wird der Vorschlag gemacht, solchen Feierlichkeiten gar nicht mehr beizuwohnen auf Einladung, denn sie sei souverän — diese Versammlung. — Der Präsident wünscht einige Millionen, um sich auö der Klemme seiner Schacherjuden zu retten, von denen er Einen, statt mit klingender Münze, mit dem Finanzministerium hat bezahlen müssen. Er wird Nichts erhalten, als seine 600,000 Francs. Der Herr Vice- präsident") der Republik, der ebenfalls eine kleine Zulage zu seinen 48,000 Francs haben wollte, ist bereits in Gnaden abgefahren. Die Nationalversammlung ist souverän.
Aber der Neffe ist auch souverän. Wer das nicht glauben will, höre die Stimme deö Volkes, das heißt eine Stimme, mit der seine Freunde ihn zu seiner Herzstärkung regalirten, um ihm Muth zu machen; — ebenso gewann Manteuffel zu Berlin in der Bierschenke die Ueberzeugung, daß daö Volk hinter ihm stehe. — Der Prinz-Präsident wird in Paris in eine Fabrik geführt; dort muß er über die glorreichen Absichten sprechen, die er mit der Hebung der Industrie habe, ebenso wie sein großer Onkel, der Kaiser (dieser Titel der Legitimität darf in keiner Rede fehlen). •— Ein Arbeiter fordert ihn auf, diese Absichten ins Werk zu setzen. —- Der große Neffe zuckt die Achseln und erwiedert: sind keine Massemattcn da, die Nationalversammlung will keine Mas. sematten gebrn. — Darauf der Arbeiter: „so jag' sie zum Teufel, großer Präsident — großer Napoleon II.
Also steht das Volk hinter dem Kaiserling.
Aber vaö zum Teufeljagen ist höchst gefährlich. — Wenn sie auch sielen, diese Legitimisten und Orleanisten, hinter ihnen steht die ungezählte Macht deö Sozialismus. Darum mußte der gefürchtete 18. Brumaire (9. November) ohne weiteres Ereigniß vorübergehen. Die Franzosen sind Schauspieler und Kinder; — weil Napoleon am 9. November 1799 sich zum Consul machte, soll sich sein Neffe am 9. November 1349 zum Kaiser oder zum Präsidenten aus 10 Jahre machen? — AlS gäb' es nicht noch mehr Tage ihm Jahre.
Die Sache muß vorsichtig vorbereitet werden. Wie der Onkel, ruft der Neffe bereits auS: „Nein, ich will keine Faktionen mehr, ich will, daß eS ende, ich will durchaus keine mehr." Er studirt ihn Schritt für Schritt. Aber damals nach diesen Worten des Onkels schrie Volk und Militair: „ eS lebe Bonaparte!". — Und nach diesen Worten trat Napoleon I. in den Rath der Fünfhundert, um ihn zum Teufel zu jagen; aber der Held von Abukir und Marengo verlor die Besinnung, als man auf ihn einstürzte, und ohnmächtig schleppten ihn zwei Grenadiere inS Freie.
Das passirte dem Onkel, dem Liebling des Heeres, dem Abgott des Volkes, der alle Parteien hinter sich hatte, mit Ausnahme der sehr zusammengeschmolzenen Jakobiner. Was könnte dem Neffen passiren!
Es gibt noch andere Mittel, um zum Ziel zu kommen. Der neue Polizeidirektor in Paris, Carlier, wird schon EtwaS erfinden. Bereits munkelt man von einer Verschwörung der Legitimisten — etwas Höllenmaschiene — und man kann diese Herren beistecken V. R. W. — Zugleich muß man daS Volk an die Abschaffung der alten Phrasen gewöhnen; deshalb läßt der Polizeipräfekt die Worte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bei seinen Edikten weg, und der Minister dcâ Innern ahmt ihm nach. (Art 11 der Konstitution der französischen Republik hat als Grundsatz: die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit.)
