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Zweiter Jahrgang.
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Die Hornisse.
„Raum, Ihr Herren, dem Flügelschlag Einer freien Seele!"
M- 123. Kassel, Sonnabend, den 20. October 1840e
Politische Wochenschau.
Die Mördereien Die Konstitutionellen werden stutzig. Nach den letzten ungarischen Henkersireichen ist nicht mehr recht einzusehen, wo die Wuth der Contrerevolution sich ein Ziel setzen, wo man die Herrschaft des Schreckens mit einer andern vertauschen wird. Die konstitutionelle Partei zittert für ihr eigenes Heerlager. Sie, die sich nach ihren ersten Aufwallungen tausendfach gekrümmt, im Staube gewälzt, bis zum Hunde erniedrigt hat, die ihre demagogischen Vergehen durch doppelten und dreifachen Verrath , durch feige Flucht auS der souveränen Nationalversammlung, durch dreifaches Verleugnen ihrer Principien gesühnt hat, sie erblaßt jetzt bei dem Gedanken, daß auch ihre Sünden noch heimgesucht werden könnten und daß der Würgengel der Contrerevolution vor den Thüren der konstitutionellen Aufwiegler nicht stehen bleiben möchte. Möglich, sehr möglich! Die Herren auö den Jahren 1830 flattern an einem langen Faden, ihre Thaten stehen wie die Thaten der Radikalen, der Rothen, in den heiligen Registern der hohen Polizei.
Es regiert kein Gesetz, kein Gefühl der Barmherzigkeit mehr, es regiert der Schrecken, der kalte, eiskalte Schrecken , die satanische Rache, die teuflische Mordlust. Warum spreizt ihr euch noch mit euren konstitutionellen Formen, mit euren Parlamenten, euren politischen Rechten??? Wenn ihr noch eine Ahnung von Schaamgefühl in eurem Busen trüget, ihr würfet den Henkern und Scharfrichtern die Konstitution, die bürgerlichen Rechte ins Angesicht, — oder ---. Aber nein! Während daS Blut um euch herumspritzt, während die Tribünen von dem Herzenüsafte der Männer gervthet werden, denen ihr die Schuhriemen zu lösen unwürdig seid, während man draußen auf offenem Felde die Männer der Freiheit, die Kriegsgefangenen, die Greise Hin- würgt, während ihr so ohnmächtig, so elend, so jämmerlich ohnmächtig seid, daß ihr nicht einmal ein Leben, daS Leben eines Unschuldigen retten könnt, schämt ihr euch nicht, der Welt eure abgenutzten, erbärmlichen Phrasen vorzumachen, dlScutrrt, debattirt, interpellirt ihr in der gewöhnlichen, her- kömmlichen^Weije, freut ihr euch über jeden Paragraphen, den rhr beschlossen habt und der morgen unter dem Gesetze des Standgerichts zusammenbricht, hofft und vertraut ihr noch immer auf eure moralische Kraft, auf die Macht der Ideen, die sittliche Gewalt deS konstitutionellen Rechtes.
War die Schreckensregierung der französischen Revolution schrecklicher als die Regierung eurer Könige? Wo ist mehr -olut geflossen, dort oder hier, unter den Händen eines wil
den, fanatischen Volks, oder unter den kalten, eisernen Händen eurer Tyrannen? Wo ist unmenschlicher, unbarmherziger, wo ist mit so viel Privatleidenschaft, so viel Privatrache gemordet worden, als in Ungarn, in Baden?
All' eure VolkSrechte, all' eure Freiheit ist Gaukelei, ist eine Berückung, Demoralisirung deS Volks. Sagt's offen heraus, wenn ihr der Verachtung, dem Fluch der Geschichte nicht vollends verfallen wollt, wenn noch ein Zoll an euch besser ist als euer Ruf, — sagt's dem Volke offen heraus: Es cristirt kein Recht mehr, es eristirt nur die Gewalt, der Vandalismus, die Barbarei. Verwirrt das arme, unglückliche Volk nicht noch mehr, stürzt nicht alle Rechtsbegriffe noch mehr über den Haufen, gebt den Kampf auf, der Angesichts der offenen Contrerevolution, der Mord- und TodtschlagSpolitik ein entsetzlicher Hohn auf die Allmacht deS VolkSwillenö ist, laßt die Worte sein, wo von der andern Seite die Thaten der Henker reden, tretet von eurem winzigen, armseligen Schauplatz zurück, nachdem sich eure Könige das Schaffst und den Galgen zum Schauplatz ausersehn haben.
Nein? — Nun wohl, so ruft mit demselben Fanatismus, mit demselben Wuthgeschrei, wie ihr gegen unsere Revolution die Kosaken der Großen in den Kampf gejagt, wie ihr ihnen Ehrenpforten gebaut, sie mit Kränzen und Bändern geschmückt habt, — mit demselben Fanatismus ruft nun auch daS Volk gegen die Greuel der Fürsten auf, seid hier nicht weniger muthig, als dort, seid hier nicht weniger empört, als ihr eS dort wäret. Oder habt ihr nur Augen für die sogenannten Frevel des Volks? Habt ihr keine Stimme gegen die Missethaten der Gewaltigen? Ihr seid feige, ehrlos, ihr seid Mitschuldige am Blute der Gemordeten.
Ihr seid ja die Männer der allseitigen Gerechtigkeit, der ruhigen Ueberlegung, der richtigen Mitte. Und wenn das Volk tausend- und tausendmal mehr gefrevelt, in euren Augen gefrevelt hätte, daö Volk ist nun zu Boden geschmettert, es hat für seinen vermeintlichen Irrthum mehr, tausendmal mehr gebüßt, als nöthig war; ihr gehört dem Volk an, ihr seid ja keine Fürstenknechte, keine bezahlten Söldlinge, — hebt nun, nachdem ihr un S besiegt habt, eure Faust auch gegen die Barbarei der Sieger; verflucht nun, wie ihr uns verflucht habt, auch die Uebergriffe, die Greuel eurer Könige, macht Front nach beiden Seiten, zeigt, daß ihr überhaupt ein Recht, eine Freiheit kennt, daß ihr für euer Recht, für eure Freiheit auch das Leben einzusetzen wißt.
Seid ihr zu schwach, zu ohnmächtig? Wo ist dann eure Berechtigung? Wo ist dann eure Behauptung, daß ihr der Kern des Volkes, daß ihr eben daS Volk wäret? Unter den Gegenströmen der Revolution und der Contrerevolution werdet