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Wiedereröffnung der Ständekammer (vulgo Landtag).

Sitzung vom 23. Oktober.

Die Vertreter der kurhessischen Stände, der Höchstbesteuer­ten, der Niedrigbesteuerten, des Bürger- und des Bauern­standes sind wieder in unserer Mitte. Vivat! Hallelujah!

Es ist eigentlich noch viel zu früh. Der Verwaltungsrath des preußischen Reichs ist noch in voller Confusion, der neue Bundestag ist noch lange nicht in Frankfurt in selbstherrlich­preußisch-österreichischer Größe versammelt, um den Ständen einige fait - accomplis auf dem politischen Präsentirteller vf- seriren zu können.

Aber die raschen, e n t sch l o sse n e n Männer der Majo­rität werden Oesterreich und Preußen durch ihre Kühnheit zur schleunigen Entwickelung ihrer geheimnißvollen Diplomatie nö­thigen. Der berühmte Gothaische Wurstmacher, Hr. Henkel, verfehlt auch nicht, sofort seine alte Parlamentörosinante in sausendem Galopp zu tummeln.

„WaS", ruft er entsetzt auS, „noch kein Reichswahlgesetz? " — „Jetzt gerade muß eS gegeben werden, weil einige der Verbündeten (Sachsen, Hannover) an ihrem gegebenen Worte deuteln und drehen." —

Es ist ein wahres Wunder, daß ein Gothaer Verstand so Etwas nur bemerkt. Sehr anerkennungSwerther Fortschritt in Einsicht.

„ Rufen wir ihnen (den treulosen Heuchlern) daher laut und deutlich zu: wir wollen den Bundesstaat mit Allen-- oder als Anfang mit Einigen!" schließt er seinen edlen Sermon.

Ja, das ist die ächte deutsche Einigkeit — der Bundes­staat mit Einigen, oder als Anfang mit Preußen allein. Ein ausgezeichneter deutscher Bundesstaat, den einige etwas klügere Leute wie Hr. Henkel richtiger mit dem Namen preußisches Reich belegen.

Und wenn alle den Bundesstaat mit Preußen nicht wollen, die Gothaer Ausreißer werden ihn wollen; dem preußischen Dynasten und der preußischen Kaiserkrone zu Gefallen ver­riethen sie das Vaterland und das Parlament deutscher Nation! —

Nun schreit Niemand lauter und deutlicher nach preu­ßischen Knutenhieben, als die Wurstpatrioten von Gotha, Nie­mand will rascher und entschlossener wenigstens ein­zelne Ländchen schwarz und weiß anpinseln, nachdem die Hälfte Deutschlands mit Widerwillen sich diesen Anstrich verbittet.

Die Zeit der Buße in Sack und Asche wird nicht aus­bleiben. DaS Volk oder die Despotie wird diesen raschen, entschlossenen Flüchtlingen nnd Schreihälsen die gerechte Züch­tigung angedeihen lassen.

Schneider und Herbener, die Abgeordneten der Höchstbesteuerten deö Bezirks Marburg, wurden eingeführt.

Der Antrag d e s A b g. L e d e r e r, die StaatSregierung zu ersuchen, sie möge all' ihren Einfluß bei der badischen Re­gierung anwenden, damit die standrechtlichen Prozeduren in Baden aufhörten •— wurde einstimmig sofort angenommen.

Spät kommtJhr, Jsolani, doch Ihr kommt! (Eigentlich üicbenöart der Neuhessisch - Preußischen für die anscheinende Bekehrung Gräfe's.)

Weder Baden , noch sein Herr, der Preuße, wird sich viel um dieses Veto kümmern, aber es ist doch ein schwacher Laut der Volksstimme, eö ist doch ein Protest wenigstens im Namen der Gerechtigkeit und der Humanität. O Dynastie Hohen- zollern, deine Hand trieft von Blut.

Ah, wer hätte gedacht, daß das Volk so viel Blut in sich hätte!

