— 640 —
Seine Majestät wird die Macht deS königlichen Wortes nicht vergessen, Sie wird nicht vergessen, daß Sie mit Ihrem königlichen Worte allen Thatsachen Hohn sprechen, euch über alle Thatsachen täuschen kann.
DaS königliche Wort wird noch oft genug den Vorhang der diplomatischen Komödien bilden müssen.
Der europäische Fürsten-Kongreß
Wir haben in der vorletzten Nummer die Ansicht ausgesprochen , daß gegen einen Fürstenkongreß gar nichts einzuwenden, daß er vielmehr eine logische Folge der vernichteten Volkssouveränetät sei. In der letzten Nummer haben wir hinzugefügt, daß wir aber eines solchen Kongresses gar nicht bedürften, daß wir seines Segens auch auf eine andere Manier theilhaftig würden.
Kaiser Nikolas ist mit unS derselben Meinung. Ein Kongreß ist zunächst etwas Umständliches, seine Berufung schon ein Präjudiz, seine Geschäftsordnung eine Unbequemlichkeit.
Was haben sich England und Frankreich in die deutschen Angelegenheiten zu mischen? Als ob nicht Deutschland seinen Herrn und Vater, seinen allmächtigen Beschützer hätte, den Kaiser aller Kosaken, den heiligen NikolaS? Als ob der Kaiser von Rußland einen Nebenvormund, als ob er dulden könne, daß sich eine andere Macht in die Erziehung des deutschen MichelS, in die Angelegenheiten des heiligen römischen Reiches mische ?
Die organische Fortbildung der heiligen Allianz, der preußisch - österreichischen Vasallcnschast, die immer weitere Entfremdung der deutschen Großmächte vom konstitutionellen England, vom revolutionären Westen, — daS ist das Ziel, was sich Nikolas gestecht hat und das er — Dank der kleindeutschen Partei! — auch erreichen wird.
Kaiser Nikolas rechnet die gegenwärtige Bewegung in Deutschland zu den inneren Angelegenheiten, gegen welche ein direkter diplomatischer Eingriff nicht nöthig sei. O bewahre! Warum sollte der Russe gegen Bewegungen einschreiten, die er selbst diktirt, in seiner Hand hat, die in seinem Interesse geschehen? Warum sollte er seine Unterknäse in ihrem emsigen Bestreben, Deutschland zu russisiziren, durch direkte Eingriffe stören? Es geht ja Alles nach Wunsch, die deutsche Verkriech- tung nimmt ihren schönsten Fortgang, die deutsche Sache ist eine russische. Warum sollte der Russe diese Krystallisation der Verhältnisse stören?
Kaiser Nikolas behält sich den direkten Eingriff für eine Zeit vor, wo es seine Unterknäse oder deren Unterthanen wagen sollten, deutsch oder selbständig, oder frei oder glücklich zu werden. In diesem Augenblick wird er aber nicht blos diplomatisch, sondern militärisch einschreiten.
„Mit unS ist Gott!" Unter der Schutzherrschaft der Kosaken und Baschkiren wird das heilige römische Reich den Vorposten gegen die englische Politik bilden, im Dienste der Russen wird cs sich an dem Kampfe deS Ostens gegen den Westen betheiligen.
„ Kosakisch oder republikanisch!" Da wir keine Republikaner geworden sind, so wird Kaiser Nikolas die Prophezeiung Napoleons auf die andere Art eintreffen lassen. Der Russe hat mehr Respekt vor dem Adlerblick deS französischen Kaisers, als unsere Professoren.
Die Pläne deS Kaisers NikolaS bedürfen nicht allein k e i- nes FürstenkongresseS, sie dulde»» ihn sogar nicht.
Diplomaten-Turnier
(Eine Ballade.)
Die Königin Victoria im Buckinghamvalaste
Ein Fest gibt sie zu Ehren heut' dem Allerhöchsten Gaste, Besonders abgezirkelt ist der Cirkel und brillant, Und keiner darf erscheinen dort, denn mit dem Hosenband.
Jetzt, alS die Zeit gekommen war, sich schier zu ennuyiren, Ein leiseS Gähnen in dem Saal und Räuspern zu verspüren, Erhub die kleine Königin sich mitten in dem Kreise Und redet die Gesellschaft an und sprach in dieser Weise:
„ Auf daß mein Allerhöchster Gast sich Allerhöchst erfreu', So will ich arrangiren jetzt ein seltsamlich Turnei: Ihr Herren Diplomaten all' geht einen Wettkampf ein, Der Platz vor meinem Throne hier soll eure Schranke sein.
„Und wer als Sieger kühn gestreckt die Andern in den Sand,
Dem reich' ich diese Rose hier auS meiner kleinen Hand. Auf Palmerston von Engelland! du Trumpf der Diplomaten, Spiel' du die erste Karte aus, und nenne deine Thaten."
Er sprach: „Ich bin ein Ritter werth! Gar männiglich bekannt
Sind meine Heldenthaten wohl in ganz Europaland;
In Irland hab' ich mein Talent so deutlich dargelegt, Daß mich das Volk wohl fressen möcht', wie man zu sagen pflegt.
„ Als Sieger ging ich aus dem Kampf mit Guizot und Genossen,
In Spanien ist viel Heldenblut zu meinem Ruhm vergossen, Und Stambul und NeapoliS, Madrid und Marathon Sie flehn und schreien allesammt: „Hilf, Ritter Palmerston!"
„Doch weil die vielen Kriege mich am Ende auch ermüden, So schloß ich für Herrn Michel jüngst mit Dänemark den Frieden,
Davon ist jener so erfreut, daß er als Anerkennen Das erste Kriegsschiff, das er baut, „Lord Palmerston" will nennen." —
Und nach dem edlen Ritter trat Hr. Guizot in die Schranken: „Ich will mich mit dem großen Lord nicht um den Kampf' preis zanken;
Erkenn' als Meister jenen an, Ehre, dem sie gebührt, Ich hab' mein ganzes Leben nur ein Kunststück ausgeführt.
„In einem großem Fasse Wein von edlem JahreSgang Hielt ich daS starke Gâhren auf viel liebe Jahre lang; Die Gahrung wär' auch sicher noch bis diesen Tag gebannt, — Doch leider flog der Stöpsel fort mit mir nach Engelland." Nach diesen beiden Kämpen trat heran zu Englands Thron Hr. Metternich von Oesterreich, der edle deutsche Sohn; So selbstgefällig trat er auf, so sicher in die Schranken, Man sah'ö ihm an, er feierte den Sieg schon in Gedanken. Er sprach: „Ich will zuletzt daö Wort nach Allen mir erbitten;
Die beiden Kämpen, die vor mir um ihren Ruhm gestrU e , Sie strebten stets, ihr Vaterland vor ander» groß s machen, , ,
Die Narr'n! ein ächter Diplomat muß drüber herzlich lach „Schaut hin! Wo ihr an Micheln seht die allergrößte Bloß^ Das ist mein herrlichster Triumph und meine größte Grop , Jug mich vcr Tölpel einst auch fort mit unverschan
Worten, Er baut auch wieder seiner Zeit mir neue Ehrenpforten.