Vxtra-Blatt zu Nr. L<»8 der «HornLUe
Deutsche Brüder!
Zufolge eines Beschlusses des schweizerischen Bundesrathes muß ich den Schweizerboden verlassen, muß ich scheiden von Tausenden von, zurückbleibenden Unglücksgefährten, welche für eine gerechte Sache gekämpft haben, und welche nun, fern vom Vaterlande, kaum ihr'Leben zu fristen vermögen. — ,
Während meines Aufenthaltes in der Schweiz habe ich mir hauptsächlich die Aufgabe gestellt, mit meinen Unglücksgefährten in Verkehr zu bleiben, und denselben, so weit in meinen Kräften stand, mit Rath und That an die Hand zu gehen. — Auf diese Weise machte ich denn die Erfahrung, daß trotz der .lobenswerthen Anstrengungen der verschiedenen, aus wackern Schweizerbürgern bestehenden Comitv's, trotz der Einkasernirung einiger Tausend Freiheitskämpfer auf Kosten der Schweiz das Lckos der Flüchtlinge ein sehr hartes, und zwar insbesondere deswegen ist, weil die aus dem deutschen Vaterlande und anderen Ländern beigesteuerten Summen im Verhältniß zur Zahl der Hülfs- bedürftigen durchaus unzureichend genannt werden müssen. —
Hierauf mit aller Freimüthigkeit aufmerksam zu machen, halte ich für eine heilige Pflicht, bevor ich eine gezwungene ferne Reise antrete. —
Es ist aber auch für Euch, Ihr deutschen Brüder, die Ihr ungestört am heimathlichen Heerde ein ausreichendes Einkommen habt, heilige Pflicht, das Loos dieser Unglücklichen durch Beisteuern zu erleichtern. —
Darum helft, helft schnell, wenn Ihr Menschlichkeit üben wollt, wenn der Ruf des deutschen Volkes, daß eS großmüthig und edel sei, eine Wahrheit bleiben soll! Bedenkt, daß Tausende von ledigen jungen Männern auf dem kleinen Territorium der.Schweiz ihre Arbeitskräfte nicht verwenden können, und darum für,den kommenden Winter ohne Aussicht auf Nahrung und Kleidung sind; bedenkt vor Allem das schreckliche Schicksal der Hunderte von-Familienvätern, die einst ein reichliches Einkommen hatten, und nun durch Beschlagnahme ihres Vermögens mit Weib und Kindern im wahren Sinne des Wortes als Bettler auf Schweizerboden umherirren. —
Wenn in den Städten und Dörfern aller deutschen Länder jeder wohlhabende, menschlich fühlende Bürger auch nur 6 Kreuzer beisteuert, so können die 6- bis 8000 in der Schweiz lebenden Flüchtlinge entweder in der Schweiz selbst ihre Eristenz sichern oder aber in andere Länder zum Aufsuchen von Arbeit auswandern. — Es wird sich wohl in jedem Orte ein Ehrenmann finden, der die Beiträge sammelt und in die Schweiz schickt. — Die Sendung geschieht am geeignetsten an die Präsidenten ter in der Schweiz aus ansässigen Bürgern bestehenden Unterstützungs- romitvs, nämlich an Herrn Stäatsschreiber Weyermann in Bern, an Herrn Staatsanwalt Dubs in Zürich, an Herrn RegierungSrath Isaac in Luzern, an Herrn Buchhändler Berlepsch in St. Gallen. —
Es ist Fürsorge getroffen, daß die an die Comites' gelangenden Gelder gleichmäßig an sämmtliche Flüchtlinge in der ganzen Schweiz vertheilt werden. —
Man ist gewöhnt, von politischen Führern die Zeit ihrer Verbannung hauptsächlich dahin verwendet zu sehen, daß sie Propaganda für ihre politischen Ansichten machen, daß sie mißglückte Revolutionen beschreiben und Systeme für künftige Revolutionen aufstellen; ich für meinen Theil möchte nebstdem vor Allem das Loos der Tausende verbannter Unglücklichen erleichtert wissen, und ich verabschiede mich beim Verlassen des Kontinents von meinen deutschen Mitbürgern mit dem Rufe: '
„Möge das Schicksal dieser Tausende von Unglücklichen so recht eindringlich zu erkennen geben, was das „deutsche Volk schmachvoll seit dem März 1848 verschuldet hat; möge aber eine reichliche Unterstützung an „die verbannten Brüder ein Beweis der Reue und ein Fingerzeig für thatkräftigeres Handeln in der „Zukunft sein!"
. Zürich, den 6. September 184.9.
A. Goegg,
Mitglifd her vermal. badischen vrevisortschen Regiernn^,
yß^tnirfrrn von Carl Gotthel st.