weichen mußte, als eâ sich nicht mehr darum handelte, ein begeistertes Volk zur Befreiung Europas in die Weltschlacht zu führen, sondern eine blutig verwundete, halb verzweifelnde Nation vor dem Untergang durch offenen Zwiespalt in ihrem eigenen Busen, vor Verrath im eigenen Feldlager zu retten.
Vielleicht hat Kossuth geglaubt, durch die Uebertragung der Diktatur an Görgey, diesen Kriegshelden, dessen politischer Energie er mißtraute und dessen Ehrgeiz und nationale Beschränktheit er fürchtete, von Neuem für den Kampf auf Leben und Tod zu gewinnen; vielleicht wollte er ihn dadurch, daß er ihn an die Spitze der Nation stellte, mit neuer Begeisterung , mit neuem Ehrgefühl erfüllen.
Mindestens aber hat er eö durch diesen Schritt unmöglich gemacht, daß vor den Augen Europas das gepriesene Helden- Volk in sich selbst zerfiel, und in schmählichem, offen ausge- sprochenem Verrath die Tricolore der Magyaren vernichtet wurde.
Seine große Seele wird sich trösten in dem Bewußtsein, daö Große gewollt zu haben, trösten mit dem Resultat jenes Heldenkampfs, den sein heilig Wort entzündet, mit dem Resultat der Vernichtung Oesterreichs als Gesammtmonarchie. Denn dahin wird eö kommen. Ungarns Selbstständigkeit wird gerettet und damit der Kampf der Zukunft. Der tückische Czaar hat daö Vermächtniß Kossuths übernommen: Haböburgö zusammengeleimteö Reich zu zertrümmern. —
EinBriefKossuthö an Bem bestätigt diese Ansichten:
„An den Herrn F.-M.-L. Bem.
Teregova, den 14. August 1849.
„ An meiner persönlichen Sicherheit ist mir nichts gelegen. Ich bin des Lebens satt und müde; denn ich sehe, wie der schöne Bau meines Vaterlandes und mit ihm daS Heiligthum der europäischen Freiheit nicht durch unsere Feinde, sondern durch unsere Brüder zusammenstürzt.
ES ist daher nicht die feige Liebe zum Leben, die mich bestimmt hat, mich zu entfernen, sondern die Ueberzeugung, daß meine Gegenwart schädlich für mein Vaterland geworden ist.
Der General Guyon schreibt unS, daß die bei Temeöwar vereinigte Armee in völliger Auflösung begriffen ist; Sie, Hr. G.-L. , sind kampfunfähig; Görgey , an der Spitze der einzigen Armee, die nach diesem Berichte noch bestand, hat erklärt, daß er nicht mehr gehorchen, sondern regieren wolle. Ich habe ihn beschworen, Patriot, seinem Vaterlande treu zu sein, und ihm Platz gemacht.
Gegenwärtig bin ich ein einfacher Bürger und nichts weiter. Ich bin nach Lugoö gegangen, um zu sehen, wie eö dort auö- sieht und auf welche Streitmacht man noch zählen könnte, um den Kampf fortzusetzen. — Daö Corps des Generals Vecsey fand ich wohlgeordnet und von gutem Geiste beseelt, alle übrigen in völliger Auflösung. Deßewsy, Kmety haben mir erklärt, daß sich diese Armee nicht mehr schlagen, sondern beim ersten Kanonenschuß auöeinanderlaufen wird. Ich fand einen gänzlichen Mangel an Lebensmitteln und unS auf Requisitionen beschränkt, ein jämmerliches Mittel, welches das ganze Volk zu unserm Feinde macht; die Bank nach Arad tranöportirt, also in Görgey's Gewalt. Ich gewann daher die Ueberzeugung, daß, wenn Görgey sich ergibt, die Armee bei Lugos sich nicht 24 Stunden lang halten wird, da eS ihr an Subsistenzmitteln fehlt. Eme Armee kann sich wohl mit ZwangSrequifitionen und Contributionen in Feindesland erhalten — aber im eigenen Lande!
Ich meines Theils werde nie die Hand zu gewaltsamen und feindseligen Maßregeln gegen mein Volk bieten; ich möchte eö gern mit Aufopferung meines Lebens retten, aber unterdrücken: nie.
