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Kassel, Sonnabend den 5. Januar
1850
Die demokratisch - soziale Republik.
3.
„Was ist das für ein Wesen, Wir können vor Fürsten nicht genesen."
Eâ hat in alter und neuer Zeit schlechte Republikaner genug gegeben, Republiken, wo im Namen deS Lolkeâ Einzelne reicher Familien oder Pfaffen den Staat beherrschten (so in der Schweiz), wo der Reiche ebenso den Armen plünderte und vernichtete, wie unter der Fürsteuherrschaft (in Amerika noch immer); die Republik kann nur dadurch eine der Bildung und den Begriffen der Zeit angemessene werden, wenn sie die demokratisch-soziale wird.
Eine Republik wird demokratisch (volksherrschaftlich), wenn nicht einzelne Reiche, oder Bevorrechtete die Gesetzgebung des Staates in Händen haben, sondern wenn jeder volljährige Mann als solcher Bürger deö StaateS und zur Gesetzgebung berufen rst; wenn er ohne Unterschied, ob er Etwas besitzt oder nicht — zu allen Wahlen bei Gemeinde - und Staatövertretung mitwirkt und damit zur Lerfassung seines Vaterlandes.
Dadurch nur wird die Republik zugleich sozial (wirklich gesellschaftlich). Daö heißt, die nach rein volksherrschaftlichen (dcmokra- tifebenl eiiMnbsö^n erwäblte ^«L^^e-dobörve (Nationalversammlung und Ständekammer) besteht nur aus den Angehörigen aller LebcuS- klaffen, aus den Arbeitern wie auS Kapitalisten; — eS wird kein Gesetz mehr möglich sein, wodurch der Kampf und der Haß zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden verewigt wird — es wird ein neuer Schritt gethan werden, diesen Haß zu versöhnen und den verschiedenen Interessen ihre bestimmten Gränzen anzuweisen.
Die demokratische Republik hat eâ nur mit einer freisinnigen Verfassung zu thun, sobald sie soziale wird, richtet sie auch die Verwaltung und den Zweck deS StaateS auf die Befriedigung aller Bedürfnisse, aller einzelnen Besitzstände der Nation. - In der Demokratie liegt die politische Seite der neuen Zeit, in der sozialen Frage die Hebung deö Zwiespalts zwischen Besitz und Nichtbesitz.
Die demokratisch-soziale Republik ist also ein solcher Staat, wo das Volk herrscht, an seiner Spitze ein frei gewählter, dem Volk verantwortlicher Beamte, wo Jeder dieselben Rechte genießt, und wo der Staat jedem Bürger die Möglichkeit zur Erlangung einer selbstständigen Existenz und eines freien Eigenthums gewährt.
Wie aber werden wir zu einem solchen Staate gelangen? Diese Frage zerfällt in zwei Theile, wie daö Ziel selbst ein doppeltes ist. Nur durch die Revolution kommen wir zu einer politisch freien Ver - fassun g, zur demokratischen Republik. Das ist die Vorfrage, bevor der Boden der Freiheit nicht vorhanden ist, ist der Ausbau" derselben unmöglich. Nur wo die politische Revolution alle Vorrechte vernichtet hat, kann in friedlicher Weise die soziale Reform folgen.
Wir wollen eine polit i sche Revolution und eine soziale Ne- form. Man verstehe unS recht! — I e d e Revolution wurde e r ze u g t durch die Leiden und durch daö Unglück der Masten , durch die sozialem Gebrechen, durch Unbehagen und unerträgliche Entbehrungen. Aber erst im l gten Jahrhundert hat man diesen tiefen Grund erkannt, erst jetzt entdeckte man den alten Quell alles Uebels — erst jetzt, wo das Be- wußtsein menschlicher Würde, wo der christliche Humanismus bad Herz auch des Letzten im Volke mit seinem Lichte durchdrungen; erst jetzt kam über das Volk die Sehnsucht nach dem Glucke, welches ihm das Christenthum verheißen, und bad ihm seine Pfaffen und Tyrannen ab- genommen, um es mit einem Paß auf bad Jenseits abzuspeiseu; — erst jetzt will bad Volk bad Christenthum auS der kalten Umarmung
der versteinerten Kirche heranführen in die freie Gesellschaft der Menschen ; — erst jetzt wurde daö heilige Wort „Brüderlichkeit", Liebe, Versöhnung der Schrei der Revolutionen. — So war der Grund der Revolution die soziale Frage. Aber die Erschöpfung dieser Frage ist eine Frage bed Friedens, nicht des Kampfes — jede Schlacht unter Besitzenden und Nichtbesitzenden hat den Terrorismus oder die Tyrannei zu ihrem Gefolge.
