Einzelbild herunterladen
 

Dritter Jahrgang.

Erscheint täglich, Montags ausgenom­men Vierteljährlicher Abonnementspreis 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Ex­pedition (obere Entengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr.

Äs «

Durch alle Postämter zu beziehen. Inse­rate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr., bei wiederholter Einrückung 6 Hlr. Abonnen­ten erhalten 25 pEl. Rabatt.

Beschluß und Aufruf des demokratisch-sozialen Vereins zu Kassel an alle Demokraten Kurheffens.

1) Da eine Wahl nach Erfurt zum preußischen Vereinstag, wie eine jede Betheiligung an dem Sonderbund und preußischen Verfassungswerk Verrath an der Volkssouveränetät und an den in der Frankfurter Reichsverfassung, den Grundrechten und in der­selben Verfassung bereits gewährten Freiheiten ist: - so beschließt der demokratisch-soziale Verein zu Kassel, an der Wahl nach Erfurt keinen Theil zu nehmen.

2) Dieser Beschluß wird veröffentlicht mit dem Aufruf an die Demokratie Kurhessens, durch Nichtbetheiligung au der Wahl nach Erfurt, unserm Protest gegen den preußischen Vereinstag dortselbst beizutreten.

Das Konnte des demokratisch-sozialen Vereins.

G. Kellner. Heise. Muhm. Dedolph. A. Raabe, v. Ditfurth.

Holstein. Espe.

Der Staat sind wir."

Der Kampf zwischen Freiheit und Knechtschaft, Recht und Vor­recht, zwischen dem heidnischen und christlichen Menschen ist nicht etwa ein Kampf der kommenden Tage, sondern wir stehen bereits mitten darin; an tausend Enden, in der Wissenschaft und im Leben ist er schon entbrannt, zu Gunsten der neuen Zeit, zu Gunsten der Demokratie entschieden. Die Demokratie hat sich nicht erst einen Platz auf dem Felde zu erobern, sie hat bereits ihre Positionen genommen, sie rüstet sich bereits zur letzten, entscheidenden Schlacht.

Einer jener Punkte, um die sich der Streit seit Jahren bewegt, ist die Auffassung des Staates.

Der Staat bin ich!" Daâ. ist die kurze, bündige Fassung deS mittelalterlichen Staates, deS StaateS der Privatrechte, der Mo­nopole, Privilegien, der Kasten und Leibeignen, der Herrschaft an Land und Leuten, der Ausbeutung deS Menschen als einer Sache. Der Staat bin ich!" ist nicht etwa der AuSruf des fürstlichen UebermuthS und Trotzes, nicht etwa die Phrase eines überspannten BourbonS, sondern es ist der kurze Ausdruck der Dynastien überhaupt, es bedeutet daS Bewußtsein des Stärkeren, die heidnische Brutalität, den Hochmuth deS Besitzes, deâ usurpirten BodenS, mit dem die Menschen zugleich erobert sind, dem die Menschen angehören, wie daS Wild, die Bäume, die Luft.

Der Staat sind wir!" DaS ist die zornige Herausforderung von Seiten der erwachten Wahrheit, von Seiten der Freiheit, der Gleichberechtigung, der neuen Zeit, von Seiten der Demokratie. Der Staat sind wir!" ist nicht etwa der Ausspruch eines fran­zösischen Denkerâ , die Schwärmerei eines Rousseau , sondern es bedeutet den Sklaven, der seine Ketten zerbricht, bedeutet den Wuth­schrei über die Benutzung, die Ausbeutung des Menschen, den Wuth­schrei gegen die Anmaßung eines Dynasten, gegen die Herrschaft der Menschen über die Menschen, gegen den Wahnsinn deS auSschließ. lichen Besitzes, gegen alle Privilegien, Monopole, auf politischem wie auf socialem Felve.

Der Staat bin ich!"Der Staat sind wir!" Hie Welf, hie Waiblinger, hier daè Mittelalter und hier die neue Zeit, hier die Aristokratie und hier die Demokratie. Von jener Seite die Be­hauptung der ewigen Unmündigkeit deS Volks, der ewigen Nothwen­digkeit euicS Zwingherrn, eines Vormunds, von dieser L>eite die Be- Hauptung, daß keine Macht der Erde daS Recht habe, zwischen den Willen und die That des Volkes ihre Hand zu legen daß die Ration,

sich selbst bestimme, daß sie der Schmied ihres Glücks und Unglücks, daß ihr Wille daS einzige Gesetz, das einzige Recht sei, daö Geltung habe. Von jener Seile die Forderung der Ruhe und Ordnung, der Stabilität, des ungestörten Besitzes und Genusses, von dieser Seite der Anspruch auf ewige Lebendigkeit, ewige Zersetzung und Neubil­dung, auf die Revolution.

Zwischen dem Absolutismus und der Demokratie gibt es so wenig eine Versöhnung, wie zwischen Feuer und Wasser, zwischen Himmel und Hölle. Immer von Neuem wird die Demokratie gegen die Mauern der Zwingherren, die Wälle und Schanzen des Vorrechts anrenoen, immer von Neuem wird sie ihre Lanzen brechen, bis der letzte Ueber- rest des Mittelalters vertilgt, bis die letzten Ruinen, die uns ver­gangene Zeiten in die Gegenwart hinübertrugen, gestürzt sind, bis selbst die Erinnerung an jene Zeiten erloschen ist.

Wer zwischen Absolutismus und Demokratie zu versöhnen ge­denkt, ist der Feind beider, wird von beiden verworfen, mitten zwischen den Schlachtlimen erdrückt. Der blasse, feige, zitternde Constitutiona- lismuü, jenes Doppelgesicht ohne Sinn und Verstand, jenes ewig rath- lose, jammernde, verzweifelnde Wesen ohne Princip und Character, hat die Versöhnung versucht und ist in einer Zeit von nur wenigen Jahren zum Geftötte der Welt geworden. Der ConstitutionaliSmuS ist eS, der mit demselben Athem einder Staat bin ich" undder Staat sind wir" ruft, per das Vorrecht, die Verknechtung, die Privatberech­tigung des Einzelnen an Laud und Leuten heilig spricht und zu gleicher Zeit brandmarkt, der für die erbliche Herrschaft und die Verantwort­lichkeit der Minister kämpft. Der ConstitutionaliSmuS ruft mit der Demokratie:der Staat sind wir" und verlangt deswegen die Ge- sctzgebung deö Volkes, die Gültigkeit der Majorität, die Regierung der Minister nach dieser Majorität, cr verlangt, daß nur der Wille deS Volkes die Entscheidung sei, aber mit dem Absolutismus ruft er in der nämlichen Stunde:der Staat bin t ch" und fordert deswegen als Durchgangspunct für den Willen des Volkes die privilegirte Herr- schaft, ^daö erbliche Recht des Despoten. Statt mit dem Feldgeschrei: der iBtaat sind wir!" der Monarchie den Krieg zu erklären, ver­langt der EonstitulionalismuS, daß der Monarch den eigenen Willen, der sich in dem Satze:der Staat bin ich" ausspricht, aufgebe zu Gunsten des Gesainintwillens. Der Monarch soll nicht mehr der be- stimmende Mensch, sondern nur der Krystall sein, in dem sich die verschiedenen Strahlen des GesammtgeisteS brechen und einen Brenn­punkt suchen. In der constitutionelleu Monarchie wird der Monarch nur benutzt, um das Demokratische Princip durch ein abschwächendeS Medium zu leiten, es zu verdünnen, frucht- und segenlos zu machen.