Einzelbild herunterladen
 
  

- 707 -

in noch zu erwerbenden Landestheilen die kaiserliche Autorität wie. der her und endlich wird der preußischen Union mit einem öster­reichischen Zollvereinigungöprojecte geantwortet. Dieses Projekt verspricht Deutschland und Oesterreich in vier Perioden alleS Heil und Segen, Anfangs weniger, später mehr. Es ist ächt konservativ, durchdrungen von der erhaltenden und langsam fortentwickelnden Kraft der österreichischen Politik, ohne jene alles überstürzende Hitze der Demokratie." Nach diesem Pro- jecte wird der ausgehungerte Unterthan nach einer gewissen Methode auf die Freuden seines Alters zugerichtet und vor­bereitet. Wer ausharret, bis anS Ende, d. h. wer sich vier mal und noch mehr verjüngt, wird in kaiserlich - österreichischer Manier selig werden.

Die österreichische Politik ist der preußischen gerade entge­gengesetzt. Die Regierung deS modernen Preußen, deS Staats der Intelligenz, der Philosophen, der Kritiker, macht alle Docks- sprünge des modernen Geistes mit durch, paukt sich mit Hegel und Schelling, mit Fichte und Kant, läßt sich auf die Kritik der Röthen und Blauen, der Weißen und Schwarzen, der Liberalen und der Gerlachs ein, schlägt sich wie ein Don Juan, wie Fra Diavolo zwischen allen Verlegenheiten durch, in die sie sich kraft ihres modernen Zuschnittes selbst gestürzt hat, heuchelt und schmeichelt, asfektirt und kokettirt, standrechtet und docirt, sie standrechtet und docirt im Namen des Geistes, der Intelligenz, der Kritik. Die preußische Politik ist um keinen Pfennig besser, als die des gestiefelten Affen in Frankreich, der preußische Humor ist nur freiwillig, der französische unfreiwillig, die preußische Regierung kann sich nicht vor der Intelligenz, die französische nicht vor sich selber retten. Die österreichische Regierung kennt solche Kleinigkeiten, wie Geist, Kritik rc. nicht, sie kennt für daS Volk nur Knödel und Gemüse. Im klebrigen ist die österreichische Regierung durchdrungen von der Unfehlbarkeit des monarchischen Prinzips, der Herrlichkeit von Gottes Gnaden, und ist voll der tradi­tionellen Maximen unserer Regentenfamilien. Sie geht dem­nach einher wie ein Hofmarschall, ein Erzbeamter, ohne alle Rücksicht auf das plebejische Gesindel, ohne alle Heuchelei, außer der, wie sie für altadelige Diplomaten sich geziemt. Die österreichische Politik hat etwas Großartiges, Erhabenes, sie erinnert noch an die Tage Karls V., in dessen Reiche die Sonne nie unterging.

Aus diesen Gründen sind denn auch die Würgereien in Oe­sterreich lange nicht so empörend, als die in Baden. Oester­reich hat nie mit dem Geiste trasigirt, eS hat ihm allewege mit dem Schwert und dem Strick geantwortet. Es schont daher auch so wenig die Geschlechter deS jahrhunderlalten Adels, als einen lumpigen Honved; die Dynastie würde die Glieder ihres eigenen Leibes abschneiden, wenn sie anfingen, krank, d. h. vom Geiste besessen zu werden. In dem Blödsinn der letzten österreichischen Dynasten liegt etwas fürchterlich Tragisches. Mit der österreichischen Dynastie bricht der letzte Rest Mittel­alter zusammen. Dagegen sind die preußischen Metzeleien nur Erklärungen deS geistigen BankbruchS, der geistigen Nie- Verlage der preußischen Henker. Mit dem Auseinanderfallen deS preußischen Staates zerbricht die ganze Dressur der In- telligenz, der ganze eingeschulte Geist, zerbricht das VtaatS- recht, die Staatsökonvmie, die Staatsschule, die Stsatskirche, die Staatswissenschaft. Der in den preußischen Staat auf­genommene , approbirte und sanctionirte Geist ist die Natter im Schooße dieses Staates.

UebrigcnS hat das österreichische Ministerium beschlossen, keinen rein politischen Verbrecher in Ungarn mehr mit dem Tode zu bestrafen. Die Maßregel ist von denselben erfreulichen Folgen, wie die Verweisung der badischenRebellen" vor die ordentlichen Kriegsgerichte. Gehängt oder geköpft, gekocht »der gebraten!

