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Recht? Ehre? Das Recht und die Ehre! Als ob Recht und Ehre etwas Anderes wären, als Prinzipien, als die letzten Bedingungen einer Aeußerung unseres freien Willens? Und was ist Recht und was ist Ehre? Als ob nicht wieder ein höheres Prinzip darüber entscheiden müßte, waS denn eigent­lich Recht und waâ eigentlich Ehre ist!

Der Hr. Depntirte Gräfe hat in seinem Kampf gegen die Prinzipien in demselben Moment, wo er mit lauter Prin­zipien disputirte, nichts Anderes bewiesen, als seine Bewußtlosigkeit. Die „Gewalt der Thatsachen ", die „Macht der Ereignisse", „la force des choses“, — alles Das sind in der letzten Zeit Schlagwörter geworden, mit denen man seine höhere staatsmännische Weisheit, seinen tieferen politischen Blick beweisen, durch deren Handhabung man sich den Schein eines gediegenen, umsichtigen, sachkundigen Gesetzgebers geben wollte.

Indem man die Prinzipien in'S Gebiet der Wissenschaft verweist, verewigt man die deutsche Profeffvrenwcioheit, jene graue Schulmeistergelahrthcit, deren wir nachgerade überdrüssig sind, jene schweinslederne, weltfremde Buchstabenkunde, durch die unsere Revolution von 1848 verlottert worden ist. Indem man in der Politik an die Thatsachen appellirt, unterwirft man sich der Tyrannei, der blinden Nothwendigkeit, opfert man alle Ehre, alles Gewissen, alles Recht und alle Freiheit für die Rolle eines willenlosen Atoms, beruft man sich auf den schaalsten, flachsten, ekelhaftesten Materialismus, der sich denken läßt.

DaS Prinzip ist daS, was den freien Mann trägt, begei­stert, waS ihm heißt, sein Blut vergießen, den verzweifelten Sturm wagen, was ihn über den gewöhnlichen Menschen, den Phi­lister, den Spießbürger, erhebt, wvs ihn tausendmal von Neuem beginnen, mit immer stolzerer Seele, immer kühnerem Muthe wagen heißt, was ihm bei jeder Niederlage die Palme, für jede Wunde den Balsam reicht. Aber die Prinzipien werden nicht von Professoren gefunden, von Mathematikern berechnet, von Moralphilosophen oktrvyirt. Prinzipien sind keine Kathe- gvrien, keine Gespenster; Prinzipien haben Fleisch und Blut, Feuer und Leben, Prinzipien werden eben aus dem Leben, auö der Masse des Ringenden, Strebenden, sich Drängenden geboren, sie springen auâ der Wëlt der Begebnisse hervor, wie Minerva aus dem Haupte Jupiters, politische Prinzipien sind die Kinder der Geschichte und der Verhältnisse, die sich immer zersetzen und zusammcnsctzen, Kinder, die aber alle an einen Vater glauben, in dem daS letzte Prinzip, in dem auch die Gräfe'sche Ehre und daS Gräfliche Recht in ihrer letzten Bedeutung verborgen liegen.

Die politischen Prinzipien haben sich nicht mit den That­sachen abzusinden, denn sie sind die Folgen der Thatsachen. Die Thatsachen, die man ihnen gewöhnlich entgegenhält, sind gewöhnlich diejenigen Thatsachen, derentwegen die neuen Prin­zipien nothwendig werden, sind gewöhnlich die brutale Gewalt, di» rohe Ucbermacht, die plumpe Säbelnothwcndigkcit. Mit diesen Thatsachen haben sich die Prinzipien nur dacurch abzu­sinden, daß sie sie vernichten, daß sie auf Leben und Tod mit ihnen kämpfen.

Gegenüber solchen Thatsachen giebt cS keine Versöhnung und Vermittelung, kein Markten und Feilschen, sondern ewi­ger Krieg, unablässiger Vcrtilgungskampf. DaS Prinzip kann die Waffen ändern, die ec gegen solche Thatsachen braucht, es kann sich aber nicht selbst ändern lassen. Die Ehre kann sich nicht von der Unehre, daè Recht nicht von dem Unrecht, die Freiheit nicht von der Sklaverei modisiciren lassen.

DaS eben war der Fluch unserer bisherigen Politik, daß sie keine Prinzipien hatte, sondern nur Praktiken, Kniffe und Ränke , und das eben war der Fluch der vorjährigen Politiker, daß sie keine lcbcndiezc, sondern eine todte , geisterhafte Politik hätten.