Wenn man diese Sätze auf Deutschland anwendet, so heißt das Feldgeschrei: Deutschland wird weder frei noch einig, ohne eine p o- litische Revolution, — darum Ausbau aller demokratischen Freiheiten , um durch ibre Erhaltung und durch Bildung das Volk dieser neuen und letzten Revolution entgegen zu führen. Diese Revolution muß nur die Erstrebung der demokratischen Föderativ - Republik Deutsch, landö zum Ziel haben. — Sobald aber die demokratischen Freiheiten auf sicheren Grundlagen ruhen, muß sofort schon in der Verfassung die Lösung der sozialen Frage als Hauptaufgabe des Staates bezeichnet und zu deren Erledigung geschritten werden. Dies wird dann die unermeßliche Friedensarbeit der Zukunft sein, die durch neue Revolutionen nur dann unterbrochen werden kann, wenn die Besitzenden, wie so oft, den Nichtbesitzenden jede Aussicht auf Ersatz rauben wer- den, oder wenn die Letztern mit einseitigen Ansprüchen das Maas der Gerechtigkeit überschreiten würden.
Falsch ist cs^die soziale Frage als die erste zu betrachten. Die 'Weltgeschichte lehrt das Gegentheil. Sie ist die Hauptfrage, aber die politische geht voran. Man kann sich über ihre Lösung besprechen und vorbereiten, aber die Thaten dazu bedürfen der demokratischen Republik als Voraussetzung! - Falsch ist ed ebendaher, die soziale Frage im Voraus durch bestimmte Systeme lösen zu wollen. ES ist eine komische Eitelkeit, sich eine Kraft zuzutrauen, nach der Jahrhunderte noch ringen und streben werken. Falsch sind daher alle diese sozialistischen und kommunistischen Systeme in Frankreich, oder alle neueren Versuche von gestern oder heute. Sie haben ihr Verdienst, sie können Vortreffliches geben, sie sind die Vorbereitung zur Lösung, aber sie sind Versuche und nichts mehr. Die soziale Frage ist größer als all' diese Systeme; - sozial und sozialistisch ist zweierlei — sie bindet sich an feind, sie benutzt ihre Wahrheiten und verwirft ihro Verwirrungen; sie will aud dem großen, reichen Leben selbst sich ihre Antworten schöpfen *).
Die sozialen Demokraten Kassels und beten Führer dürfen sich rühmen , diese Ansichten sofort mit dem Ausbruch der Märzrevolution aufgestellt zu haben. Sie haben die Genugthuung, daß sowohl die Rein- sozialen wie die reinen Demokraten sich mehr und mehr derselben hin- veigen. Dabei bleibt eö nach wie vor ihnen ganz gleichgültig, od man sie Jakobiner nennt oder Kommunisten. Beides ist kein Schimpf, wenn cö auf sie paßt, wie die Faust auf's Auge. — Die Menge will für ein Neues immer einen alten Namen! Ebenso haben sie den Na- men r o t h e R e p u b li ka n er sich gern gefallen lassen.— Sie wissen sehr wohl, daß jede Nationalität ihre besonderen Abzeichen trägt und daß die Nationalitätsfrage noch lange nicht in Europa erledigt ist. Niemals haben sie darum die deutsche Tricolore geschmäht oder ver- schmäht, mögen auch die Fürsten sie dem Laterlande in vergangenen Zeiten oktroyirt haben. ES hieße bad seine eigene Geschichte vernichten. — Daß sie aber der rothen Farbe dieser Tricolvre den Vorzug gaben, und sie zur Grundfarbe erhoben, heißt nichts Anderes, alö: Kampf für die unumschränkte Freiheit und Brüderlichkeit, für die deut-
•) Wir verweisen Leser, die sich weiter unterrichten wollen, auf das kürzlich erschienene Weibchen von Stein: „Geschichte der sozialen Bewegun., in Frankreich, von l;sj bis auf unsere Saae" — >L^pznz, 3 Bänoe) — dessen Ansichten wir vollkom- men theilen, und das der Demokratie als guter Eompaß durch die Verwirrung des. Lebens und der Begriffe zu empfehlen ist. - Wir selbst werden fortfayren, diese Fra-, den nach allen Seiten zu beleuchten.