— 651 —
sten'ums die preußische Polizei Vereine auflöst, Versammlungen wegen „«nangemessener Reflexionen" auseinander- sagt, Songreffe wegen möglicher Verhetzung „ der Arbeiter und Arbeitgeber" verbietet, während z. B. der Redakleur der westdeutschen Zeitung, Doctor Becker, an beiden Händen geknebelt, wie ein Mörder behandelt wird, um ihn vor Gericht zu führen , während Waldeck mit allen möglichen Finten und Kniffen im Kerker gehalten wird, während der Minister Manteuffel erklärt, seine deutsche Verfassung sei sa gerade kein Evangelium, während die rechte Seite der Kammer Jeden auSlacht, der sich über eine baldige Lösung der deutschen Frage „Illusionen macht", während das Ministerium ziemlich unumwunden andeutet, daß cS schließlich thue, was es wolle, — — rcvidiren die liberalen Kammerkosaken die Verfassung mit einem wahrhaft indischen Ernste, mit einer chi- nesischen Selbstverleugnung, mit einem Ernste und einer Würde, die man sonst nur an Klingelbeutelbeamten wahrnimmt, mit einer Gewissenhaftigkeit , als sollte ein Testament für alle Generationen, die noch kommen sollen, aufgesetzt werden. Die liberalen Braminen thun , was sie nicht lassen sönnen.
Wenn man der ersten französischen Revolution die Menge ihrer Verfassungen vorwirft, so muß man doch gestehen, daß noch kein Land in einem solchen Verfassungswuste gesteckt hat, wie dermalen Deutschland. Das Königreich Preußen erfreut sich nun seit einem Jahre eines „ VerfassungSentwurfs der preußischen Nationalversammlung ", einer „ Verfassungöurkunde des Königs", in der Kürze wird es eine r e v i d i r t e Verfassungs- Urkunde und abermals über Kurzem eine oktroyirte Verfassungsurkunde besitzen. Diese letzte Verfassung wird natürlich als ein Stück Papier, was sich zwischen den König und seinen Gott, d. h. seinen Absolutismus gedrängt hat, schleunig wieder beseitigt. Das preußische Volk wird sich mit der „ungeschriebenen, lebendigen" Verfassung begnügen müssen, deren einzelne Paragraphen in dir heitern Laune Seiner Majestät gezeugt werden. DaS preußische Volk wird endlich wieder zu seinem „RechtSboden" kommen.
Daß die plötzliche Rage der preußischen Kammer puncto Steuerverweigerung nichts zu bedeuten hatte, versteht sich. Die deutschen Professoren und ihr Troß sind lustige, sanguinische Gesellen, die nach der Melodie: „Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen!" leben, fidele Schmetterlinge, leichtsinnige Hâussr. „ES kann ja nicht immer so bleiben!" Vermöge ihrer glücklichen Temperaments können sie heute vor Begeistc- rung für irgend eine Bagatelle rasend werden, morgen sind sie es nicht gewesen.
„Du lebst ja schier wie ein Franzos ! "
Mit der Steuervcrweigerung ist's gegangen wie mit der Begeisterung für VolkSsouveränetät, für die Frankfurter Verfassung, gerade so, wie'S mit der Begeisterung für die preußische Verfassung gehen wird. „Jst's nicht heute, so ist'S ein andermal!" „Wer sich alles zu Herzen nehmen wollte, müßte eine gute Constitution haben."
Die Steuerverweigerer haben nach ihrer Heldenthat er» klärt, daß sie nun auch wieder nachgiebig sein wollten, das Ministerium solle sehen, daß sie nicht unverschämt wären, sie hätten nur einmal auf den Zahn fühlen, nur einmal ihre Bravour zeigen wollen, — eö sei nun gut, die ganze Sache wäre Spaß gewesen, das Ministerium möge sich zufrieden geben. Die liberalen Kosaken haben schließlich beschlossen, daß sie, „um Mißbrauch zu verhüten", vom Steuerverweigerungörecht nur im Einverftändniß mit der ersten Kammer, d. h. niemals Gebrauch machen wollten.
Eine Nation, die sich an solche Burschen hängen kann, ist nicht werth, daß sie frei ist.