Wasch' deine Hände! — Vergebens! — Alle Wohlgerüche Arabiens werden diese Hände nicht wohlriechend machen! (Lady Macbeth.)

Angekündigt werden:

Mehrere selbstständige Anträge Kompe's, auf Revision der Gemeindeordnung, Aufhebung der Verwaltungsämter, Errichtung von Amts- und Oberbürgermeistereien, denen die Steuerinspektio-en einzuverleiben seien, auf Gründung von Ackerbauschulen, auf Niedersetzung einer Kommission von Staats­beamten und V'.rtrauenömännern zur Revision der Landes- Hospitäler Haina und Merxhausen an Ort und Stelle, sowie auf Errichtung einer Jrrenheilanstalt.

Der Landtagskommissar theilt mit, daß Nebelthau, Schneider und Schwarzenberg zu Mitgliedern des ständischen Ausschusses bei Haus- und Staatsschatz von der Regierung bestellt sind — und erinnert Namens des Finanzministeriums die Beschlüsse wegen des Verkaufs der Propsteihufen in der Gemarkung Niederhohne und zur Feststellung der Gehalte der Gränzsteueraufseher.

Er legt darauf folgende neue Gesetzentwürfe vor:

Namens des Finanzministeriums Gesetzentwürfe über Besteuerung des Grundeigenthumö, deS Bieres und des Branntweins; Namens des Justizministeriums Gesetzentwürfe wegen Ablösbarkeit der noch bestehenden Grund­lasten, über die öffentlichen Verhältnisse der Anwälte, wegen Aufhebung der von den Standes- und Grundhcrren ausgeüb­ten Gerichtsbarkeit und anderen Hoheits - oder grundherrlichen Rechte, und über die Errichtung vou Familienräthen; Namens deS Ministeriums des Innern einen solchen über die Eisenbahnpolizei. Die Erinnerungen und die drei erstgenann­ten Gesetzentwürse werden dem BudgetauSschuffe, die übrigen dem Rechtspflegeausschusse zugewiesen.

Nächste Sitzung Freitags den 26., um 1 t Uhr.

Ueber sonstige mögliche Vorlagen munkelt sich noch allerlei. Etwas neue Anleihe von so circa 500.000 Thälerchen, etwas Papiergeldchen noch, etwaS Bauverwilligungen und dergl. Kleinigkeiten.

Die Bastardhyäne Haynau, kais. kön. Städte­verwüster und Oberhenker und Großkreuz deS kurhessi­schen Löwen, wüthet, daß sein Schlachtopfer Batthyany uur erschossen und nicht gehängt ist. Diese Wuth soll doch den Herren Staatöministern und Höflingen in Wien so auf die zarten Nerven gefallen sein, daß sie den hessischen Ajax aufs Land geschickt haben in Urlaub, — vielleicht, um wie der wüthende Telamonier an Schaafheerden seinen Blutdurst zu verbüßen. — Dem Vernehmen nach hat sich der berühmte Würger entschlossen, seine unfreiwillige Muse in seiner Vater­stadt Kassel hinzubringen, woselbst er die Huldigung der deutschen Fürsten und ihre Großkrcuze entgegenzunehmen ge­denkt. — Der Magistrat wird aufgefordert, bei Zeiten Sand in der Stadt streuen zu lassen, damit man seine blutigen Fuß­tapfen fortkehren kann.

Anfrage an die Staatsregierung.

Wie man vernimmt, sollen zwischen Hannover und zwischen Kurhessen ähnliche Kostenersatzverhandlungen stattsinden, wrc zwischen Preußen und Baiern. Hannover wollte 80,000 Th^r. Entschädigung für Besetzung der hessischen Grenzen haben. Ist nicht bereits von Oesterreich ein ähnliches Verlangen a uns gestellt wegen Besetzung der deutschen Grenzen, oder ve Preußen wegen Durchmarsch durch Kurheffen? — billiger, als daß der Kleinere dem Größeren Haare laß.