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Kassel, Sonnabend, den 1. September

1849

Deutschlands Vergangenheit und Gegenwart

7.

Friedrich Wilhelm IV. von Preußen.

Preußen soll von nun an in Deutschland aufgehn."

(Schluß.)

Kein Fürst der Welt hat solche Angriffe durch die Poesie erfahren, wie Friedrich Wilhelm IV. Es war natürlich. Er wollte der Priester der Musen sein und verachtete und ver­folgte ihre Jünger.

Gutzkow, Prutz, Gottschalk, Hebbel und andere Drama­tiker wurden von den Vorurtheilen des GotteSgnadenbewußt- seinS und der Classizität von der Bühne Berlins verbannt. Gutzkow'S Zopf und Schwert, Prutz'S Moritz von Sachsen dursten nur deßhalb nicht dargestellt werden, weil die aller­höchsten Vorfahren Sr. Majestät in den betreffenden Stücken auftrateu, und weil daS eine Entheiligung des KönigSthumS sein würde.

Prutz bat darauföffentlich um ein Verzeichniß aller könig­lichen Anverwandten, um danach im Voraus feine Stücke zu­schneiden zu können.

Ganz andere Verfolgungen aber mußten die lyrisch-poli­tischen Dichter erfahren.

Die politische Poesie, die zu allen Zeiten, bei allen Völ­kern , zur Zeit der Schmach und deS Untergangs in der Form der Satyre, zur Zeit der Erhebung in Form der begeisternden Oden und Dithyramben erwachte, hatte seit dem Jahr 1840, als über den dunkeln Gauen des deutschen Vaterlandes ein neuer politischer Morgen leise zu grauen begann kühn und gewaltig von Neuem ihren jugendlichen Flügel erhoben.

Und wie ganz Deutschland mit den größten Erwartungen nach Friedrich Wilhelm IV. blickte, so hatte auch sie in begei­sterten Liedern von ihm daS Heil Deutschlands gefordert und

Keiner hat diesen Erwartungen beredtere und edlere Worte gegeben als Herwegh, der Koryphäe dieser Richtung, Keiner hat, wie er, den ehrgeizigen Fürsten so laut, so entschieden an be selbst klngestandene Pflicht, an den verkündeten Beruf gemahnt, der Retter und Held Deutschlands zu werden.

Wäre Friedrich Wilhelm der erwartete Held gewesen, die schlummernde Thatkraft seines Herzens hätte wie von Blitzen entzündet werden müssen durch Worte gleich den folgenden:

Die Sehnsucht Deutschlands steht nach Dir,

Fest, wie nach Norden, blickt die Nadel!

O Fürst, entfalte Dein Panier,

Noch ist es Zeit, noch folgen wir,

Noch soll verstummen jeder Tadel.

Laß, was den Würmern längst verfiel,

In Frieden bei den Würmern liegen;

Dir ward ein weiter, höher Ziel,

Dir ward ein schöner Ritterspiel,

Alâ krumme Lanzen grad' zu biegen.

Sei in des Herren Hand ein Blitz,

Schlag' in der Feinde schnöden Witz,

Schon tagt ein neues Austerlitz

Magst Du in seiner Sonne siege»!

DaS rathloS auseinander irrt,

Mein Volk soll Dir entgegenflammen;

Steh' auf, und sprich:Ich bin der Hirt,

Der Eine Hirt, der Eine Wirth,

Und Herz und Haubt, sie sind beisammen!"

Das West und Ost, daS Nord und Süd

Wir sind der vielen Worte müd!

Aber der Fürst war der Worte noch nicht müde. Er wollte weder der Eine Hirt noch der Eine Wirth sein, noch der Blitz in deS Herrn Hand und daSwaS den Würmern längst verfiel", war ihm viel zu sehr an daS Herz gewachsen, als daß er das Panier für daö Austerlitz der Volksfreiheit hätte erheben wollen und können. Er fühlte sich allerdings geschmeichelt, der Gegenstand der Lieder eines so ausgezeichneten Poeten, wie Herwegh, gewesen zu sein; aber als der Dichter sich in einer königlichen Audienz nicht dahin imponiren ließ, aus einem SauluS ein Paulus zu werden, that ihn Se. Kön. Majestät in die Acht, und fuhr fort, Re­den zu halten und Worte zu machen.

Diese Ausweisung und die Verfolgung anderer politischer Lyriker, wie HoffmannS von Fallersleben, und das Verbot ihrer Werke, machte die politische Poesie zu wüthenden Fein­den ihres Verfolgers. Sie verspottete ihn, sie machte ihn lächerlich zur Rache für die ihr zugefügten Qualen.

Durch die Stimmen dieser Dichter wurde in ganz Deutsch­land der Grund gelegt zu dem allgemein herrschenden Miß­trauen in die Charakterstärke und in die Aufrichtigkeit des Kö­nigs. Es wird die Hauptaufgabe eines wahrheitsliebenden Biographen dieses Königs sein, jene Stimmen zu sammeln, die Friedrich Wilhelm IV. in die sengenden Flammen der