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Titus Ullrich singt, da wird uns wieder wohl, nachdem wir uns so lange durch die öde, dürre Sandwüste der Manteuffel'schen Politik dahingeschleppt haben. — Kyrie Eleison!
Der alte Dom des Mittelalters thut sich auf, und drinnen strahlt der Herr v. Radowitz, leibhaftig so, wie er hier in der Weyl'schen Weihnachtsausstellung für fünf Silbergroschen pr. Crt. zu sehen ist, mit der Feuerglorie der Mystik um das schmachtend kroatische Haupt, und der Bajonetteverfassung, diesem reellen Materialismus, der den Gardelieu- tcnautö süßere Freuden verheißt , alö Schlegel je in seiner Lucinde ahnen läßt. Jetzt endlich, so rufen wir freudig mit der glattgeleckten Posttaube deS Interims aus, jetzt endlich stehen wir wieder auf dem Boden des Gesetzes, des Bundestags, und ein höchst unheimliches Gefühl überläuft unS, wie den Vater Ruge, als er in der Oetobernacht des Geburtstages unserer hohen Majestät die dumpfen Freudenschusse hörte und an die Märznacht zurückdachte, wenn wir unS erinnern, daß dieser Bundestag durch eine kleine Dosis Märzgroll jämmerlich zerschmettert worden ist! Jetzt fahren Sie wohl, meine Herren Minister der rettenden That, und nehmen Sie Ihre liberalen Repräsentativverfassungen mit sich, lassen Sie sich zur Disposition stellen als Reichsminister und grüßen Sie Ihren Collegen Jochmuöpascha — andere Leute werden kommen, ganze Männer, wie Boitzenburg und Gerlach und Stahl und Bismark mit seiner Kohorte ^- der Bundestag ist todt, es lebe der Bundestag!-- DaS sind die Gefühle einer guten deutschen Christenseele, die sich freut, daß eS nun endlich dahin gekommen ist, wohin wir nach unserer verunglückten Märzrevolution kommen mußten, zum Bundestag! Aber für heute genug davon! Das bömische Truppencorps wird Keinem mehr schlaflose Nächte verursachen, der die Rundschau unserer Kreuz- ritterin gelesen und sich die Nothwendigkeit der Einheit zwischen Preußen und Oesterreich klar zu machen versucht hat. ES existirt aber hier noch ein Mann, von dem die Leser der „Hornisse" wohl schon gehört haben werden, ein Herr von Hinckeldey, den man sich zur Zeit der schweren Novembernoth im vorigen Jahre nach Berlin verschrieb, und der aus Halle passender entlassen, als hier empfangen wurde, — von dem will Ihnen Ihr Correspondent noch etwas Weniges erzählen. Kühlwetters Nachkommenschaft, unsere blauen Mandeltauben, die Constabler, hatten bekanntlich am Abend der Freilassung Waldecks ihr Müth- chen über Gebühr gekühlt und vielleicht geglaubt, die guten Berliner Bürger würden in ihrer Freude das kleine Ungemach des Dezember- abends vergessen. Manchen mochten aber die Beulen und Säbelwunden, mit denen er am folgenden Tage erwachte, etwas zu stark an die Zärtlichkeit unserer Schutzengel erinnern, genug, es liefen eine Menge Beschwerden ein, die aber nicht berücksichtigt wurden, und die Herr v. Hinckeldey mit einer Weihnachtsberichtigung zu erledigen dachte. Seine Schutzmänner hatten es ihm anders gesagt — alles Uebrige waren Lügen und Entstellungen.*) Auf diese Berichtigung folgen nun eine Menge von Erwiederungen, die alle die Aussagen des Herrn Polizeipräsidenten der gröbsten Unwahrheiten beschuldigen und glaubwürdige Männer — darunter Prenßenvereiner! — als Zeugen aufführen. O hätten Sie geschwiegen, Herr v. Hinckeldey, Sie wären ein fürsichtiger Polizeipräsident geblieben! Aber diese Zeugen, diese Prenßenvereiner und Treubündler, die richte» Sie zu Grunde! Durch daS Fell deS Elephanten dringt freilich nicht einmal eine Flintenkugel, indessen sind diese Zeugenaussagen vielleicht Hätzelsche Handgranaten, und sie pfeifen ganz hübsch durch die Luft! — Von den demokratischen Baucrnbcwcgungen um Berlin und dem Hätzelschen Prozeß, der nächster Tage zum Abschluß kommen muß, ein ander Mal.
') Wie unsere gute Neuhessische ebenfalls behauptet. Die Red.
Das Schullehrerseminar zu Homberg.
11.
Mo tto: „Wehe euch Pharisäern, daß ihr gern oben an sitzet in den Schulen, und wollet grgriißet sein auf dem Markte.
Webe euch Schriftgetehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, daß ihr snd, wie die verdeckten Lodtengräver, darüber die Leute taufen und kennen sie nicht."
