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traten Brandenburg und Manteuffel zum ersten Mal rein als Abgeordnete der Krone und als deren Vertreter auf; gegen den Willen der Nationalversammlung nahmen sie ihren Platz ein, gegen den Willen deS preußischen Volkes behielten sie ihn, nur an der „gesetzlichen" Schlaffheit eines Unruh und seiner Genossen scheiterte die große Bewegung, der sie unbedingt zum Opfer gefallen wären. — Dieß Bekenntniß abzulegen, wollen wir jetzt am allerwenigsten anstehen. Nun oktroyirte daS Ministerium, nachdem den demüthigen Konstitutionellen eine sogenannte freisinnige Verfassung zum Schein hingeworfen war, eine Menge von s. g. organischen Gesetzen, die sämmtlich einen eigenthümlichen Geist athmeten, den des erleuchteten Bureaukratiömus, wie er die Seele der Brandenburg-Manteuffel'schen Politik ist, und wie man ihn jetzt zur Stunde im glücklichen Oesterreich zur vollendetsten Ausbildung bringt. In dien diesen Gesetzen wurden auf beschränkter Grundlage Behörden auf Behörden aufgebaut, von denen eine immer aus der niederen hervorgegangen der unteren Befehle diktirt, und über denen endlich, wie der Geist Gottes über deu Wassern, die Allweisheit der Manteuffelschen Doktrin schwebt, der Inbegriff aller Vollkommenheit. Diese bureaukratisch- centrali-, sirende Idee zieht sich durch daS Gemeinde-, Gewerbe-, Justizgesetz durch die Regelung der Wahlverhältnisse u. s. w.; sie ist von den inneren Zuständen Preußens auch auf die deutsche Politik übertragen worden, und hat ihren Höhepunkt in der Idee eines engeren Bundesstaats erreicht. Eine Vereinigung von Staaten zu schaffen, die, im Innern der preußischen Glückseligkeit möglichst theilhaftig, Schicht auf Schicht übereinander gepackt wären, und über denen das schwarzweiße Banner zu Schutz und Schirm wehte — das war daS Ideal der Manteuffelschen Politik, das biö in den Sommer 1849 hinein mit größter^Konsequenz angestrebt wurde. Bald nach der Eröffnung unserer bewundernswürdigen Kammer» jedoch begann ein leiser Mißton durch die Manteuffel- sche Sphärenharmonie zu klingen, ein treuer Bundesgenosse siel nach dem andern ab, und so sehr sich die Regierungsorgane Mühe gaben, Gläubigen und Ungläubigen die Festigkeit und das Verharren der Minister bei ihrem Prinzipe vorzudemonstriren, so konnte es doch die bereits gesunkene Macht der ministeriellen Partei nicht verhindern, daß Herr v. Bülow in der ersten und später Radowitz in der zweiten Kammer trotz allen Betheuerungen, daß die Regierung energisch auf dem einmal betretenen Wege fortfahren würbe, auch die „Möglichkeit" in Aussicht stellten, daß daö Einheitö- werk an dem Starrsinn einiger abgefallenen deutschen Mächte scheitern könne. Von diesem Wendepunkt ab begann ein solches Laviren, ein solches Zaudern und ein solches Hinhalten in der deutschen Frage, daß jedem Unparteiischen klar werden mußte, eine zweite, größere Macht habe sich des StaatöruderS bemächtigt und wirke im Geheimen den Plänen des widerstrebenden Ministeriums entgegen. Die Revision der Verfassung war zwar größtenteils im Sinne des Ministeriums entschieden, allein über einige Hauptpunkte, z. B. über die Zusammensetzung der ersten Kammer, welche die Krone als Asyl für die Nachkömmlinge der alten Raubritter, gewöhnlich PairS genannt, Manteuffel dagegen als eine Ruhestätte für die Vertreter der Interessen angesehen wissen wollte, war man noch gar nicht zu einem festen Beschlusse gediehen, und die erwähnte mächtige Partei arbeitete unermüdlich für die Krone, also auch für ihre eigenen geheifigten Rechte fort. Dazu kam daS offene und energische Auftreten der Habsburger gegen die Bildung eines engeren Bundesstaates, man drohte sogar mit den Waffen — kurz, eö trat der Augenblick ein, in dem eö sich um daS Sein oder Nichtsein des bisherigen Ministeriums handelte. Gegen die Manteuffelschen Grundsätze in Betreff der Verfassung war die ganze Partei der Neuen Preußischen, mit ihren Vertretern Arnim, Boitzenburg, Gerlach, S t a h l, K l c i st v. R e tz o w, Bismark-Schön- Hausen, gegen die deutsche Politik deâ Ministeriums dieselbe Partei, die überhaupt von einer Vereinigung mit anderen deutschen Staaten gar nichts wissen will, die Preußen auf den Standpunkt vor dem März 1848 zurückführen will, die mit Oesterreich Hand in Hand zur Ausrottung der revolutionären Prinzipien geht, und die ihren ersten Triumph in der Einsetzung des Interims feierte. Arnim ward, da Manteuffel sich weigerte, die Pläne der Gerlach- schen Partei auszuführen, zum König berufen, und mit ihm über die Bildung eines neuen KabinetS unterhandelt. Die Ministerkrisis mit ihren Schwankungen dauerte fort (f. die früheren Briefe). — Endlich, heißt eS, habe sie ihr Ende erreicht. Manteuffel hat einige Konzessionen gemacht und sich dadurch vorläufig auf dem Ministersitz erhalten. Dadurch ist die Sache natürlich nicht erledigt. Zwar tritt daS Ministerium jetzt stärker alö je mit allen denjenigen Grundsätzen auf, die biöjetzt seine Politik geleitet haben; so zuerst mit dem Zusammentreten deS Erfurter Reichstags. Aber der Partei