Die türkische Frage Die türkische Frage ist noch um keinen Schritt weiter als früher. Von der einen Seite wird berichtet, Kaiser Nikolas stehe vorläufig vom starren Fest­halten an seiner Forderung ab, von der andern, er habe die Forderung noch gesteigert, er nehme ein größeres Uebergewicht an der Donau in Anspruch. Sicher ist nur, daß die Flucht der ungarischen Insurgenten in die Türkei dem weisen Czaarrn sehr gelegen gekommen ist. Wie ein Tritt tausend Fäden regt", wie sich die Contrerevolution im schönsten Interesse Rußlands abwickelt! Die sortzeugende Kette von Ursachen und Folgen wird eines schönen Tages in Ostindien zu Ende gehen. ES sollte mich gar nicht Wunder nehmen, wenn dem­nächst einmal daS Asyl einiger türkischen Heerführer bei den englischen Gewürzkrämern einen casus belli zwischen England und Rußland abgäbe.

Ständesitzung. (Am 2. November.)

Nach den üblichen Präambeln, und ohne daß ein Mi­nister eS für der Mühe werth hält, der langweiligen Sitzung beizuwohnen, werden ein paar AuSschußberichte vorgetragen. Sie betreffen eine PenfionSerhöhung, die Domanialstatistik (warum hat sich Hr. Gräfe nicht einmal überhaupt nach demStadium", in dem die hessische Statistikliegt", erkundigt?) und ein Gesuch des Dr. Tünnermann um Zulas­sung zum Staatsexamen ohne hessisches Doctoreramen. Bei Gelegenheit der letzteren Sache kam einmal wieder die Gel­tung der lieben Grundrechte zur Sprache. Es lag ein allge­mein gehaltenes Ministerialrescript vor, wonach die Grund­rechte auf die Medizinalordnung, die noch einen gewissen Sludiengang kennt, keine Anwendung fänden. Sofort erhoben sich die alt-liberalen Knüppelspringer und suchten daS Faß dieses DiskussionSweines zu verspunden. Mit der Frage nach der Geltung der Grundrechte kann man die HH. Henkel rc. in die «Stimmung eines mit einem rothen Tuche gejagten Trut- hahuS bringen. Auf dem Rücken eines beliebigen Ministerial- kanzlisten, das rubrum deS MinisterialreskripteS mußte die Sache auf sich nehmen segelten die Herrschaften glück­lich unt den delikaten Punkt, und somit um die Frage, ob in Hessen für die Mediciner Studienzwong existirt, »der nicht. Dvklvr Zimmermann wurde übrigens mit seinem Gesuche ab- gewiesen.

Folgen verschiedene Interpellationen. Hr. Theobald ver- langt baldige Vorlage eines Schulgesetzes (daS Gesetz liegt nach dem Landtagskommissar in einem gewissen Stadium!), Hr. Weinzierl die Vorlage aller zur Durchführung der Grundrechte (o weh!!!) nöthigen Gesetze auf diesem Land- tage (mehrere Gesetze Gott weiß welche! liegen nach dem Landtagökomnnffar in gewissen Stadien, worüber die alt- liberalen Ktiüppelspringer dem Ministerium ihre tiefste Devo­tion und der Linken ihren Abscheu zu erkennen geben), Hr. Malkmus reklamirt für das BiSthum Fulda die stipulirte Dotation und wirft dem Staate Kurhessen Vervortheilung und dem Rechtspflegeausschuß des letzten Landtag« auffallende Hintansetzung dieser selben Sache vor (die Advocaten Henkel, Nebellhau und Oetker gerathen über den letzten Vorwurf in solch sittliche Entrüstung, daß man die Knöpfe ihrer Westen abspringen hört), und Hr. Bayrhoffer spricht für Anlage einiger Straßen im Oberhessischen, wozu der LandtagSkommiffar die sehr wohlfeile Bemerkung macht, daß eS besser wär, diese Sache fallen zu lassen, bis ganz Kurhesseo ueu belandstraßt wurde.

Ich glaube: da« war Alles. Ueber acht Tage ist abermals Sitzung.

Der Herr segne euch und behüte euch :e. x.