— 808 —
gen Großherzog zur Abdankung zu nöthigen , damit das zusam- mengestoppelle Land sein Schicksal erfülle. Baiern, Oesterreich und Preußen liegen mit geschärften Krallen auf der Lauer für dieses Moment. — Die dritte Sorge machen die konstitutionellen Knüppelspringer und die zukünftige Kammer, so lächerlich daS klingen mag. Aber diese konstitutionellen Bassermann's, Ma- thy's u. dgl. sind im Stand, unter dem Schutz der preußischen Bajonette etwas Preßfreiheit u. dgl. zu verlangen, und eine Wahlagitation für Erfurt zu machen. Man wird sic kurzer Hand beistecken müssen. Ruhe! Ruhe! Ruhe!
Stuttgart, 13 Dez. — Das Ministerium Schleyer versucht mit beispielloser Frechheit die Stärke und Schwäche der Kammer. Spittler-Wächter hatte in der Sitzung vom 12. Dez. eine Rede begonnen: Da ich Mitglied der ersten Kammer bin. Man rief ihm zu War, da die erste Kammer vor der Reut- linger Volksversammlung davon gelaufen ist, dann aber durch das Gesetz vom 1. Juli aufgelöst wurde. Er bestand darauf, daß diese Kammer noch existire. Eö erhob sich ein allgemeiner Sturm, die ganze Kammer protestirte. WaS thut Hr. Schleyer, er läßt gegen diesen Protest frischweg daS Ministerium protestiren. In der Sitzung vom 13. suchten die Minister ihren übereilten Streich durch arglistige Auslegungen zu beseitigen. Doch geschehn ist geschehn ! Hr. Schleyer hat sich entschleiert.
Oesterreich.
Wien, 11. Dez. (Norddeutsche Ztg.) — Gestern laS man hier an allen Ecke», daß der ehemalige Offizier Kuchenbäcker wegen seiner Theilnahme an de» Oktoberercig- uiffen in effigiem (Welden'sches Latein!), soll heißen: im Bilde — gehängt worden sei. — Kuchenbäcker kann lache«. SokrateS sagte: „schlag mich todt, wenn ich nicht dabei bin."
Die Truppenanhäufungen in Böhmen bestätigen sich. Die Offiziere halten einen Einmarsch in Sachsen nicht für unmöglich. Es gibt zwar ein altes Sprichwort: „eine Krähe hackt der andern die Augen nicht auâ ", aber man muß nicht vergessen, daß Niemand den Fuchs besser kennt, als der Fuchs. Gestützt auf die österreichische Macht wird Sachsen jeder preußischen Zumuthung Trotz bieten, und jede Bewegung im Innern unterdrücken. Man wird in Sachsen niemals wieder in die grausame Verlegenheit kommen, preußische Hülfe gegen die Demokraten nöthig zu haben. Künftighin wird Oesterreich jede solche köstliche Gelegenheit benutzen, um für sich die Dankbarkeit in Anspruch zu nehmen, die Preußen jetzt in Rech- nung bringt. Der Fuchs ist geprellt!
Frankreich.
Paris, 13. Dez — Die Getränkesteuer ist auf der Tagesordnung. Die Verhandlungen sind trotz der Wichtigkeit des Gegenstandes höchst langweilig. Hr. Monta- fembert vertheidigt ihre Beibehaltung, ihre Abschaffung sei eine sozialistische Finauzrevolutio». — Diese Finanzrevo- kution, die übrigens von einer guten Menge ehrbarer Nicht- sozialif.en und Spießbürger verlangt wird, hat bereits 700,000 Unterschriften für sich. DaS Journal Napoleons, „der 1 0. Dezembe r ", kämpft ebenfalls mit Heftigkeit dafür, während der Präsident mit der Majorität Hand in Hand gehn will. Man kennt das schon. — Daß Preußen sich für den Nothfall nach Bundesgenossen umsieht, wenn etwa daS Interim ihm einen üblen Streich spielte, findet Jedermaun durch die Konferenzen des preußischen Gesandten mit Louis Napoleon bestätigt. Schon Lamartine in seiner kurzen AmtSdauer versuchte Preußen auf Frankreichs Seite zu ziehen (f. Lamer- tineS Geschichte der Februarrevolution); er verfolgte hierbei nur die alte Politik, die schon daS Direktorium der ersten Re- publik begonnen, und dir der Kaiser so lange verfolgte, bis
der Zeitpunkt für die Demüthigung der perfiden preußischen Diplomatie ihm gekommen schien. Diese Zeiten könnten zurückkehren.