, Die äußern Formen der politischen Prinzipien wechseln im

Laufe der Zeit, aber in jeder einzelnen Periode dieses Zeiten- laufes ist nur derjenige ein großer, begeisterter Mann, der die Prinzipien seiner Zeit ganz und mit vollem Herzen und konsequentem Geiste erfaßt, für sie leben und sterben will. Der Kampf ist heiß und mühselig, aber es ist der Kampf, der wie der Blitz in der verpesteten Luft alle gesunden, frischen, lebenden Kräfte aufrüttelt, der das Leben vor Fäulniß, die Geschichte vor dem Stillstände bewahrt.

Als Hr. Gräfe -— um einmal ein Beispiel zu nehmen! — die Reichsverfasfung abschwor und für das Dreikönigâbündniß stimmte, da glaubte er der Macht der Thatsachen gewichen zu sein und so viel Freiheit gerettet zu haben, als die Lage der Dinge gewährte. Hr. Gräfe war freilich der Macht der Thatsachen, aber der brutalen Macht der Despotie gewichen, Hr. Gräfe hatte keine Freiheit gerettet, sondern sie verrathen. Ocer ist cs kein Verrath, daS Prinzip der Volkshoheit gegen daS der Despotengewalt zu vertauschen? Ist eS kein Ver­rath , unter dem Blitzen der Bajonette sein Bekenntniß zu widerrufen, oder wenigstens gegen daS entgegenstchende Be­kenntniß nicht zu Protestiren? Wohlan, dann war Luther ein Verräther, als er sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht an­ders", dann sind alle diejenigen Verräther, die auf der Fol­ter nicht der Gewalt der Umstände wichen. DaS ist die Folge der verleugneten Principien.

Hr Gräfe wird sagen, er habe sein Bekenntniß nicht ver­leugnet, er habe nichts widerrufen, er habe nur geschehen lassen, was nicht zu ändern gewesen, er habe nur versucht, daS Unvermeidliche so unschädlich als möglich zu machen. Das ist eitel Geschwätz! Den direkten Feind seines Princips kann Hr. Gräfe nicht unschädlich machen. Hr. Gräfe kann sich von dem keine Koncession versprechen, der ihn seines Princips we­gen verworfen hat. Man kann einem Spitzbuben vielleicht einen Theil seiner Beute wiederabzwingen, man kann aber nicht durch Knierutschen und Unterwerfung einem Fürsten sei­nen Raub abbetteln. DaS spricht für Unkenntniß der „ Gewalt der Thatsachen".

Die hysterische Principlosigkeit deS Hrn. Gräfe würde noch Sinn haben, wenn Hr. Gräfe zu den konstitutionellen Jong­leurs gehörte, deren ganzes Princip eben im Balanciren der politischen Interessen besteht, die ihr Leben nichts anderes alö politische Tauschhändler, politische Schacherjuden gewe­sen sind. Aber Hr. Gräfe ist Demokrat. Und daS Wesen der Demokratie ist die Auflösung der politischen Monopole, ihr Prinzip ist gerade die vollkommene Befreiung des politi­schen Willens von eben jener Macht der brutalen Thatsachen.

Ein Schacher der Demokratie mit dem politischen Mono­pole heißt sich selbst mvnopolisiren.

II.

$r. Gräfe hat durch eine kleine Wendung der „Politik der Principien" die „ Politik der Interessen " empfohlen. Was ist das? Unter Interessen versteht Hr. Gräfe die Ehre, das Recht, die Freiheit, die Wohlfahrt rc. Mein Gott! unter Prinzipien verstehe nufer einer ebenfalls die Ehre, das Recht, die Freiheit, die Wohlfahrt ze. ze. Seine Interessen und unsere Principien sehen ft$ so ähnlich wie ein Ei dem andern-

Aber Hr. Gräfe muß sich doch, trotz der Behauptung GötheS, daß es nicht nöthig sei, etwas dabei gedachst hn° ben, als er seine Interessen erfand. — Hr. Gräfe ist Leh­rer, Mathematiklehrer, mathematischer Schriftsteller. Hr. Grase operirt also lieber mit Größen als mit Begriffen. Die Feei- hHt als Princip ist eben die Freiheit, die Freiheit als In­teresse ist eben nur eine gewisse Quantität Freiheiten, daS Recht als Princip ist eben daö Recht, das Recht als Interesse ist eine gewisse Quantität von Rechten rc. re.

Indem Hr. Gräfe an die Stelle der Prinzipien die Inter­essen setzt, setzt er sich in die günstige Lage, mit den Umflau-