— 18 —
Deutschland.
^tAnffitrf. 3 Jan. — Das BundeSpalar'ö ist bezogen. Wie sich von selbst verstand, ist diese Ehre keinem Preußen, sondern dem österreichischen Hrn. von Kübeck zu Theil geworden. Der Würtember- gische Hofrath und Depeschenreiter Dingelstedt wird diesmal andere Nachtwächterlieder in der Eschenheimer Gaffe trommeln, als in seinen Fle^eljahren. „ Komm, öffne mir das Gitter, und laß mich freundlich rin!"
Der „ große Diplomat der O. P. A. Z." bringt wieder einen Artikel, der den besten Männern als nachträglicher Neujahröwunsch dienen solle. Die Erfurter Wipper- und Kippermänner erklären freilich, solche Artikel verletzten ihre keuschen Ohren nicht, der große Diplomat läßt sich aber nicht irre wachsn. Er weiß, daß die keuschen Ohren ein ziemlich dickes Fell haben. Also drauf! — Der große Diplomat hat zunächst die Frechheit, den „Coriphäen Deutschlands" die offene Sottise zu sagen, sie seien abgenutzt. Zur Zeit ihrer Kam- meroppositi'vn, wo die Fürsten nichts anders hätten vermuthen können, als daß ein ganzes Rudel Sensenmänner hinter den Schwätzern und Schreiern stände, hätten sie ganz gute Geschäfte gemacht; jetzt, wo sie ans ihrer Opposition in den Sattel der abgeworfenen Gesetzgeber ge- Hoben wären, habe sich ihre gänzliche „Unfähigkeit" erwiesen. — DaS ist Alles noch glimpflich. Eben so glimpflich ist die Erklärung, daß die „Gothaer" aus der Herrschenden zur dienenden Partei gewor- den seien, daß sie aus purer Rathlosigkeit und Verlassenheit sich in die Arme der Fürsten geworfen hätten. — Wir wiederholen, das ist alles noch glimpflich. WaS aber nicht mehr glimpflich, sondern eine injuria afrodsshna ist, das ist die wegwerfende Bemerkung deS großen Diplomaten, daß die Gothaer Ausreißer, nachdem sie sich in die Arme der Fürsten geworfen hätten, „sich «och nützlich erweisen könnten " Also die besten Männer Europas sind nur noch in der Lage, „sich nützlich zu erweisen, als Lausbuben benutzt zu werden?" Das ist hart! Und weiter räsonnirt der große Diplomat: „Machen die Gothaer noch Ansprüche auf Selbstständigkeit, so werden sie von den Regierungen ebenso verleugnet werden, als sie von der Demokratie verleugnet worden sind", zu deutsch, wenn die Gothaer noch einen eigenen Willen haben wollen, so werden sie hinter der Thür, hinter die sie bereits gestellt sind, hervorgeholt und vor die Lchür^worftv, ohne alle Umstände, es wird sich kein Mensch um sie bekümmern. Arme Gothaer, daS ist eine beschämende Aussicht! Stiefel- Putzer oder brvdlos!
Darmstadt, 2. Januar. — Die erste Kammer wird ebenfalls unfähig werden, mit sich regieren zu lassen, wenigstens zum Theil. Obwohl die Demokraten schier verzweifelten, für den Saal dieser „Weisheit und Tugend" Candidaten durchzusetzen, wird es sich gleichwohl zeigen, daß auch das Wahlgesetz der ersten Kämmer auf zu breiten Grundlagen ruht, und, wie die Ncuhessische sich auödrückl, unbrauchbar und verfehlt ist. In die erste Kammer gehören blos ge- bvrne Geheimrräthe und Kammerherren. Die Neue Deutsche Zeitung schreibt aber: von 6s Candidaten hat nunmehr die rheinhessische Demokratie 5 durchgesetzt. In Rheinhessen muß noch gestandrechtet werden. Es scheint fast, eö sei dort aller „Kern deS Volkes" auöge- storben und nur das Gesindel übrig geblieben.
