Dritter Jahrgang.
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Mr- A Kassel, Freitag den 4. Januar lSSOe
Die demokratisch - soziale Nepublik.
2.
„Was ist das für ein Wesen,
Wir können vor Fürsten nicht genesen."
Das ist die P arole d eö Tagö! — Nicht von gestern, nicht von heute her stammt diese Formel. Das Jahr 1848 hat sie nur auö den engen Kreisen der Wissenden und der geistig Verschworenen auf die laute Bühne des Weltmarkts geschleudert. — In diesen drei Worten liegt zusammengefaßt das Streben des Jahrhunderts, und daS Ringen vergangenes Zeiten; liegt der Urtheilsspruch über alle Systeme, die bis dahin sich ausschließliche Vollkommenheit zugelegt, — der Urtheilsspruch über die Despotie von Gottes Gnaden, die konstitutionelle Monarchie, über die sozialistischen und kommunistischen Systeme und über die bloße Republik. Die demokratisch-soziale Republik steht über der Vergangenheit. Sie ist daS Panier der Gegenwart und Zukunft, sie ist daS Christenthum, die Religion der Gleichheit und Bruderliebe, angeweiHet auf die vollkommene Staatsform des Alterthums, auf die Volksherrschaft der Republik, — sie ist das praktische Cbristeuthum, der wirklich christliche Staat. — Wie in der Wissenschaft und Kunst bereits im r-origènJrchrhruiLert sichdi- Anschaulichkeit (Objektivität) des Klassische» Alterthums mit der christlichen Innerlichkeit (Subjektivität) zur schönen Harmonie vermählte, deren göttlicher Ausdruck âhe in den Jahren seiner Manneskraft ist, — ebenso will sich jetzt auf dem Gebiete des Staates, Alles umfas- send^ â freie Form der alten Zeit mit dem Freiheits- I nha lt En euen versöhnen. Der Verstand, der diese Nothwendigkeit begreift, ist bereits für die neue Lehre gewonnen. „Aber was kein Verstand der „Verständigen" sicht, das ahnet oft in Einfalt ein kindlich Gemüth!" — JEs unverdorbene Herz, nicht verdorben durch die Entsittlichung der Höfe und der reichen Wucherer, nicht verdorben durch ihren Dienst, den Dienst deö Lasters und des Mammons, — fühlt in sich die ungestillte, unerklärte Sehnsucht, der Tugend, der thatkräftigen Liebe und der Gerechtigkeit einen neuen Altar zu errichten, um von ihm auS ihr die Welt zu erobern! — Und selbst in die dunkele Brust der Großen und Gewaltigen fährt oftmals, wie bei Belsazars schwelgerischem KönigSmahle, der Blitz der vernichtenden Warnung, die Erkenntniß der Wahrheit und daS Todeögefühl der Verworfenheit und des Untergangs, bis sic von, Steuern in den Taumel ihrer Lüste versinken». — Die Stunde ihres Endes hat geschlagen. — Ihr aber, fcciheitödürstende Seelen, hochherzige unverdorbene Jünger der Wahrheit, hierher! zu unö ! — Nicht blind sollt ihr und glauben! __ Nur mit der Gewalt deS gottbegeisterten Wortes, nur mit dem Flanimenstrahl der Ueberzeugung, der unsere Beust durchzuckt, wollen wir werben um eure Herzen, werben um eure Bruderhand zum Leben und Sterben für unsern Glauben. Die heilige Wahrheit, die in unS wohnt, wird ihre starke Stimme erheben und wird euch zeigen, daß wir nicht sind vergleichbar denen, die um eure Liebe uno um euren Gehorsam buhlen, um euch zu schänden durch Knechtschaft, euch zu plündern und zu vernichten.
Was aber heißt der Feldruf, zu dem wir euch sammeln, was be- deutet daS Panier, unter dem wir stehen wollen? — —
ES liegt nun einmal in dem Zusammenhang der Entwickelung aller Zeiten und Völker, daß Namen und Worte überliefert^ werden auS alten Zeiten, die für den weniger Gebildet.» unverständlich, aber unter allen mehr Gebildeten so gebräuchlich sind, daß man sie nicht ändern, oder durch eine Uebersetzung ihrer eigentlichen althergebrachten Bedeutung berauben darf. DaS Volk muß sich an diese Worte gewöhnen, waS um so leichter ist, je mehr eS sie verstehen lernt; — eö hat
bereits gelernt durch bittere Erfahrungen, was eine Monarchie bedeutet. Sie heißt, doppelte und dreifache Steuern um ein unverantwortliches Staatsoberhaupt und seinen Troß und seine Maitreffen durch Millionen zu spicken, sie heißt, ein stehendes Heer, mit dem er Krieg führt und sich ans dem Thron erhält, von den Söhnen des Landes bilden, und mit dem Gelde ihrer Väter erhalten, um im Dienste der Unverantwortlichen die letzten durch die ersten abzuschlachten. Die Monarchie oder Despotie-heißt Einherrschaft, wo Einer der Herr ist, die Andern die Knechte; sie bedeutet Bruder- und Vatermord zu Gunsten deS Tyrannen.