(Evangelium Lucar, Cap. 11 , Derg 43 u. l t
1) Die Lehrer. — An ihren Früchten kannte man sie schon längst. Unter 100 kurhessischen Schullehrern kann man von 90 gewiß sein, diese Lehrer verurtheilen zu hören; — die übrigen 10 vielleicht, die ihren Lehren mit Lob und Preis folgten, legten durch ihr Leben und Treiben hinlänglich Zeugniß ab von der Wahrheit der Klagen jener 90. — Wir haben Lehrer gekannt, Männer von Herz und Kopf, die die Zeit ihres Seminarlcbcns verwünschten und verfluchten, die sie
unter bittern Thränen als eine verlorene bezeichneten, von deren widerlichen Eindrücken sie vergebens sich loszureißen suchten. Wir haben andere beobachtet, die sofort beim Austritt aus dem Seminar ihrem sittlichen Untergang entgegen gingen. In sich fanden sie keinen Halt, und der elende Formalismus deü Blindglaubens, den man ihnen eingetrichtert, war ihnen schon längst verächtlich. Wir haben Lehrer gesehn, die ohne einen Funken eignen Nachdenkens, ohne irgend eine Spur geistiger Selbstständigkeit ihren Beruf antraten, um als Lehrer das öde, hirnlose Treiben ihrer Seminarzeit fortzusetzen, und blindes Nachplappcrn, Augendienerei, Heuchelei und Dummheit von Generation auf Generation fortzupflanzen.
Das waren die Früchte, die eine Anstalt trug, deren Beruf eö sein sollte, den Segen des Wissens und der Bildung über das ganze lebende Geschlecht zu verbreiten. Aus ihren dumpfen, freudlosen Hallen entließen sie ihre Zöglinge, die Lehrer des Volkes, gebrochen an Geist und an Körper, verzweifelnd in der Kraft der Selbstrcttung, oder unwissend und voll von sklavischen Gesinnungen. Welche Anstrengungen kostete es dem stärkeren Geiste, sich von diesen Eindrücken zu heilen, wie viele unterlagen in diesem Kampfe. — Die schwerste Anklage, die gegen eine Bildungsanstalt erhoben werden kann, ist die, daß alles Gute, was ihre Zöglinge geleistet, geschah, nicht weil sie Zöglinge dieser Anstalt waren, sondern obgleich sie es waren. Diese furchtbare Anklage trifft in ihrer Schwere das Schullehrerseminar zu Homberg.
Sie waren schon längst der Gegenstand allgemeiner Verachtung durch den Fluch, den ihre eignen Zöglinge über sie auSgossen, die Lehrer dieser Anstalt, durch ihre eifrigen Handlangerdienste im Joch deS Absolutismus, durch ihre hochmütige Demuth und ihr unchrist- licheS Christenthum, durch ihr Verketzern und Verdummen zu Ehren Gottes und zu ihrem eignen Vortheil. Aber es gab damals Gewaltigere, denn sie, — der Kampf gegen ihre hohen Herren und Meister ging an ihnen vorüber. — Der Sturz der Großen ließ sie unversehrt, die treue Schildknappenschaft der Finsterniß , der Lüge und der Dummheit.
(Fortsetzung folgt.)
Dritter Bericht der demokratischen Partei der kurhessischen Standeversamminng.
Am 23. Oktober v. I. trat die den 4. August vertagte Ständeversammlung wieder zusammen. Als Gegenstände ihrer Thätigkeit lagen theils vor, theils wurden nach kurzer Frist vorgelegt mehrere Gesetzentwürfe von größerem oder geringerem Interesse.
Die Verhandlungen über diese Gesetzvorlagen sind noch nicht weit vorgeschritten; wir werden dieselben demnächst unsern Wählern in einem besonderen Berichte mit den Motiven vorlegen, die in diesen meist materiellen Fragen den für die Volkswohlfahrt einzig richtigen Weg vorzeichnen.
Dagegen sind wir schuldig geworden, jetzt unser Verhalten zu dem weiteren Verlauf des Anschlusses von Kurhessen an das Dreikönigs- bündniß als etwas vorläufig Abgeschlossenes Hinzuftellen und unsern Committenten das Urtheil darüber zu überlassen, ob wir in ihrem Sinne gehandelt haben
Unsere Ansicht über dieses Bündniß hat sich nicht geändert; was wir vorausgesehen und gesagt, ist cingetroffen. Diese in sich selbst uneinigen Elemente mußten sich entzweien, dieses Bündniß der Könige, deren jeder sein besonderes Interesse hat, konnte nur durch die Noth, durch die Furcht vor der Volksmacht, die jene als gemeinsamen Feind ansahcn, geschaffen werden. Da die Gefahr vorüber ist, bedürfen sie der Einheit nicht mehr; Sachsen und Hannover haben sich von Preußen getrennt, um nicht von dem mächtigen Staate verschlungen zu werden, und suchen Schutz gegen dessen Uebcrmacht in der Eifersucht zwischen Preußen und Oesterreich. Diese letzten aber schließen gegenseitig das Interim ab und werden über daS Schicksal des Jedem Zugefallcnen sich schon zu einigen wissen.
Dagegen klammern sich die kleinen Staaten mit einer Art Verzweiflung an das zerfallende Bündniß, und die Partei, welche keine Zukunft hat, sieht in ihm allein noch einige Aussicht auf längeres Leben, weshalb sie jede andere Rücksicht bei Seite setzt. Diesen Weg hat auch Kurhessen betreten; eö wird auf ihm seine Selbstständigkeit und seine verfassungsmäßigen Rechte verlieren und dafür die Einheit des Gesammtvaterlandcs nicht erlangen, wohl aber dessen Theilung fördern helfen. Jene Thatsachen hauptsächlich sind eö, welche^mrS in dem Zeitabschnitt entgegentraten, über welchen wir Bericht erstatten ; eS ist der definitive Anschluß an das Dreikönigöbündmß und die Annahme des von der Regierung, nach dem Muster der preußischen, octroyirten, vorgklegten Wahlgesetzes. (Fortsetzung folgt.)