Dritter Jahrgang.
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Kassel, Freitag den 11. Januar
ISW.
Die Drei und ein halb Dutzend.
Die rechte Seite der Ständekammer, mit Ausnahme der HH. Eissengarthen, Lederer rc., der ganze kurhessische Preßvcrcin, mit Ausnahme des Hrn. Luckhardt re. , und ein paar Zuthaten für die Ausnahmen, unter andern der Mitredactcur des „konstitutionellen Organs", im Ganzen drei und ein halb Dutzend Herren, haben dem Aufruf der Demokraten einen Aufruf der „bewährten Männer" folgen lassen.
Im Namen der „Einheit, Festigkeit, Macht, Freiheit und Wohl- fahrt" fordern sie ihre Gesinnungsgenossen auf, die schöne Gelegenheit nicht zu verpassen, sondern zuzugreifen und die hohen Güter einzusacken', die durch die Gnade der Fürsten „dem deutschen Volke nicht länger vorenthalten bleiben sollen". Die Herrlichkeiten des Himmels liegen parat, — rufen die Drei und ein halb Dutzend — „eS kommt nur darauf an, daß das Volk sie annehme".
Bequemer kann man'ö nicht haben. Wenn daS deutsche Volk diesmal nicht zufaßt, so hat es sich das Unglück der kommenden Tage selbst zuzuschreiben, so ist es werth, mit Ruthen gepeischt, wie gewöhnlich gehauen und geknutet zu werden. Die Fürsten bieten die immer gütige Hand zum letzten Mal, — „ hört eS, ihr Völker, und wälzt euch im Staube!" Allerdings geht ein altes Sprüchwort, daß nichts gefährlicher sei, als die Freundlichkeit und Leutseligkeit gewisser Herren, daß ein Lächeln auf gewissen Lippen der Regel nach Donnerschläge und Hagelwetter bedeute, — die „bewährten Männer" versichern aber, daß dem nicht so sei, — „greift zu" — rufen sie, — „begreift die unermeßliche Bedeutung dieser Tage", nehmet, was ihr kriegen könnt, kn bloc, ohne Auswahl, die Fürsten halten Ausverkauf, ramscht also, so lange eS noch Zeit ist.
Wenn die Fürsten dem Volke eine Ucberraschung bereiten wollten, so bestand sie erfahrungömäßig bisher in Spitzkugeln und Shrapnels, in Ausnahmegesetzen und Belagerungszuständen, in CentraluntersuchungS» comniissionen und Polizeidienern, in Censur und Verhaftungen, überhaupt in Gewaltthaten und Plünderungen, — — die Welt hat sich umgc- dreht, die Fürsten haben die verborgenen Schätze ihres Herzens geöffnet und laden die Völker zur Theilung der Welt ein. „Greift zu", rufen die Drei und ein halb Dutzend, — „des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder."
Die „bewährten Männer" sind flink wie immer. Sie waren flink auf dem Platze und eben so flink verschwunden, sie waren eilig in Frankfurt und eilig wieder fort, sie waren hnrlig in Gotha und schnell wieder zu HauS. „Nach Erfurt" ■— rufen die Drei und ein halb Dutzend — „in Erfurt ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit und — — — die preußischen Kanonen". Greift zu! Eilt euch! „Marktet nicht in Erfurt, feilscht nicht um eure Rechte, macht die splendiden Fürsten nicht abermals unwillig, seid dankbar und artig, auf daß euch nicht der Schatz der fürstlichen Herzen vor der Nase wieder zugeschlagen wird. Seid schnell und verwegen!"
Mitbürger! — rufen die flinken Drei und ein halb Dutzend! — wählt, und wählt so, „daß eure Vertreter für sofortige und vollständige Annahme der dargcbotcncn Verfassung sind", für das blödsinnige Wahlgesetz, für die Beschränkung der Presse durch Kautionen re. , für die Sicherheit, die gegenüber dem Vereinsrecht nothwendig ist, für Friedrich Wilhelm IV. und Fürstencolleg, für Himmel und Hölle, für Gott und den Satan. „Greist zu, die Verfassung ist gut, im Allgemeinen, daS Schlechte muß in den Kauf genommen werden." Eilt euch!
