kindlein nach der Mutterbrust, wie Karl Bernhardi so klassisch alâ geistreich in der Kaff. Allg. be­kundet. Und nun doch diesen Schlag auf den gelehrten Schädel. Aber Courage! Bon Erfurt muß das Licht kommen. Von Jrrfurt der Heiland Deutschlands! Sonst behält Brüggemann Recht in Köln mit seinem prophetischen Jammer, sonst zerstört der Wahnsinn der rothen Reaktion den geliebten Bundesstaat, und in Deutschland wird schallen das Geschrei: H i e Rußlan d! hie Fr an kre ich!" Deutsch, land selbst wird kein Banner mehr haben und Preußen mitten entzwei gerissen werden!" O Kassandra von Köln, daß du in deiner grausigen Angst die Wahrheit sagen, endlich, endlich sagen mußt. Aber die Söhne des greisen Priamoâ und der alten Hekuba, die Kinder des welken KonftitutionaliSmuS sind taub für deine Wehklagen, ja selbst für deinen satyrischen Jammer über die lächerlichen gothischen Fidel­kommisse, deren Wiedereinführung du den wiederholten Prinzen Zer- bino nennst. Warum sollten deine lieben Geschwister auf dein Klag, geschrei lauschen, da du selbst nichts darauf gibst, und stets den Re- fraill hinzufugst: ceterum censeo nach Erfurt. Darauf der ganze tolle Chor: nach Erfurt! Hahaha! Kassandra-Brü g. gewann tröstet sich etwas an den Betrachtungen deâ englischen Spek- tators, der versichert, daS Interim sei lediglich der Schatten einer untergegangenen Macht. Also hat der oberflächliche Blitterö- dorf Unrecht, der dieses dunkle Wesen für den Embrio, für den An­satz einer nagelneuen't! Am süßesten aber, als wundstillender Balsam tönen ihr die Worte des Engländers: daßnur der per- sönliche Charakter des Königs von Preußen und ber Rathgeber, denen er sein Ohr leiht", dem Siege Preußens und des KonstitutivnaliSmuS hemmend im Wege stehen! Das ist daS alte Lied, und unter jedem Fürsten wird es neu. Immer ist der re­gierende Herr der Stein des Anstoßes, immer wird mit Schmerzen auf einen neuen, einen bessern Regenten gehofft. Bis er da ist. Dann fängt das Geheul von vorn an! Der Engländer im Spektator meint: es werde kaum möglich sein, eine a n st ä n d i g e Schaar von deutschen Volksvertretern nach Erfurt aufzubringen!" Da jam- mern sie aber Alle, die Klageweiber:wie, sind wir nicht anständig genug, gehen wir nicht hin?" Als ob nicht Rathen und Warnen noch in der elften Stunde hülfe!" Also doch schon in der elften Stunde! iso wird denn die zwölfte auch bald schlagen!

* KaNcl, 26. Jan. Das bekannte A auS Kassel in der Deutschen Zeitung hat nicht versäumt, die Gelegenheit beim Schopf zu fasten, um wieder einmal sein genealogisch-biographisches Schmäh- geklallch anzubringcn. Das Förster'sche Rundschreiben war die Ge- legcnhcit. Ich brauche blos aus diesem erbärmlichen Geschmiere zwei Stellen hervo>zuheben, um Ihnen kurz zu zeigen, von welchem gemei­nen Standpunkte aus dieser Herr A Zustände und Personen hcrnimmt. DaS Förster'sche Rundschreiben ist ihmein non plus ultra von demokratischer Branntweinbegeisterung"! In diesem ei­nen Ausdruck haben Sie den ganzen bornirlen, f. g. anständigen Hochmuth dieses konstitutionellen Schimpfmeisters. Dieser eine Ausdruck allein ist im Stande, die gepriesene Gesittung des Professoren-