In den letzten Tagen haben uns die Kosaken ein Geschenk mit der Religionsfreiheit und den Polen ein Geschenk mit der Vernichtung ihrer Nationalität gemacht. Da diese Vernichtung
neben der preußischen Dreikönigsverfassung nicht bestehen kann, so hat Manteuffel bemerkt, daS schade nichts, diese Verfassung müsse dann nach der preußischen zugeschnitten werden. Alles, was mit der preußischen Ehre unverträglich ist, muß darin gestrichen werden. Hr. v. Manteuffel gibt also zu, daß er in seiner eigenen Verfassung in manchen Punkten gebockt hat. DaS kommt Alles von Verfassungen her, mit Verfassungen läßt sich gar nicht regieren. Manteuffel ist einer der gemüthlichsten Leute, die je gelebt haben.
Schleswig-Holstein Unsere Leser wissen, mit welch' verzweifeltem Muth, mit welcher Zähigkeit und Begeisterung die SchleSwig-Holsteiner für ihr gutes Recht, für daâ von Preußen, von Deutschland anerkannte Recht gestritten haben, — — die SchleSwig-Holsteiner sind nicht gesonnen, dem preußischen Machtgebote, diesem niederträchtigen Verrathe nachzugeben, nach jenen Ländern scheint die Ehre, der Stolz, der Hochsinn, scheint die ganze Kraft der deutschen Nation, alle Freiheitsliebe, alle Begeisterung für daS heilige Recht, scheint alles Große, Edle, Jugendliche sich gerettet zu haben, Schleswig und Holstein sind die einzigen Länder, die sich im Jahre der deutschen Schmach und Schande, der Erbärmlichkeit und Armseligkeit mit Ruhm und Ehren bedeckt haben, die stolz, groß und frei dastehen, frei trotz der preußischen Bajonette, der preußischen Heimtücke, der Spitzbubenpolitik.
Schleswig-Holstein leistet in diesem Augenblick passiven Wiederstand, aber dieser passive Wiederstand ist nur die Zeit der Verständigung, der Anfeuerung, der Vorbereitung. Die Agitation zur neuen Erhebung ist unermüdlich, rast- und ruhelos. Auf sein gutes Recht gestützt, weicht das Volk nicht einen Schritt zurück, die Befehle der aufgedrungenen Landesverwaltung werden nicht ausgeführt, die aufgedrungenen Beamten werden zurückgewiesen, der bewaffneten Offensive folgt die bewaffnete Defensive. Die Jugend schaart sich um ihr theures Banner, durch alle Schichten deS Volks zucki's wie Fieberschauer, — — für die Freiheit zu kämpfen darf man nicht müde werden; was der Abend nicht gebracht, bringt vielleicht der Morgen.
Deutschland wird seine Brüder im Stich lassen, der Theil deS Volks, der jetzt auf der Tribüne steht, ist alles Ehrgefühls baar, zu jeder großen That zu feige und erbärmlich, zu hündisch und niederträchtig. Die kleine Schaar von Männern, von Helden wird also geschlagen, vernichtet werden, aber der Name SchleSwig-HolsteinS wird vermuthlich länger dauern, alö der deS 48er Deutschlands.
Die deutsche und europäische Frage. Der türkische Sultan, der Staat der Muselmänner, gegen den die christlich-germanische Jungfräulichkeit seit Jahren einen Kreuzzug predigt, hat den christlichen Majestäten die Auslieferung der ungarischen Flüchtlinge verweigert. Die Muhammedaner, der Unglaube, rettet die unglücklichen Rebellen vor der Blutgier, dem Rachedurst der gläubigen Kaiser; der türkische Sultan ist der einzige Monarch in Europa, bei dem die geschlagene Freiheit, die niedergemetzelte Begeisterung ein Asyl, eine Freistätte findet, der einzige Monarch, der noch Stolz und Selbstgefühl genug besitzt, um dem Vandalismus, der Rohheit, der Viehigkeit der Monarchen entgegenzutreten.
Der österreichische und russische Gesandte haben daher Con- stantinopel verlassen. Sie fordern das Blut der Flüchtigen oder drohen mit Blut, es ist die Wuth der Hyäne, deö Tie- gers, der seine Beute sieht und nicht fassen kann, der schon Blut getrunken hat und nun dursten soll. Die christlichen Wulheriche haben bange, daß ihre Henkersknechte eines Tages nichts mehr zu thu» hätten.
Die Abreise der Gesandten hat einen Schrei der Entrüstung durch ganz Europa hervorgerufen I Es ist die Barbarei