So kämpfen sie dort, wie bei uns, ihren kleinen, heimtückischen , erbärmlichen Kampf um die Herrschaft, während die
*) Art 08 der französischen Konstitution: „Die Nationalversammlung wühlt einen Bizepriisidenten der Republik auf 4 Jahre auf bin Vorschlag, den der Präsident innerhalb des auf seine Erwählung folgenden Monats zu machen hat." — Diese Rull im Staate heißt im Augenblick Koulni von der Mcurthc. _ ,
Nemesis ihr unerbittliches Richtschwert gezückt hält. So treiben sie dort auf dem Boden der alten Schurkerei und gesellschaftlichen Zerrüttung das alte Spiel mit der Wohlfahrt des Volkes, während dieses mit finsterem Blick die "Verheißungen seines Glücks verschwinden und das alte Staatssystem fort und fort mit unerträglichem Druck auf der Armuth lasten sieht. —
So verbringen sie ihre Tage, während der Staatsbankerot vor der Thür steht, wie überall.
Das zeigen die Finanzen. — Niemand ist froher über den Staatsstreich deS Ochsen, als der ehemalige Finanzminister Passy, der bereits vor seiner Entsetzung erklärte, daß er an der Wiederherstellung der französischen Finanzen verzweifelte.
Passy hatte das Desizit von 1850 auf 32 0 Millionen berechnet. — Der neue Finanzminister F o u l d will jedoch dieses enorme Dcsizit dadurch verringern, daß er die Steuererleichterungen, welche die konstituirende Nationalversammlung dem Volke gewährt hätte, wieder vernichten will. Diese hatte die Brieftare herabgesetzt (was einen Ausfall von 12 Millionen machte), die Salzstcucr (Ausfall von 60 Millionen) und am 18. Mai die Getränkesteuer vom 1. Januar 1850 an abgeschafft, was einen Ausfall von 103 Millionen machte.
All' diese Steuern will der neue Finanzminister wieder eingeführt haben, und mit ihm die Rechte. Die Linke dagegen wird sie aufs hartnäckigste bekämpfen. Von diesen Steuern ist namentlich
die Getränkesteuer die verhaßteste. Ihre Wiedereinführung würde im Süden Frankreichs namentlich eine tiefe Gährung erzeugen, aber überall ist sie dem Volke, dem sie ein unentbehrliches Nahrungsmittel , den Wein, vertheuert (sie macht per Kopf durchschnittlich für ganz Frankreich 1 Gulden jährlich), seit undenklicher Zeit zuwider, und durch ihre ErhebungSart doppelt lästig. Man wird sehn, wie die Rechte daS Volk gegen sich erbittert, und wie der Herr Präsident den Nutzen ziehen wird.
Die Majorität, die Männer deS alten Steuersystems, haben hier wie bei uns den Grundsatz, man muß nach den Ausgaben die Einnahmen einrichten, ohne zu fragen, welche Ausgaben unbedingt nothwendig sind, oder blos durch daS alte verfaulte Staatssystem geschaffen. Aber sie fühlen, wie cs mit diesem System zu Grabe geht.
Der abgcsctzte Minister des Innern ruft in einem Aufsatz über diese Zustände verzweifelnd aus:
„ Nur ein Krieg oder eine starke Wiederaufnahme der industriellen Thätigkeit kann uns der Katastrophe entreißen, auf welche wir durch den doppelten Zug der moralischen Anarchie und deö finanziellen Defizits zueilen." ,
Bravo! Also ein Krieg! Denn die starke Wiederaufnahme der Industrie und die gefürchtete Frage der Organisation der Arbeit ist Ein und Dasselbe, und darum für dic<e eingefleischten Geldsäcke unmöglich. —
Und das Journal des Präsidenten, der „Dir Deccm- br e", schreibt damit im vollsten Einklang: ,
„ Es gibt nur drei Mittel , aus unserer verdrießlichen Lage hcrauszugelangeu. Das erste besteht in züge losem Widerst and, daS zweite in der Befriedigung Fortschrittverlangenö, daS dritte in einer Ableitung einen auswärtigen Krieg. Ein Krieg wäre un nicht zuwider; sehr wahrscheinlich werden wonach sehr langem Schwanken, damit enden. erste Mittel lieben wir eben so wenig, alâ wir eS einräume - Bleibt noch daS zweite. Nun wohl, es scheint uns, daß m einer arbeitsamen und energischen Verwaltung, wie wir ü jetzt haben, mit guten wohlangewandtcn Gesetzen, die Reg>e rung daS Land retten wird. ,
Diese Regierung dcr Rettung wäre Napoleon,