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Zweiter Jahrgang.
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Die Hornisse.
„Naum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Tiner freien Keele!"
ML 139
Kassel, Donnerstag, den 22. November
1849«
Die Verfassungsverletzung durch den Anschluß an den preußischen Einkönigs- Sonderbund.
Die Verfassung ist verletzt. — Die Verfassung muß wieder hergestellt werden.
Unsere Verfassung war unser Schild in jenen vormärzlichen Zeiten der Auönahmsgesetze, der Preßprozesse, der Centraluntersuchungskommissionen, der Inquisition und der geheimen Polizei; in jenen Zeiten deS Metternich'schen Bundestages, wo vor dem alten Bundesschiedsgericht kein Recht zu finden war und keine Gerechtigkeit, wo die Versammlung der Vertreter aller Fürstenhäuser unter Hohngelächter sich inkompetent erklärte, wenn Fürsten, wie die von Preußen, Hessen und Hannover ihre „Unterthanen" in ihrem Eigenthum schädigten (westphälische Domänenbesitzer), »der wenn sie, wie der englische Pair Ernst August zu Hannover, offen die Gesetze zerbrachen, sobald es für ihren Geldbeutel von Nutzen war (Domänenschluckerei), oder für ihre tyrannischen Sonder- gelüste ein FestschmauS.
Die Verfassung war unser Schild, als jene von Neuem schleichend aus der Finsterniß auftauchende Rotte der Heuchler und Pharisäer unter der scheinheiligen Fraße der Frömmigkeit, der Treue und der Gottbegnadigung an ihren Grundsäulen rüttelte und an ihren Gesimsen zerbrach.
Ja, wir hätten sie hingegeben, gern, mit unserm strömenden Herzblut hingegeben, wenn wir auf ihr alteS Fundament einen großen, einen herrlichen Freiheitsbau hätten gründen können, einen Tempel der Nation, ein Volksreich, eine freie deutsche Verfassung. Die Freiheit der Heimath war doppelt wieder errungen, wenn die Freiheit des Vaterlands gewonnen wurde. —
Der Stamm mit seiner ganzen Eigenthümlichkeit, mit all' seinen Einzelfreiheiten mochte verschwinden, um.durch Auflösung in der großen Gesammtnation dafür die Freiheit selbst und sie ganz zu erringen.
Aber nun?!
Nehmt ihn zur Hand, den alten, den treuen Schild! — Verschwunden ist der Morgenstern, verblaßt der Frühschimmer, der den neuen Tag zu verkünden schien. Verblichen ist das lorbeerbekränzte Bild des Vaterlands, das aus niederfahrendem Gewölk mattstrahlend emporstieg. Die alte Nacht kam zurück! — Und wieder sind wir vereinzelt, vereinzelt im Kampf, im Sieg und in der Niederlage. — So hebe der Streit denn wieder an da, wo er vor jenem heiligen März geendet.
Die Verfassung sei unser Schild und Wehr,
wie vordem, gegen daS neue Interim, gegen den neuen Fürstenbund, gegen das neue Schiedsgericht, — gegen all' diese neuen Lügen, wie sie eS war gegen die alten; — sie sei unser rächendes Schwert gegen die Abtrünnigen und Meineidigen, denen sie Schutz verliehen ehedem, und die sie treulos, aberwitzig um einen falschen Götzen verlassen.
Die Verfassung ist verletzt!
Damals, als jene bekannte Adresse fabrizirt wurde, fa- brizirt von enragirten Preußenanbetern, unter denen sich Henkel, der Gothaer Ausreißer, befand, damals, als die Majorität mit stieren Blicken und mit stummem Nicken rasch und entschlossen den Stab über die Freiheiten der Heimath brach und die Stücke stumpfsinnig der Demokratie zu Füßen schleuderte mit kläglichem Gewinsel;
Unvermeidliche Nothwendigkeit! damals erhob umsonst die Demokratie ihre warnende Stimme. Die Kopflosigkeit, die Angst, das berüchtigte „Vertrauen" der preußischen Feueranbeter, der Anbeter der Shrapnels und der Spitzkugelbüchsen war zu einem solchen Parorismuö gestiegen, daß ihr lautbebender Herzschlag allein die Mahnungen freier Seelen überstimmte.
Freilich zitterten sie im Stillen vor dem Verrath, den sie begingen, — freilich klangen jene Mahnungen in ihr Innerstes wie die Prophetenstimme der Zukunft: — aber Unverstand, Furcht und feige Heuchelei gegen sich selbst und gegen daS Volk — trieben sie fort zur unvermeidlichen Nothwendigkeit.
Oder war es kein Selbstbetrug, als sie damals auf Bayer- Hoffers Prophezeiungen vom Bruch der Verfassung mit der formellen Ausflucht entgegneten: Es sei in einer Adresse von keiner Proposition, von keinem Antrag die Rede, eS sei eine reine Ansichtöäußerung, und jeder positive Schritt der Regierung müsse die Zustimmung der Stände erhalten? —
War eS kein Selbstbetrug, als sie damals in der Adresse den Zusatz aufnahmen:
„Wir hegen zu der Regierung Ew. k. Hoheit das volle Vertrauen, daß Sie bei den deöhalbigen Unterhandlungen und Verträgen die Unverletzlichkeit der Verfassung, sowie die den Kurheffen gewährten Rechte und Freiheiten und daS Wohl des weiteren und engeren Vaterlandes mit Nachdruck und Beharrlichkeit wahrnehmen werden", als sie zum Schlußsatz die Worte setzten:
„So weit eine Mitwirkung der Ständeversammlung erforderlich bleibt, sehen wir den deshalbigen Vorlagen entgegen."
Wohlan, war es kein Selbstbetrug, so war eS eine Lüge!