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Dritter Jahrgang.

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M^ 17.

Kassel, Sonntag den 20 Januar

Die sociale Demokratie.

Demokratie ist Herrschaft des Volks, der Gesammtheit der volljährigen Bürger. Sie ist der Gegensatz zu der Aristokra­tie, in welcher Einer oder ein Theil des Volks, edle Geschlechter oder ein Geldadel die Herrschaft hat. In der Demokratie geht zuletzt jedes Gesetz und alle Negierung auS dem Willen der Mehrheit aller gleichberechtigten, selbstständige» (d. h. aber volljährigen) Staats­bürger hervor, und eS ist Sache der Gesammtheit, sich diejenigen Formen der Negierung zu schaffen, unter welchen daS Leben der Staatsbürger sich am vollkommensten entwickeln kann. Die Grund­form des demokratischen Staates ist sehr einfach sie ist das höhere Abbild einer jeden Gesellschaft, eines jeden freien Vereins. Die Ge­sammtheit wählt einen Ausschuß auf bestimmte Zeit, der Ausschuß wählt eine Executive von bestimmter Dauer und seine gesetzgebende Thätigkeit entwickelt sich in steter Beziehung zu der Gesammtheit resp, der Bestätigung durch dieselbe. Jede andere Staatsform ist die Trübung dieser einfachen klaren Idee durch Unreife des Volks, Gewalt, List.

Eine solche demokratische Staatöform kann sich nur da halten, wo die gesellschaftlichen Zustände, die Bildung und die ma- serielle Existenz Aller gesichert sind, wo also die Freiheit und Gleichheit der Staatsbürger, welche die politische Grundlage ist, einen entsprechenden Lebensinhalt hat. Ist dieses nicht der Fall, so scheidet sich die Gesellschaft, und der eine Theil, in dessen Be­sitz die geistige und physische Macht ist, wird zur Herrschenden, die andere zur dienenden, unterdrückten, rechtlosen. Nun hängt aber die sociale Freiheit und Gleichheit (worunter nicht die abstrakte Gleich­heit des Besitzes u. s. w., sondern die stete Möglichkeit jedes Ein- zelncn, durch die Entwickelung seiner Arbeitskraft zu Besitz und Kapital zu^gelangen, zu verstehen ist) zum Theil ab von den ganzen Verhält­nißen, in welchem ein Volk steht; und während daher z. B. in den Nordamerikanischcn Freistaaten das System unbeschränkter Gewerbe­freiheit noch verträglich ist mit einer wenigstens zum größten Theile demokratischen Staatöform, so ist dieses in Europa anders, dahier, wenigstens in den gebildetsten Staaten, die Bevölkerung bereits in einem solchen Verhältniß zu der Naturkraft und dem ganzen System der freien Konkurrenz steht, daß nur durch eine sociale Ordnung die Freiheit und Gleichheit Aller vermittelt werden kann. Dieses bedeutet daher im eigentlichen Sinne der Ausdruck: sociale De­mokratie, sie ist die durch eine neue Ordnung der Gesellschaft be­gründete volköhcrrschaftliche Staatsform, oder die allgemeine VolkS- hcrrschast, welche sich eine entsprechende Ordnung der Gesellschaft schaffen und sich dadurch eine feste Grundlage geben und zugleich alle Einzelnen aus der Noth erlösen will. Faßt man daher daâ Chri­stenthum als ein Prinzip der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen, so ist offenbar die sociale Demokratie seine eigentliche Verwirklichung, und eS muß andere Gründe haben, als die der Wahrheit und Ueberzeugung, wenn ein Christ die absolute Berechti­gung der socialen Demokratie nicht anerkennen will.

Betrachten wir nun, wie sich in Europa die letztere auS ihren gc s ch i ch t l i ch c n V o r a u S sc tz u n g c n entwickelt: so war bekanntlich der erste mittelalterliche Zustand der deS Lehns - und Zunftwesens. Das war eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung, eine Gliederung unö cm Schutz der Einzelnen durch feste Kreise, aber auf der Grnnd- lage der U n fr e ihei t,der Abhängigkeit und kastcnartigcn Abschließung. ~ i-'11 Zustünd wurde endlich mehr und mehr gelös't und gesprengt, namentlich mit einem großen Schlag in Frankreich (1789), und entfesselt begannen die Kräfte der Einzelnen sich zu entwickeln. Die freie Concurrenz, die Gewerbefreihcit wurde daS System Euro-

1830.