Sie sehen also, Herr G.-L., eS ist eine Gewissenssache. Ich kann nicht gestern abtreten und heute wieder die Zügel der
Regierung ergreifen. Wenn die Nation und die Armee anders entscheiden, dann würde sich die Sache anders gestalten; aber die Armee Görgey's, die tapferste unter allen, müßte dazu beistimmen. Sonst bin ich einfacher Bürger, und als solcher werde ich nie den Beistand meiner, auch nur passiven Gegenwart Maßregeln des Terroriömuö, der Verheerung, Plünderung, Requisitionen, Unterdrückung gegen daS Volk leihen.
Wenn mich auch Görgey'S Armee auffordert, die Regierung wieder zu übernehmen — wenn eS Ihnen gelingen wird, einige Operationen auszuführen, um die Verproviantirung Ihrer Armee ohne Schreckens- und Unterdrückungsmaßregeln gegen daâ Volk sicher zu stellen — wenn die Bank in die Möglichkeit versetzt wird, zu arbeiten, und wenn sie zu meiner Disposition steht — unter diesen drei Bedingungen würde ich, auf den Ruf der Nation, die Regierung wieder übernehmen — wo nicht, nein; denn für mich ist der Krieg nicht der Zweck, sondern nur daS Mittel, um das Vaterland zu retten; wenn ich keine Wahrscheinlichkeit habe, mich dem Ziele nähern zu können, so will ich auch meine Hand nicht dazu bieten, den Krieg, einzig des Krieges wegen, fortzusetzen.
Ich rathe Ihnen daher, als guter Bürger und ehrlicher Mann, ein Konnte von Volksrepräsentanten niederzusetzen; denn nur die souveräne Gewalt kann über die Regierung verfügen. Schicken Sie Couriere nach Komorn und Peterwardein, damit sie sich halten; verschaffe» sie sich die Gewißheit der Mitwirkung des Kommandanten der Festung Arad. Dies ist vor Allem nothwendig; nicht meine Gegenwart; denn da Sie jetzt zu Maßregeln der Gewalt gegen das Volk genöthigt sind, um Ihre Armee zu erhalten, so würde ich durchaus nicht den Beistand meiner Gegenwart für solche Maßregeln leihen.
Genehmigen Sie die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung. Ludwig Kossuth."
Görgey schuldet dem großen Herzen Kossuths den Dank seiner Ehre und seines Ruhms. Kossuth hat ihm durch seine Entsagung den Verrath unmöglich gemacht. Er ist nun Diktator Ungarns, und auS der Handlung der Ergebung, die bei einem einzelnen General Verrath gewesen wäre, wird damit die Waffenstreckung der ganzen Nation.
Die Einzelheiten sind ungenau. ES wird behauptet von Seiten der Kaiserlichen, daß bereits alle Heerhaufen die Waffen niedergelegt hätten, und daß nur die polnische Legion im Innern von Siebenbürgen dieses verschmähe. Natürlich, lieber sterben, alö nach Sibirien! — Auch Komorn soll gefallen sein.
Görgey hat den General Klapka wenigstens dazu aufs*' fordert.
Der Diktator General Arthur G ö r g e y an den General Klapka, Commandanten des ungarischen Armeekorps in Comorn.
General!
Die Würfel sind gefallen. — Unsere Hoffnungen sind vernichtet. DaS HauS Habsburg-Lothringen hat durch seine und Rußlands vereinte Kraft unsere Macht gebrochen; alle unsere unermeßlichen Anstrengungen und zahllosen Opfer für die Selbstständigkeit unserer großen Nation waren fruchtlos, und
würden — länger dargebracht — Wahnsinn sein. , , General! Sie werden die Art meines Handelns bei lagos räthselhaft, ja unglaublich finden. — Ich werde 3$ueu und der Welt dies Räthsel lösen.
Ich bin Ungar, liebe mein Vaterland über Alles, folg daher der Stimme meines Herzens und dem inneren Drang, meinem armen, in seinen innersten Marken zerrütteten Bate^ lande den heißersehnten Frieden wiederzugeben und eö dadurcy vor gänzlichem Untergang zu retten.
General! Dies die Ursache meines Schrittes zu Vilag > die Nachwelt wird über selben daS Urtheil fällen.
General! Kraft der mir von der Nation durch das a g (Beilage.)