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X" 2.

Kassel, Donnerstag den 3. Januar

1850.

Die demokratisch - soziale Republik.

1.

Waè ist das für ein Wesen,

Wir kennen vor Fürsten nicht genesen."

Gedenkt der Zeiten unserer Väter! Denkt an jene große Kirchen- reformation. die das Joch des PsaffenthumS zerbrochen, in Deutschland und in Europa. Die Herrschaft wurde ihm genommen durch die Kraft und die Hoheit deS Volkes. Der gemeine Mann deutscher Nation, der Bürger und der Bauer, erklärte sich für frei von den geistlichen Zehnten, Gülden, Beeten und Lasten, erklärte sich für frei von dem Zwange der priesterlichen Bevormundung, er erklärte den Glaube« und damit den Geist der Menschheit für souverän von GotteS Gnaden, frei von den Banden und dem Machtgebot der Gewaltigen auf Erden. Gedenkt jener großen Zeit! DaS war der erste Sturm der Freiheit, der daS alte Europa durchbrauf'te. Aus seiner Mitte, aus dem Stammlande der Germanen ging daS Wort der Freiheit, ging der VerjüngungSruf für ermattete Geister. In Frankreich, in England hatten die Vorkämpfer der neuen Zeit schon längst an der festen Zwingburg deS Priesterthums gerüttelt. Aber Feuer und Schwert hatte sie vertilgt. In den Gräbern der Albigenser schlief dorten daS GotteSwort der Freiheit: - das Kreuz der Liebe trugen __ torr-TfafffiTTn^liim^^ der Wahrheit. Mit WikleffS Todtenasche, die sie in alle Winde zerstreuten, glaubten sie die die neue Lehre verweht und zerstoben.

Aber in Deutschland, im Herzen Europas, in jenem Lande, wo der Geist seine stille Werkstätte aufgeschlagen, glühte langsam, tieser und tiefer der geheime Brand zehrte an den Herzen ohne Rast und Ruh, schürte in den Geistern den verschwiegenen Gedanken zum küh­nen Wort und zur kühnern That. Jauchzend erhob sich daS Volk auf Luthers Helvenruf: die Geister find frei!

Sie wurden und blieben frei, trotzdem daß daS alte Pfaffenthum feine blindgläubigen Horden herantrieb, trotzdem daß des Papstthums Knechte, die Jesuiten, von Neuem die Finsterniß in die Herzen einzu- führen trachteten mit Lug und Trug und Bestechung, trotzdem daß ein dreißigjähriges Morden Hunderttausende der besten FreiheUSmänner Hin­wegraffte, und ihre Wohnstätten der Erde gleich machte.

Frei wurden die Geister und blieben es, trotzdem daß die Gewalt­haber der Erde, die zuerst mit der neuen Lehre gebuhlt gegen reiche Erndte an Hab und Gut von Stiftern und Klöstern und gegen die Oberhoheit über die neue Kirche, trotzdem daß diese Herren erschrocken vor dem gewaltigen Geiste der Neuzeit, seinen kühnen Flug durch tausend Ketten und Schranken in das Gebiet des Gehorsams herabzu­ziehen bemüht waren. Umsonst Zensur, Inquisition, Kerker, Verban­nung und Todesstrafe. Frei blieben die Geister. Lauter und lauter erscholl ihr durchdringender Ruf: die Geister sind frei, warum bleiben die Körper Sklave»?

Nicht blos die protestantische Kirche, auch bie katholische ist durch die Reformation mit dem Saamen der Freiheit erfüllt; seine Früchte sind jetzt gezeitigt, gereift, unter Seufzern, Blut und Thränen und die menschliche Gesellschaft harret deS Sturmes, der sie zur mutlosen Erndte herabschültelt. ,

Schon unsere Väter hofften vergebens auf diese reiche Erndte. Unsere Väter, die deutschen Bürger und Bauern in dem Zeitalter Lu­thers, wollten die Körper frei machen, wie die Geister eS waren. Sie erhuben die blutige Fehde gegen ihre Unterdrücker, gegen die Herren, die Grafen und Fürsten, welche daS Joch der Geistlichkeit mit zer- brochen, um ihnen nun selbst ein doppeltes aufzulcgen. Ihr Kampf war umsonst sie blieben die Sclaven der Gewaltigen.