An der Spitze des Vereins zur Flüssigmachung des Rcichöwahl- aktes stehen Th. Reh, Wernher, der „Fleischschneider", und Hr. von Gagern, der „Züchtiger".
Stuttgart, 31. Tec. — Fürst Waldburg-Zeil, bekanntlich seit den Märztagen entschiedener Volkcmann, veröffentlicht in den Zeitungen den Grund, warum er den „Königlichen Krvnvrdcn" an Seine von Gott begnadete Majestät mit schönstem Danke wieder abgeliefert habe. Er habe daS schon im April 1848 thun wollen, weil er gemeint habe, daß nunmehr ein Olden ihm nur einen unangenehmen Zwang aufcrlegcn könne. Seine Freunde hätten ilm aber abgerathen. Da sei ihm denn a er mullch die vssizleUe Mittheilung geworden: „daß Seine Majestät von ’° cs ^staden), der König, die Fäden einer ton ihm ausgehenden hvchveriatherychcn Intrigue in Händen habe, — Höchstd-csel- Len jedoch geneigt wären Gnade für Recht ergehen zu lassen wenn ” * “7 " 9“'. schriftliche Erklärung abgeben würde, daß er sich für jetzt und alle Zukunft aller politischen Bestrebungen gegen Seine Majestät enthalten wo^ H.erauf habe er sich des Ordens entledigt. --— sei ’ W'r.slnd also glücklich in den Dreißiger Jahren wieder angekommen wo m Kurhessen ein Hassenpflug regierte. Der Unterschied .st aTer' to$ Hr. Jordan, dem Hassenpflug eine ähnliche Verwarnung und Gna- rugeh°» ließ seinen Platz in der Ständekammer Tu'st Waldburg-Znl aber die Zeit dieser schmachvollen Zumuthuua für den geeigneten Moment hält, dem gottbegnadeten Monarchen den „Kronorden " ue Gesicht zu werfen , d. h. zurückzuschicken.
Dresden, 1. Jan. — Wir wollen nicht! Unsere Regierung will nicht und die Demokraten wollen auch nicht. Wenn also Hr. Biedermann und Cvnsorten nicht bald eine Revolution machen und Hrn. V. Carlowitz auf den Schild heben, so wird der 3 t. Januar vorüber g hen und Sachsen die Schande erleben, in Erfurt ohne Vertreter zu sein. — Es sollte mich wundern, wenn die Gothaer Partei nicht in der Kürze in die Drehkrankheit verfällt. Erst sah sie die Demokraten über die Achseln an, und meinte, die werden unö schon nachfolgen. Jetzt, wo es entschieden ist, daß sie nicht nachfolgen, stellt sie sich ganz unbekümmert und sagt: „Genirt nicht!" Im Gegentheil! Sie heuchelt sogar, es sei ihr sehr angenehm, wenn die Wühler nicht nach Erfurt kämen, allein wollten sie schon fertig werden. Die Gleichgültigkeit sieht etwas gemacht auö! In Berlin ist die anständige Partei trotz ihrer Majorität so gründlich blamirt worden, daß sie nichlâ mehr wünschen kann, als an den Demokraten zum zweiten Mal einen Sundenbock zu haben, auf den sie die Resultate ihrer Impotenz abwälzen könnte. Die Demokraten wollen aber nicht! Was thut also die anständige Partei? Sie erklärt eS nunmehr für ihre Aufgabe, ja recht liberal zu wählen. Warum? Opposition muß sein, ohne Opposition kein Basser- und Biedermann! Der eigentliche Grund ist aber der, daß die „achtbaren Männer" sich bereits ihrer Erfurter Rolle bewußt werden, nemlich zum Kinderspott zu werden oder selb st Opposition machen zu müssen. An ein Zusammengehn mit den „ehrlichen" Regierungen denken sie schon nicht mehr. Der Angstschweiß steht ihnen bereits auf der Stirn. Allerdings wußten die achtbaren Männer früher nicht Rühmens genug von der Aufrichtigkeit der Cabi- nelte zu machen, so daß man hätte vermuthen können, wenn sie, von den Wühlern befreit, allein mit den Kabinetten zu thun hätten, würden aUerhöchstdicselben den „Rettern der Throne" in die Arme stürzen und statt aller Differenzen eine Partie „ Tempel MosiS " mit ihnen spielen, — — diese Ansicht scheint indessen vollkommen aufgegeben zu sein, statt deS „Tempel Mosis" machen sich die „Gothaer" Herrschaften höchstens auf eine Partie „Landsknecht" Rechnung. „Die Welt hat sich umgedreht", gerade um volle zwei Jahre zurück.