Greift zu, denn das Volk „ist unfähig, neue Bedrückungen zu leiden, aber auch außer Stande, neue Revolutionen zu ertragen." Bhne Aufruhr und Anstrengung, in aller Ruhe und Ordnung, sollt ihr ein Ziel erreichen, das die kühnste Phantasie der „bewährten Män- uer" vor zwei Jahren „dahinten" ließ. Ihr braucht keine Knittel
und Bajonette, ihr braucht keinen neuen März, keinen Zeughaussturm und kein Demagogengeschrei, die Fürsten steigen freiwillig von ihren Thronen und setzen sich auf die Schwelle eures Nationaltemvels. Die Herren sind langmüthig und von Herzen demüthig. Verpaßt also den Augenblick nicht, die Fürsten offeriren euch „Einheit, Festigkeit, Macht, Freiheit und Wohlfahrt". Greift zu!
Mitbürger! — rufen die flinken Drei und ein halb Dutzend, die Springer von Hessen, — für das Zugreifen spricht der Beifall unserer Ständekammer, — über ein Drittel der Kammer hat Protest irt!!! — für das Zugreifen spricht daS „tiefe Bedürfniß des deutschen Volkes", das keine Revolutionen und keine Bedrückungen ertragen kann, daS also alles so lange ertragen kann, bis ein Gott vom Himmel oder ein Fürst mit der Freiheit in der Tasche vom Throne steigt, das keinen Finger rühren, wohl aber auf allerhöchsten Befehl nach Erfurt kutschiren und von dort die Braut heimholen will, daS gute Volk! — für uns streitet der „Patriotismus der kurhessischen Regierung", die zu Frankfurt geschworen und von Frankfurt abgefallen ist, die mitgelaufen ist, wohin das deutsche Volk von seinen Tyrannen beschieden worden, die gute Regierung! — für uns streitet „daS Zeugniß unserer bewährtesten Männer", der meineidigen, wortbrüchigen Eagern, Vassermänner, Mathy'S und Welcker'ö, die guten Männer! — für uns streitet die Versicherung der Demokraten, „daß auch Oesterreich und die Könige das Erfikrtcr Parlament nicht wollen", die Versicherung also, daß daS ganze Parlament eine Comödie, fürstlicher Lug und Trug, daS Werk der preußischen Sonderintereffen ist, die gute Comödie! Das Alles streitet für und.
„Mitbürger!" — rufen schließlich die flinken Drei und ein halb Dutzend — „ große Geschicke wollen sich erfüllen. Die Gelegenheit dazu, einmal verscherzt und leichtsinnig vergeudet, kehrt vielleicht niemals wieder." Greift zu, eine Revolution könnt ihr nicht machen, nehmt also, waS euch die allgütigen Fürsten zu offeriren die Gnade haben."
Mitbürger! Greift zu, um's Himmelswillcn, greift zu!
Die Drei und ein halb Dutzend.
Deutschland.
O Kassel, 9. Jan. - Man ist längst gewöhnt, Anträge, welche von der Linken auSgehn, in unserer Ständekammer verworfen zu sehn. Die Regierung blast zum Signal und die Mehrheit weisst zurück. Ein würdiges Benehmen einer Volkskammer, diese Drehkrankheit — einer Samenblume nach ihrer Sonne. — Aber sich da, heute ist das Band gesprungen, welches diese Herren zu gemeinsamem Wirken verband, und Alles fällt auseinander. Warum halfen heute unsere der Mehrheit abgefallenen Höchstbesteuerten der Linken in Verwer fun g der beidenGesetzanträge wegen Einführung d e r p r e u ß t s ch e n Bra n u t w c i n b e st e u e r u n g? — Warum thaten sie der Regierung nicht den Gefallen, den Familienbandwurm zu retten, warum gaben sie den kredenzten preußischen Kasinobranntwein unberührt zurück? — Der Grund liegt einfach darin, daß auch Höchstbefleuerten Gedanken zuweilen vor dem nackten Bureau- ki atiSmuS zurückschaudern. Die Antizipation des preußischen Wirth- schaftszuschnittS fallt ihnen auf die Nerven, die ministerielle Kommission für Gesetzentwürfe wird ihnen unangenehm. — WaS soll das Volk nun gar von diesen Gesetzvorlagen halten, die entweder Lüge oder Fmanzspekulation sind, und daS in einer 3?üA wo Jeder an der öffentlichen Wohlfahrt verzweifelt, und wo nur die Weisheit der Gesetzgebung uns zu retten vermag. Und diese Kommission will uns durch Kunstgärtnerei in vormärzlich-holländischem Style surften? — Gesunde Speise gebt unS — aber dazu seid ihr selbst zu verkrüppelt, im alten BurcaukratiSmuS! —