Dritter Jahrgang.
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Kassel, Mittwoch den 23. Januar
1850.
Die königlich preußische Botschaft
an die oktroyirten prcußiÄ)cn Minoritätskammern.
2.
Die Bresche ist da. Durch die Bresche hindurch sind die mittelalterlichen Kohorten der Majestät von Preußen Sturm gelaufen, der Donner der königlichen Geschütze hat der konstitutionellen Partei die Augen geöffnet. So blind, so starrköpsig ist keiner dieser Tölpel, daß er auch setzt noch an die ehrliche Gesinnung des Königs von Preußen glaubte, daß er auch jetzt noch glaubte, die Contrerevolution sei an den Schranken des konstitutionellen Reiches stille gestanden.
Wohlan denn den Krieg! wohlan denn das Feldgeschrei: „Der König ist unehrlich, wir sind getäuscht, betrogen, in unserer Gut- müthigkeit verrathen!" Freilich, freilich, wenn die konstitutionelle Partei noch einen Funken von Ehrgefühl in der Brust hätte, müßte sie diesen Ruf ertönen lassen, müßte sie Agitatoren in ihre Heerlager senden, müßte sie der königlichen Erbweisheit die konstitutionelle Faust entgegenstrecken. Aber — und das ist der erste Punkt! — aber wo find diese Heerlager, wo ist die ungeheuere Mehrzahl deS deutschen Volks, mit der sich die Partei der Gothaer brüstete, wo ist dieser Kern der Gesellschaft, gegen den eine abermalige Reaction so ganz unmöglich sein sollte? Grollend, Verachtung und Hohnlachen im Auge, stehen die Demokraten da und sehen die Verräther der Revolution den Lohn ihrer Thaten ernten. Zu ihnen zurückzukehren, ihre Hülfe anzurufen, ist unmöglich. Die Demokraten würden auf ihre Wunden zeigen, auf das Blut, daS noch von den Schlachtfelder» raucht, sie würden an den ersten Jubel der Revolution erinnern und den bettelnden KonstitutionaliömuS mit Abscheu von sich weisen. Die Demokraten würden antworten: „Gehet hin zu jener ungeheuern Mehrzahl des Volkes, zu jenem Kern deS Volkes, von dem ihr so oft und so viel gesprochen habt, — die Demokratie will abwarten, bis ihre Zeit gekommen ist, bis ihr unter den Hufen der feindlichen Rosse zertreten seid."
Ein Zurückgehen auf die Gewalt würde die konstitutionelle Par- tei in ihrer ganzen Ohnmacht und Erbärmlichkeit, in ihrer ganzen bodenlosen Lächerlichkeit zeigen. Dao wußte die Erbweisheit von Preußen, als sie von dem geschmeichelten, belobten KonstitutionaliSmuS sich die Fülle der Executive wieder zuerkennen ließ,, als sie dann die Falstaffs der Revolution von den Demokraten zu trennen suchte und endlich die Hetze gegen daS demokratische „Gesindel" begann.
Verachtet, gehaßt, angospien von den Demokraten, verlacht, verspottet, düpirt von den Fürsten steht der schlaftrunkene Konstitutioua- liSmgS verlassen da, gefiütz. allein auf seine Redensarten, auf seine Versicherungen eines probaten Princips, auf seine Klagen über vcr- kannte Tugenden.
Von der zerspringenden Bombe der königlichen Botschaft sind diese konstitutionellen Strohrcnommisten wie angedonnert. Nur daS Wimmern und Zähneklappen verkündet der Welt, daß sie den Schlag gefühlt haben, daß er ihnen inS Herz gegangen ist, daß es mit ihnen zu Ende ist.
Wohlan denn, wenn ihr fallen müßt, fallt ehrenvoll! Zu feige, ein zu winziges Häuflein zu offenem Angriff, leistet wenigstens Widerstand , weisst die königliche Botschaft als eine Beschimpfung zyrück, zeigt wenigstens, daß nicht eure ganze Liebe zu euren Grundsätzen Heuchelei, Phrase, daü Geschwätz politischer Kannegießer war.
Aber nein! Die Verzettelung der Ehre — und daS ist der zweite Punkt! — beginnt nicht, ohne mit der totalen Ehrlosigkeit zu enden. Die deutschen Falstaffs haben sich dem ersten Beweise der höheren Erbweisheit nicht gefügt, um dem zweiten Beweise einen Gegenbeweis zu liefern. Wenn man nicht zu dumm ist, um eS zu
glauben; frech, verzweifelt, gedemüthigt genug ist man doch, eS zu lügen, noch einmal und noch einmal zn lügen: „Der König ist ehrlich, der König will die Konstitution, er will sie trotz aller Symptome des Gegentheils!" ES bleibt den Armen nichts anderes übrig. Sie haben die Erbweisheit nun einmal als Redacteur ihrer Principien anerkannt.
