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ML
Kassel, Mittwoch den 2. Januar
1850.
Die Demokratie im Jahr 1849.
Ein neuer Zeitabschnitt hat begonnen! — Indem wir uns zu neuer Thätigkeit rüsten mit verdoppelter Kraft, werfen wir den Blick rückwärts auf die jüngste Vergangenheit, auf jene stürmischen Tage voll von vergebener Hoffnung, allzufrühen Kampfes und blutiger Wie- beringe. — Der glorreiche Märtyrertod unserer Vorkänipfer und £eP den und der ungebeugte Muth, den sie als heiliges Vermächtniß den Lebenden hinterlassen, füllt unsere Herzen mit Trost und mit stolzer Siegeszuversicht. - Fest gegründet, wie der Berge Grund, steht unser Glaube an die Heiligkeit, an den Triumph unserer gerechten Sache.
Wir dienen der Wahrheit. — Der Blick aus die Vergangenheit wird unö nicht allein erfüllen mit Muth, Stolz und Kraft; — die Vergangenheit wird unö zugleich ein Spiegel sein unserer Irrthümer, Schwächen und Fehler. — Wie daS einzelne Menschenherz unzählige Irrthümer als Einstandsatz im ernsten Spiele des Lebens geben muß, bepor der Pfad der Zukunft offen und klar vor ihm liegt: — ebenso irrt und sucht die Menschheit selbst durch labyrinthische Jrrgänge nach dem Wege des Heils und der Erlösung. Das Kreuz auf Golgatha, Ketzergerichte und Begnadigungen zu Pulver und Blei mußten vor- ausgehen, Ströme geliebten Blnteü muß^n d n dornenvollen Weg heiligen, auf dem die gläubig Nachfolgenden, daS lautere Bild der Gottheit im Herzen, voll Entsagung und Duldung suchen gingen nach dem Heil der Seele und deS Lebens. — Zeder Schritt zur Vervollkommnung, jeder neue Wurf um die ewige Seligkeit muß mit neuen Opfern besiegelt, mit neuen Gräbern geheiligt werden. — Daö Andenken an sie foll fein ein Balsam unserer Wunden, ein Mahner zum neuen Streit im Dienste unseres heiligen Glaubens, ein Wecker zur Buße und Besserung, zur Läuterung unserer von wilden Leidenschaften durchwühlten Gemüther. Heiligt euch selbst, so werdet rhr geheiligt.
WaS die Demokratie gefehlt im vorigen und vorvorigen Jahre, waren die Fehler einer stürmischen Jugend, und deswegen unvermeidlich. Aber eben so sicher, wie das Mannesalter auf die Jahre des Jüng. lingS folgt, müssen sie der Besonnenheit und der ausdauernden, würdigen Manneskraft weichen. — Viele haben sich zu Führern aufgeworfen im Bewußtsein ihres guten Willens, — Viele sind als solche vom Volk mit Jubel begrüßt worden, die sich nicht gescheut, blindlings die Menge, deren Wohl und Wehe daS Schicksal in ihre Hände gelegt, mit sich ins Verderben zu reißen. Der demokratischen Volksmenge kann es verziehen werden, kann eS selbst zum Ruhme gereichen, wenn sie voll Enthusiasmus für die neue Lehre zum Kampfe drängt, und ihr Blut für nichts achtet, wenn sie gegen die Schranken anstürmt, die ihrem nächsten Gesichtskreise sich zeigen, ohne eine Kenntniß , ohne eine Idee vom Kampfe der ganzen Partei und von der Palme eines höheren Sieges. — Von dem Führer aber muß man verlangen, daß er die Partei führe, nicht daß er von ihr geführt werde; cs ist tapfer und muthvoll, an der Spitze der kam^fentbrannten Schaaren in die Schlacht zu stürzen, aber es ist tausendmal schwerer, die ungefüge Menge nach höheren Gesichtspunkten, nacy der Rücksicht auf daö Wohl der ganzen Partei in die gesetzlichen Schranken zu bannen, und zugleich das Feuer des Muthâ und der Kampflust in ihren Herzen stets von Neuem zu entflammen. — D>-ch wenn einmal gegen der Führer Willen die Menge im wilden Sturme daö Banner des übereilten, unnützen Kampfes erhebt, so ist ihr Platz an deren Spitze, um zu retten im Streit, was zu retten. •— Viele aber sind statt dessen in dem Augenblick der Gefahr — verschwunden.