Die k o n st it u tio n e l le Mo na rch ie heißt wörtlich die Herrschaft eines einzigen unverantwortlichen Mannes, der durch eine Konstitution (geschriebene Verfassung) in Schranken gehalten wird und durch eine Vertretung des Volks (Ständekammer) beaufsichtigt. Auch sie habt ihr kennen gelernt: dieselben Steuern, dieselben Verschwendungen, wie bei der Despotie, — dasselbe Heer, dasselbe Unglück, dieselbe Unverantwort« lichkeit des Fürsten, der machen kann, was er will, und nur seine Minister wegzujagen braucht und seine Ständekammcrn, wenn diese nicht wollen wie er. Ewiger Zank, ewiger Hader, und dadurch Verwirrung im ganzen Staatsgebäude, Lug und Trug, Bestechungen und Verschleu- derungen, Begünstigungen der Kriecher, Vornehmen und Reichen, Unterdrückung der Freisinnigen und der Armen, das bedeutet die konsti- tntioneüe Monarchie, die noch dadurch tief entsittlichend auf alle Herzen wirkt, daß sie all' ihre Schandthaten unter juristischen Rechtskniffen versteckt und unter der MaSke der Freisinnigkeit auSführt. — Einige Menschen, die zu schwach oder.feig waren, offen diese elende» Zustände zu verdammen, und doch tief deren Verderblichkeit fühlten, weil sie das heilige Recht deâ Volkes anerkannten, „ seine Fürsten, seine obersten StaalSdiener abzusetzen, wenn ihm ihre Nasenspitze nicht gefällt", wie Börne schrieb, haben noch eine neue StaatSform erdacht, die demokratische Monarchie, wörtlich die „volksherrschaftliche Ein- Herrschaft", ein Unsinn, der seinen Widerspruch in sich selbst trägt. Wo Alle herrschen, kann nicht blos Einer herrschen, und umgekehrt. Diese Form ist nur der versteckte Uebergang von der Monarchie zur Republik, den man aus Feigheit oder JesuitiSmuâ verschleiern will.
Die Republik (Freistaat) ist diejenige Verfassung, wo daö Volk Herrscher, und das Staatsoberhaupt vor seinem Richterstuhl für seine Verwaltung verantwortlich ist. — Daß diese StaatSform die einzige ist, die der Würde deS freien Mannes angemessen, müsse» selbst unsere Feinde eingestehen. Ihre elenden Ausflüchte, um ihren betreßten Lakaienrvck und ihren Sklavensold in der Knechtschaft der Monarchie zu retten, heißen: „ eö gibt keine Republikaner für die Republik,— die Republik ist der Staat der Tugend; eS gibt keine Tugend!" — Freilich, sie beurtheilen die Welt nach ihrer eigenen elenden Seele! Wohlan, zeigen wir ihnen, daß es Republikaner gibt und republikanische Tugenden. Alle Tugend, die noch lebt, ist republikanisch. — Irr der Despotie und in der konstitutionellen Monarchie gibt eS nur eine Tugend der blinden Entsagung auf Kommando, und daS ist die größte Untugend.
Unsere Feinde sagen: „ Das deutsche Volk ist nicht reif für die Republik! s* Für was denn? für die konstitutionelle Monarchie? dafür ist Niemand reif, weil dieses bcgriffslose Wesen unbegreiflich ist. — Zeigen wir ihnen, daß daö Volk reif ist für die ganze, für die volle Freiheit.
Mit der bloßen Form der Republik aber ist noch nicht geholfen ; — sie muß den Humanismus (die reine Menschlichkeit), sie muß daS vervollkommnete Christenthum zum Inhalt haben, wenn sie den Forderungen der fortgeschrittenen Bildung genügen, wenn sie daS Heib bringen soll, daö wir von ihr erwarten.