Ständesitzung.
(Am 1 7. Dec ember.)
Die gewöhnlichen Präambeln. Folgt die Begründung eines Antrags des Hrn....... die hessischen — bekanntlich so vortrefflichen — Bierverhältnisse betreffend. (An den Finanzausschuß.) — Hr. Bar berichtet auS dem Eingabenausschuß: Ein armer Unterthan sei auS dem Hofdienste entlassen (Seine Königliche Hoheit haben einen ziemlichen Segen an Kindern) und dann hulfstveise beim Landgestüte beschäftigt worden. Hier sei er durch den Tritt oder Schlag eines Pferdes unbrauchbar geworden. Der Mann fei nun so rücksichtslos, eine kleine Berücksichtigung vom Staate zu verlangen. — Der Ausschuß ist gegen diese Anmaßung. DaS büreaukratische Vollblut, der Hr. Pfeiffer auS Rotenburg, begreift gar nicht, wie so ein Embryo eines Staatsdieners so frech sein kann, den wirklichen Staatsbeamten spielen zu wollen. Die Race hält auf ihre Reinheit, trotz Adel re. Gleichwohl wird der unglückliche Staatsdienstproletarier der Regierung zur Berücksichtigung empfohlen. Hr. Pfeiffer macht despectirliche Hand- bewegungen » la Buttler, der früher den Sitz des Hrn. Pro- curalvrs einnahm. — Folgt die Berathung des Gesetzes, die Forstbenutzung betreffend. DaS Gesetz beabsichtigt, allen Geineindeangehörigen biö zu 1| Klafter Holz (früher bis zu 2 Klaftern, Reicheren bis zu 4 Klaftern re.) zu einem erhöhten Taxpreise abzugeben. Gegen die Jnbe- trachtnahme des Gesetzes sprachen die HH. Löber (Löber verlangte zuvor eine genauere Ermittelung durch die BezirkSräthe über die Bedürfnisse der Vollspänner, Halbspänner und Unbespannten. Die Neue Hessische Zeitung ist der Meinung, ein Demokrat dürfe nie nach dem wahren Bedürfniß fragen, wo eS sich lediglich darum handelte. Wenn daS demokratisch wär, verdiente die Hessische allerdings diesen Namen), Theobald, Knobel, Loth, Kompe und Förster, für die Jnbetracht- nähme die HH. Wolff, Brenner, Gundlach. Seitens der Regierung würbe der Entwurf von den HH. Wippermann und von Lorenz verthcivigt. Schließlich sprachen sich 29 Stimmen für die Erwägung auö. ?Da wir in der nächsten Nummer die Diskussion nachholen wollen, so bemerken wir hier nur folgende curiosa und scandalosa:
1) Der Forstmeister v. Lorenz meinte, eS sei gut, den Taxpreis dem Marke reise so ziemlich nahe zu rücken. Diese Bemerkung ist offenbar von demselben wissenschaftlichen Werthe, als die neulich des Hrn. Gräfe über daS Papiergeld. Als ob nicht ein Schuljunge begreifen könnte, daß eö keinen eigentlichen Marktpreis gibt, so lange man einen Taxpreis daneben bestehen läßt.
2) Derselbe Hr. Forstmeister meinte, die Annäherung deS Taxpreises an den Marktpreis, d. h. die vollendete Plünderung der Armen, verhindere den Holzfrevel. DaS klingt ungefähr, als wenn einer behauptet, ein Gewinn von 6 Thlr- fei lange nicht so profitable, als einer von 2 Thlr.
2) Die hohe Regierung befürwortete daS Gesetz durch eine erheuchelte Theilnahme für die Armen. Wir werden Nachweisen, daß diese Theilnahme nichts anderes bedeutet , als eine märzministerielle Form für eine Vormärz- liche Brutalität. .,
4) Es ist ganz richtig: die hohe StaatSregierung beabsiH- tigt, Geld um jeden Preis herauSzu fch'nden. Mit der Phrase von Gleichberechtigung wollen die Her ' schäften der Armuth die Sache erst schmackhaft machen. Nachher weiß man die Spießbürger schon zu entscha gen. Solche Großmuth rentirt sich.
J (Berlage.)