Es kann als ausgemachte Sache gelten, daß kein deutscher Fürst existirt, der den Erfurter Reichstag dem deutschen BunLe vorzöge. Wie der Großherzog von Darmstadt, so warten alle anderen noch rückständigen Fürsten nur auf den günstigen Augenblick, um aller März- und sonstigen Fesseln ledig zu werden und nach eigenem gout zu regieren. Heute, morgen, übermorgen kann die Mine f^rTiigëH^bie” Männer springen dann natürlich vorher. DaS ist die „Ehrlichkeit" und „Aufrichtigkeit" der Kabinette. Wir wiederholen: wenn die Gothaer Parte» in diesem ängstlichen Moment den Verstand nicht verliert, so hat sie keinen zu verlieren. Ihr „moralischer Eindruck" hat seine Zeit gehabt, die Zeit nemlich, wo wir anderen „Knüppel" spielten, jetzt, da diese Zeit vorüber ist, wird der „moralische Eindruck" nur noch in Lustspielen seine Wirkung thun.
Doctor Herteß istOderhofprediger und Consistorialrektor geworden. Der Widerspruch der Kammer hat nichts zu sagen.
Schneeberg, 29. Dezember. — Die Dresdner Zeitung berichtet: Am 27. Dez. wollte der Singverein in Oberschlema mit obrigkeitlicher Erlaubniß einen Ball halten. Zwischen 7 und 8 Uhr Abends kamen eine Anzahl Soldaten mit gezogenen Säbeln an die Saalthur und forderten Einlaß. Da man ihnen sagte, eö sei eine geschlossene Gesellschaft, sie könnten heute nicht eingelassen werden, schrieen sie: „Wir müssen eingelassen werden!" Brüllend stürzten sie nun in den Saal, fuhren wie wilde Thiere unter die Versammelten und hieben und stachen Jeden, der ihnen vor die Klinge kam. Einer aus der Geselltchafl bekam noch einen Säbelhieb an den Kopf, als die Patrouille schon gegenwärtig war.
Bertin, 31. Dez. — Unter diesem Datum bringt die Kölnische Zeitung einen Artikel, der wieder für die schlaflosen Vatcrlauds- relter sehr bezeichnend i|t. Nachdem sich die Kölnische über die Kreuz- zeitung scandalisirl und sich dadurch von ihrer Furcht etwas befreit hat, schreibt sie über die Zweifel, ob Se. Majestät von Preußen Höchsidcro eigene, octroyirle Verfassung annehmen wurden, oder nicht, mit dem weinerlichen Pathos eines geohrfeigten Mannes , ^ der's gut meinte« , also: „ Das Ministerium wird auf ein noch weiteres Verschleppen der Verfassungsbeschwörung unmöglich eingeben können, ohne seine Ehre ernstlich blvßzustcUen und in beiden Kammern sofort die entschiedenste Opposition hervorzurufen. Die Kammern haben an versöhnlicher Nachgiebigkeit bisher das Unglaubliche geleistet (bas muß ihnen ihr Feind lassen!) und sie sind dabei, gegen den oft auf- tauchenden Unmut H i hr er Eo m m i t t c nt c n (Aha! Kommt's endlich?) durch die conservaNv - liberale Presse mit aller Selbstüberwindung und Hingebung unterstützt worden. Würde es sich jetzt zeigen, daß Alles umsonst war, daß die über die Weihnachten hinaus- geschiepple Beschwörung der Verfassung auch noch wieder über den