Gerlach's wird es sehr bald gelingen, die Krone zu solchen Än- forderungen an das jetzige Ministerium zu bewegen, daß dieses — so nachgiebig eö bis jetzt gewesen und so wenig es darauf bedacht gewesen ist, seine Ehre(!) wahrzunehmen — sich gezwungen sehen wird, entweder ganz zu Dienern der Junkerpartei herabzusinken, oder abzutreten. Das Letztere ist das Wahrscheinlichere; denn die For- dernngen werden so gestellt werden, daß die Neuen Preußischen verhaßten liberalen Novembermänner nicht werden bleiben können. Das Schimpfen der „Deutschen Reform" auf den für jetzt noch unterlegenen Feind kann Niemanden täuschen. ES ist wahr, für den Augenblick sind die Minister noch da; sie suchen ihre Gegenwart durch die heftigsten Ausfälle gegen die „rothe Reaktion" bemerkbar zu machen — aber es ist daS letzte Aufflackern der verlöschenden Kerze, noch in diesem Monat können wir ein Ministerium Arnim erleben. Die Vorbereitungen, unS seine Maßregeln weniger fühlbar zu machen, werden schon getroffen. Ein großer StrafgcrichtS hof *) wird ins Leben treten, der alle politischen Verbrecher aburtheilen wird. Die Geschworenen sind zu nachsichtig, man muß andere Mittel ergreifen. Außerdem sehen wir von Frankfurt auS dem Verbot aller politischen ClubbS entgegen, und ein dito Verbot gegen die Presse wird nicht auf sich warten lassen. Man gedenkt jetzt, mit Sicherheit die letzten Trümpfe auSzuspielen, mehr als Könige aber haben die Herren nicht, und daS Aß schlägt den König. Wir wollen abwarten, wie weit man eö treibt; durch daö Auftreten der G er la ch'schen Partei wird unser Handeln einfacher, als wenn der Doktrinarismus Manteuffels am Ruder bliebe.
*) Die Neuhessische verkündet diese neue Centraluntersuchungèbehorde mit lautem Jubel! D ic Red.
Das Schullehrerscminar zu Homberg.
IV.
3) Erziehung. Erziehung? Und was für eine Erziehung,— wie man sie sonst nirgends kennt, ächt seminaristisch-pietistische Hom- berger, erste Qualität. Dem Direktor liegt natürlich in erster Person die Thätigkeit ob. Gewöhnlich glaubt man, wer erziehen will, muß selbst erzogen sein. Hier ist keine Rede davon; dennoch werden Wunderwerke geleistet; nicht durch gutes Beispiel; — „ thut nach ihren Worten, nicht nach ihren Werken", steht in der Homberg er Bibelausgabe. — Woher soll ein guteö Beispiel kommen, woher soll Liebe, Achtung und Verehrung entstehen? — Oder sollten der Widerspruch zwischen Wort und That, die Rohheit und die Grobheit Leiter einer guten Erziehung sein können?
Alle diese Scrupel lösen sich sofort, wenn man weiß, was eigentlich Homberger Erziehung bedeutet.
Sie heißt Tödtung deS — Selbstbewußtseins, Un t erd rü ckung jeder eignen Kiaftäußerung, sie bedeutet unbedingter, blinder, ftla- vifcher Gehorsam. Deßhalb dieses anmaßende Du-Nennen, diese rohe Behandlung, dieses Schimpfen mit dummen Jungen, SchaafSkopf, Dummkopf 2C., diese geringschätzende, bedientenmäßige Behandlung in Gegenwart dritter Personen, dieses Ueberwachen der kleinsten Handlung erwachsener Leute vom Aufstehn bis zum Bettgehn, dieses vor Allem wohlorgauisirte Spionirsystem. In jeder Klasse ist ein Klassenaufsichter, der jede Kleinigkeit bei strengster Strafe anzeigen muß, jeder Einzelne ist gehalten, alles Gesehene, waö gegen Scminarord- nungen anstößt, anzuzeigen, und wehe dem, welcher sich weigert, den Verräther zu spielen. Zu allem Ueberfluß sind auch noch drei HülfS- lehrer mit Beaufsichtigung der Seminaristen betraut, und der wird aus die Gnadenbezeugungen seiner Herren und Meister warten können, der nicht Proben seines Dennnciantengeschicks ablegt, Und wie oft schleichen die Lehrer wie die Katzen in die Klassenzimmer, um unbemerkt auf die geführte Unterhaltung zu horchen. Nach Kommando wird aufgestanden, sich angekleidet, gewaschen, gekämmt, Stiefeln geputzt, gearbeitet, gegessen, getrunken, gebetet und sich ins Bett gelegt. Kein Seminarist darf nach neun Uhr Abends noch aufbleiben, um zu arbeiten. Will er in die Stadt, so muß er zuvor fragen, geht er auö, so geschieht's klassenwciö unter Aufsicht, oder zu drei und drei. Kann ein Jesnitenkollegium besser geregelt, ein Polizeistaat besser organisirt sein? Und das wagen diese Menschen „Erziehung" zu nennen. So verlieren diese Seminarzöglinge alle Achtung vor sich selbst, verlernen den Gebrauch deS freien Willens und verknöchern an Leib und Seele. Selbstbewußtsein, eine eigne Ansicht haben und diese auch nur auf die bescheidenste Weise vertheidigen, sind Kriminalverbrechen eines Seminaristen. Wie immer, ist diesen Formmenschen, diesen Heuchlern die äußerliche Demuth daö Höchste. Aufrechter Gang ist eine Todsünde. Gesenkter Kopf, gefaltete Hände, verdrehte Augen, mit passendem Geberdenspiel kriechende Unterwürfigkeit und