Die Verzweiflung ist zu Allem fähig. Bis an den Abgrund getrieben, hat die konstitutionelle Partei keinen anderen Ausweg, als beim bösen Spiele mit guter Miene die königlichen Bedingungen anzunehmen. Zwar erklärt das Ministerium Brandenburg nicht, daß diese Bedingungen die letzten konstitutionellen Fußtritte seien, zwar versichert es, „daß die Regierung es nicht darauf ankommen lassen könne, daß ihr die Volksvertretung hemmend in den Weg trete", aber die konstitutionellen Falstaffs lügen sich diese Versicherungen und Erklärungen vom Herzen weg: „Der König ist ehrlich, der König will die Konstitution! Es lebe die höhere Weisheit!"
Wahnsinniger Widerspruch ! Wer den Grund dieses Widerspruchs nicht kennte, würde die konstitutionelle Partei für eine Schaar wirklicher Tollhäusler halten, toll geworden durch daS vertracte Rafsine- mcnt ihres Systems, du-ch ihr Halsverrenken und Gliederbrechen, durch die verzweifelte Abmühuug, es dem grünen, ewig strömenden Leben einzuimpfen, durch die plötzliche Ueberzeugung, daß jeder Paragraph ihres Evangeliums in der Praxis alâ kindlicher Unverstand erscheine.
Der König von Preußen ist nicht ehrlich, nein! Ihr wißt eS, ihr habt das immer gewußt, ihr wißt eâ wenigstens vom Tage der königlichen Botschaft an. Ihr wißt, daß mit der königlichen Botschaft nur noch von der puren Despotie, von der blanken Tyrannei, von dem brutalen Säbelregiment die Rede sein kann. Euer Geschrei: „der König ist ehrlich, die Botschaft muß angenommen werden!" soll aber den König von dem letzten, entscheidenden Schritt abhalten, von der Vernichtung der Kammern, von dem — — — Zurückziehen deS Erfurter VereinS tages. DaS ist der Schlüssel des wahnsinnigen , hirnlosen Widerspruchs. Der König muß so lange der „Ehrliche" genannt werden, bis er das Parlament berufen hat, bis ihr im Verein mit den GagernS, Wassermännern, Sybelâ auf den Stühlen zu Erfurt sitzt.
Mag in Berlin verloren gehen, so- viel da will, in Erfurt soll es wiedergewonuen werden. Mit Gagern, Mathy und Bassermann verbunden soll daâ Hasardspiel von Neuem beginnen, in Erfmt wird die Kugel günstiger rollen, im Namen deâ deutschen Volks wird die preußische Verfassung vom Absolutismus zum Constilutionalismus bekehrt werden.. Der König von Preußen wird durch den Kaiser von Erfurt, die Erbweisheit durch den NeichSvorstand modisicirt werden. „Wär dieser Plan nicht so verflucht gescheidt, man war versucht,' ihn herzlich dumm zu nennen." Während die konstitutionellen Falstaffs den König von Preußen durch den Reichsvorstand z». knebeln gedenken hat Se. Maj. die beste Absicht, den Reichsvorstand durch den König von Preußen fesseln und nur dann daSUmgekehrte eintreten zu lassen wenn, woran gar nicht zu zweifeln ist, die Erfurter Feiglinge sich zu noch elenderen Concessionen verstehen, als die Berliner. Die schweinS.- lederucu Professoren sind grundschlechte Diplomaten.
Der Plan des Königs von Preußen ist. einfach: Die Berliner Kammern sind so total, discreditirt, durch die Nichtbethciliguug der Demokraten an der Wahl so halt- und bodenlos, durch ihr schrittweises Eingehen auf die. Contrerevolution so vollends verachtet unv zum Gespülte der Welt geworden, daß sie nicht unterlassen werden, auf jede Anmuthung deS Königs einzugehen. Sie werden um so- mehr darauf kingehen, da der König mit seinen Vorschlägen bis auf den letzten- Augenblick gewartet hat, bis z». dem Auger» blick, nämlich, wo das Erfurter Parlament zusammentrelen soll, wo also der Abschluß der prcu-