Da donnerte endlich jenseits über dem Rhein von Neuem der furchtbare Ruf: die Geister sind frei, warum bleiben die Körper Sclaven? Es war der ungestüme Ruf der ersten franzö­sischen Revolution. Aber ihr Heldengang ging unter in Blut und in neuer Knechtschaft. Doch hatte ihr wilder Sturm so viel zerbrochen an den alten Schranken, so viel Zweige und Wurzeln am Baum der Zwingherrschaft gefällt, daß er nackt und kahl, haltlos im Sturme schwankend, vor einer neuen Windsbraut zu Boden stürzte. Aber eine neue Zwingherrschaft, die Aristokratie des Mammons, der Wuche­rer und Börsenschacherer hat die Splitter des zerbrochenen Fürsten- scepterS zu einer neuen Geißel zusammengesetzt, um die alte Knecht­schaft in neuer Gestalt zu verewigen, und den Schrei der Armuth nsd des Hungers mit Ströme» Blutes zu ersticke».

Abermals scheint der Ruf nach der Freiheit der Körper unerfüllt verhallt zu sein.

In Deutschland ist die Bewegung deck Volkes, ebenso wie zur Zeit der Bauernkriege, mit Feuer und Schwert niedergeworfen. Wie­derum blieb daS alte Streben deutscher Nation nach einem Gesammt- vaterlande , nach einem gemeinsamen Willen und nach Zerbrechung der trennenden Dynastien eine unerfüllte Sehnsucht, ein Traumgebild auS den Jahren der Jugend. Und der Spruch, den unsere Väter vom Pfaffenthum thaten: Waâ ist das für ein Wesen, wir können vor vielen Pfaffen nicht genesen I" gilt jetzt von unsern Fürst-».

Ai-rr wie damals Die geheime Flamme im deutschen Geiste glühte und brannte, bis der weltverzehrende Brand hervorloderte, ebenso wird jetzt in der Werkstätte deutschen Geistes daS Schwert geschmiedet und geschärft, mit dem die neue Zeit zu Gericht sitzen wird, mit de« neuen Feldruf:

Die Körper sind frei!"

Laßt die Despotie zimmern und kitten an ihren Kerkern und Thro­nen , laßt sie ihre Heere mustern und wieder mustern und ihre TodeS- urtheile vollstrecken , unter ihrer Zwingburg liegen die pulvergefüll­ten Minen, ihre Stützen sind morsch und zerbrochen, ihre Sclaven knirschen gegen den Stachel, der sie zur Treibjagd der freien hetzt. Einsam stehen die Despoten auf ihren Thronen, der Adel, die Büreaukratie ist verschwunden, nur ein gezwungenes Bajonetten- Heer ist ihre letzte Burg und Schanze. Aber nicht blos seine Zwing­herren wird Deutschland stürzen, Deutschland wird daS Land sein, daS der dunkeln Sehnsucht der Völker nach einer neuen, nach einer glücklichen Zeit Worte verleihen wird, einer neuen Lehre, die gleich der Reformation der Kirche der neue Kultus der Zukunft sein werde».

Deutschland wird daS Land sein, daS der Formel der demokra- tisch-sozialen Republik,^ dem Reformsatz der staatlichen Zu­stände ihren Inhalt und ihr Wesen verleihen wird. Ebenso, wie den Beginn der Freiheit beschworen dadurch, daß der Reform der Kirche die Glaubensfreiheit zum Inhalt gab, ebenso wie eS mit eiserner, unbeugsamer Konsequenz die Früchte dieser Freiheit gepflückt, wird eS ohne Zagen durch Blut und Sturm für die Welt an die Lö­sung der Frage schreiten:

Die Geister sind frei! Warum bleiben die Körper Sclaven?"

Deutschland.

Kassel, 2. Januar. Die Reuhessischc Zeitung als Organ der konstitutionellen Partei." So kündigt mit einem behaglichen Schmun­zeln die Neuhessische Zeitung ihre gesicherte Existenz an, oder läßt sie vielmehr durch das große A deS PreßvereinS.msschusseâ annonciren. Es ist so wohlthuend, vor einem totalen Bankbruch durch gesinnungStüch^ tige Männer" underprobte Charaktere" gerettet zu sei«.