All' diese Fehler entsprangen mehr oder weniger ans der schlechten Organisation der Partei, ein Umstand, den sie mit allen politischen Parteien Deutschlands theilt, den die Zerrissenheit unseres Vaterlandes
und die Zersplitterung durch die Lokalkämpfe in jedem einzelnen Land und Ländchen mit sich brachten. Nur eine Partei ist wohl organisirt, unser Aller Feindin, die Despotie — in der Organisation ihres herrlichen Kpi egs he ere S.
Die politischen Jesuiten haben die Auâbrüche der Volköwuth an allen Orten mit Absicht der Organisation der demokratischen Partei zugeschricben, um damit eine allgemeine Hetzjagd auf die Demokratie zu provoziren. Der Unverstand der Philister schenkte ihnen bereitwillig Gehör. Und gerade daS Gegentheil ist die Wahrheit. — War die demokratische Partei vollständig organisirt, so wäre nirgends eine Erhebung begonnen; überall würde man sich überzeugt haben, daß der Gesammtaufstand unmöglich, daß der vereinzelte Lokalkampf eine Thorheit war, — daß die Gesammtmasse der Demokratie noch viel zu wenig durchgebildet, noch zu sehr Prinzip- und systemlos war, eine siegreiche Revolution zu vollenden, und zwar an den Orten zumeist, wo die Menge in plötzlichem Kampfe aufgährte und jedes Wort der Vernunft Seitens der Führer ungehört und unbeachtet verhallre.
Diese Fehler wurden hauptsächlich veranlaßt durch die grenzenlose Unkcnntniß, in welcher der Süddeutsche über den Zustand Norddeutschlands sich besinvet. Der Badenser kannte die Zustände in Frankreich besser als in Preußen. Dies zeigte sich bereits auf dem ersten demokratischen Kongreß in Frankfurt, wo die süddeutschen Demokraten nur nach Tbaten schrien, ohne es für nöthig zu halten, über das Prinzip derselben klar zu werden, ohne eine Ahnung davon, daß im Norden deS Vaterlands daS Volk noch nicht bis zu der praktischen politischen Durchbildung gekommen, daß man eS blindlings zum Kampfe führen konnte, Alles dem Gefühl und dem Zufall überlassend, die Schlacht selbst und das Panier, unter dem man kämpfen wollte. — Man wählte damals Berlin zum Mittelpunkt der Demokratie. Mit Recht. Es hieß daS die süddeutsche Ungeduld an die laugsam reifende Entwickelung Norddeutschlands fesseln. Aber die Süddeutschen glaubten damit die Möglichkeit gegeben, den Norden mit sich fortreißen zu können. Dieser Glauben wurde zu ihrem Verderben. Jetzt schmachten sie unter den Ketten norddeutscher Despotie. — Die Partei hatte keine Statistik von ihrer eignen Kraft, und keinen Begriff von der Macht und dem böseu Willen ihrer Gegner.
Der Rückblick auf diese jugendlichen Ueberettungen, die in Strömen Blutö gelöst wurden, wird die Partei mit ernster Besonnenheit erfüllen, — sie wird ihre ganze Kraft auf eine umfassende Organisation in ganz Deutschland werfen, sie wird die Schranken der einzelnen Länder durchbrechen, um mit Vermeidung eines vereinzelten Lokalkampfes die Gesammtschlacht gegen ihre furchtbaren Feinde vorzubereiten durch die Heranbildung der Massen und durch Aufstellung eines Princips, dem im Augenblick der Schlacht der Sieg von selbst zufallen wird, ebenso wie derselbe vor Zeiten dem nun abgelebten System deS Kon- stitutionalismuS zusicl: — durch Aufstellung deS Princips der demokratisch-sozialen Republik. — G. K e l l n e r.
D e u t s ch l a n d.
Kassel, 30. Dez. — Um unsern Lesern einen Begriff von den Kosten eines vernünftig eingerichteten Staates zu geben, in welchem „Ruhe und Ordnung" herrschen und der „gebildete Kern deö Volkes" regiert, theilen wir hier den Voranschlag der Staats-Einnahmen und Ausgaben KurhessenS für die Jahre 1850 und 185.1 mit.
Die Einnahmen betragen jährlich:
I. Direkte Stenern:
Grundsteuer, d. h. die Steuer von denjenigen- Kapitalien, die dem Staat am greifbarsten sind,,