pa's, an der Spitze England und Frankreich, und durch daS Maschi­nen- und Fabrikwesen ist dieses System auf eine schwindelnde Höhe getrieben. Das Resultat war, daß die Bevölkerung schneller stieg, ein wuchernder Kapital- und Geldadell sich ausbildete, und ihm gegen­über eine wenig oder nichts besitzende Masse (jetzt Stadt- und Land- Proletariat) immer ungeheurer aufkeimte, während zugleich die Be­sitzenden sich untereinander mit der Macht deS Kapitals bekämpfen und vernichten, und momentane Uebersetzung der Gewerbe Alle durch Alle zu Grunde richtet. Der Mittelstand, diese gediegene Form des Daseins, weil in ihm Arbeitskraft und Kapital sich noch in der redlichsten Weise durchdringen und aus einander entwickeln, lös't sich mehr und mehr nach beiden Seiten hin auf, wie dieses in England schon in der kolossalsten Weise eingetreten ist. Und in dieses sociale Getreide hineingestellt, kann selbst der edelste Mensch sich nicht von ihm befreien. So würde z. B. der menschenfreundliche Fabrikherr, welcher seinen Arbeitern zum Kapital gern verhelfen möchte, in diesem Streben seinen Concurrenten gegenüber zu Grunde gerichtet werden. DaS Kapital muß immer weiter wuchern, um daS Geschäft zu halten; und auch so springt es, wenn die Zeiten der kommerziellen Krisen kommen.

Diesem System der freien Concurrenz gegenüber hat sich nun, weil seine unseligen Folgen immer allgemeiner fühlbar werden, der Gedanke und auch der Versuch einer neuen Ordnung der Gesell­schaft entwickelt. Im reinen Gegensatz zu der unbeschränkten Gewerbs­freiheit des Einzelnen hat der Co mmuniSinus die Gesammt­heit, die Gesellschaft zum alleinigen Kapitalisten gemacht, und allen Einzelnen ihre Productionen innerhalb dieser Grundlage ange­wiesen , ohne daß jemals der Einzelne zu einem andern als nur mo­mentanen Besitze gelange. In feiner äußersten Conseguenz hat er mit dem Eigenthum auch die Familie aufgehoben und läßt für Alles die Gesellschaft sorgen. Er ist zu betrachten, wie die Auflösung alles Besonderen, Festeren in ein großes Meer, in welchem alle Tropfen und Wellen nur momentan bestehen und sich sofort wieder auflösen. Jeder lebt nur im All, in der Unendlichkeit.

Allein der CommuniSmuS ist nur zu betrachten als die ab­strakte Idee, welche dem selbstsüchtigen Einzelnen gegenübersteht, als das Wederbewußtwerden der Gesammtheit, in welcher die Einzelnen getragen werden, als das Ausflammen des allgemeinen Fa­miliengeistes, in welchem alle Menschen stehen. Es muß, ihm gegen­über, ebensosehr das Recht des freien Individuums geltend ge­macht werden; seine unterschiedslose Gleichheit muß durch die Freiheit der natürlich unterschiedenen Individuen gegliedert und belebt werden, so daß die Beziehungen des Einzelnen zu der Gesammtheit und zu sich selbst in Harmonie sich vereinigen. Das wird geschehen, wenn die sich entfaltende Arbeitskraft deS Ein­zelnen vermöge der Gesetze der Gesellschaft und ihrer Einrich­tungen mit Sicherheit zum Besitz und Kapital gelangen kann und alles unredliche und wuchernde Wesen der freien Concurrenz auS- geschieden wird. Eine solche Ordnung der Gesellschaft ist die wahre Aufgabe der socialen Demokratie; nicht als ob jene mit Einem Schlage für alle Zeiten gegründet werden könnte, sondern so, daß die Gesetze eines solchen Systems gegründet und damit auch zur Sitte, zum sittlichen Bewußtsein werden, und in diesen Gesetzen sich DaS Leben fortentwickelt. Daß hiermit unser jetziges Geld-, Steuer-, Gewerbe-, Erziehungswcsen sich umwandelt, rersteht sich von selbst.

Nun ist aber klar, daß eine solche sociale Reform nur auf dem Boden der politischen Demokratie möglich ist. Denn die Aristokratie zeugt Aristokratie, ddr Geldadel den Geldadel; und so sehr ist die Bourgeoisie in den alten Vorstellungen befangen, daß ein großer Theil von ihr, wie selbst ein Gnizot, Thiers u. s. W»