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Hornisse.
„Naum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Liner freien Seele l"
^26. Kassel, Dienstag, den 23. October 1849,
Die Verbannten.
Jerusalem war gefallen. Ueber den ganzen bewohnten Erdkreis wurde das Volk Gottes zerstreut, und mit ihm die Lehre vom einigen Gott, mit ihm das Christenthum, die Revolution der Religion. Und eS folgte der Sturz der Götter Roms und Griechenlands und der Untergang der in Sklaverei, Mord und Unzucht entmannten Weltreiche. So wurde das Volk der Verbannten der Engel des Todes für seine Henker, die Verdünner.
Polen ward zerstückelt. Ueber die Länder Europas ergossen sich die Schaaren seiner Helden.
Der weiße Aar ward zerrissen von dem dunklen nordischen Raubgezücht, von den drei Adlern der frcundnachbarlichcn Despoten. Und in ihren eignen Busen verpflanzten sie deu Fluch der sterbenden Helden, in ihre Marken trugen sie die ewige Revolution, und hinaus über gauz Europa, über die Erde verbreiteten sie die Verschwörung gegen die gekrönten Tyrannen.
WaS ist einVolk ohne Vaterland? — Dort in der Oede der unabsehbaren Steppen oder im Hochland am bxau- ßenden Wassersturz der Felsen weilt das Herz an der zehrenden Erinnerung vergangener Größe, zerbrochener Freiheit, verlorener, geschändeter Ehre und Liebe. Und leise Seufzer und stille Racheschwüre steigen zum Himmel empor und ziehen in bleichen Traumgestalten um das nächtliche Lager der Despoten.
Welche Flüche, welche Verwünschungen liegen gehäuft auf diesen blutigen Kronen. Der Geist der Gerechtigkeit trägt sie schweigend ein in die ehernen Tafeln der Vergeltung, bis sich ihre Summe erfüllt, bis ihre Last untragbar, bis ihre Menge, die Luft mit wildem Weh erfüllend, heranbrandet an die Stufen der Throne, ein Meer der Rache, der Wuth und der Vernichtung.
Was ist das Vaterland? Es ist mein Alles! — Alö die Mutter meinen stammelnden Lippen die ersten Laute der Liebe lehrte, als mein Vater mich zur ernsten Wissenschaft und zum Werke der Waffen führte: — es war die Sprache meines Landes, die mein schlummerndes Herz entzückte, es war die Weisheit meines Volkes, die meine Gedanken erweckte, es war das Schwert der Väter, geweiht in den heiligen Schlachten der Freiheit, gefeit mit dem Herzblute deü alten Feindes. — Das Alles umschließt das eine Wort: Vaterland.
Aber die Tyrannen haben die Altäre der Freiheit unigestürzt, und die Schaaren von Verbannten durchziehen die Welt, ohne Vaterland, ohne Heimath — die Propaganda der europäischen Revolution, die Vereiniger der unterdrückten Völker
gegen daS Bündniß der Despoten. Die Tyrannen nahmen den Völkern daâ Vaterland, damit die Erde daS Vaterland der Freiheit werde.
Wer waren die Gründer der Amerikanischen Freistaaten? ES waren die Vertriebenen vom bigotten Strande Altenglands.
Die Lehrer der neuen Revolution in allen Ländern waren die verjagten Söhne des polnischen Freistaats. Und nicht blos die Lehrer, sondern die Führer.
Wer kämpfte mit auf den Barrikaden in Paris, in Wien, in Dresden, in Berlin? — Polen!
Wer führte in Sicilien, in Genua, in Sardinien, in Rom die Heere der Revolution? — Polen!
Wer schlug in Ungarn die fu-chtbaren Schlachten, vor denen der Glücksstern Habsburgs erbleichte, bis die Horden von der Wolga, vom Don und vom Dniepr sich zu den Ar- padischen Gefilden wälzten?
Wer kämpfte in Baden in dem ersten Freiheitskriege der deutschen Revolution? — Polen!
So warfen die Tyrannen ein ganzes Volk hinaus in die Welt, heimathlos, obdachlos, mit der Rache im Herzen, mit der Hand am Schwerte, einen Sauerstoff, der das Europa der duldenden Sklaven in kriegerische Gährung versetzte, der mit ätzender Schärfe an den Grundpfeilern des europäischen Staatcnsysiems nagte und zehrte, bis es in seinem tiefsten Fundamente wankte und schütterte. Das Volk der Verbannten lehrte den Nationen daS gemeinsame Unglück und den gemeinsamen Feind, bis die Freiheitsschlacht in allen Landen entbrannte.
Und nun, nachdem die verschworene Monarchie von Neuem ihren rothen Henkerthron gefestet mit Strömen von Bölker- blut, stoßen sie hinaus aus dem Vaterlande in die kalte Fremde, in den eisernen Arm der Weltrevolution Tausende und Abertausende, ein Volk der Verbannten-, das die fernen Lande durchzieht mit dem ewigen Fluch auf den Lippen, mit dem unauslöschlichen Durst nach blutiger Rache im Busen.
Daheim aber trauert am verlassenen, am beraubten Heerde die einsame Mutter, daü geliebte Weib, trauern die verwais'teu Kinder. — ES irrt keiner von diesen verfloßenen Helden der Freiheit umher in der Verbannung, dem nicht hundert, dem nicht tausend Augen im heimathlichen Lande Thränen deS GrimmS und der Verzweiflung nachsendeten, dem nicht tausend Herzen nachirrten und nachseufzten, für den nicht tausend liebrnde Arme zur Hülfe und zur Aufnahme geöffnet waren, tausend liebende Fäuste geballt zur Rache! — ,
AuS Polen, aus Ungarn, auS Frankreich, aus Italien, auS Deutschland, wer zählt die Masse der Flüchtigen und der Vertriebenen?